"Die eigentliche Integrationsarbeit fängt erst an"

Barbara Puppe

Von Barbara Puppe

Fr, 02. Juni 2017

Offenburg

Kirchenbeauftragte für Flucht und Migration im Evangelischen Kirchenbezirk Ortenau ziehen Bilanz / Nach der Nothilfe kommen die eigentlichen Herausforderungen.

OFFENBURG/ORTENAU. "Unsere Stellen braucht es noch in zehn Jahren", sagt Katharina Lindner. Die Religions-und Sozialpädagogin ist eine von mehreren Kirchenbeauftragten für Flucht und Migration im Evangelischen Kirchenbezirk Ortenau. Die eigentliche Integrationsarbeit fange erst an, vorher sei es Nothilfe gewesen.

24 Stellen eingerichtet

Die Integrationsarbeit für und mit Flüchtlingen sei nicht mehr von dem Gedanken motiviert: "Wir nehmen euch an die Hand", sondern es gehe um Förderung, Kompetenzerhöhung, Bildung und Begegnung, aber auch um Aufarbeitung von Fluchterfahrungen und interreligiösen Dialog. Inzwischen hätten sich die Helferkreise ausgebreitet und vernetzt, Freundschaften seien entstanden. Gerade in Dörfern spielten gemeinsame Feste und Vereinszugehörigkeit eine wichtige Rolle. Eine Gruppe von vier Geflüchteten war kürzlich in Berlin beim zum evangelischen Kirchentag.

Um die Flüchtlingsarbeit zu intensivieren und die Kirchenbezirke sowie Kirchengemeinden in ihren Aktivitäten vor Ort verstärkt zu unterstützen hat die Evangelische Landeskirche in Baden im Dezember 2015 ein Maßnahmenpaket in Höhe von zusätzlichen 11,2 Millionen Euro für drei Jahre beschlossen, davon fließen 50 000 Euro in die Ortenau. Insgesamt wurden auf Kirchenbezirksebene 24 zusätzliche 50-Prozentstellen eingerichtet, sie fördern Akzeptanz und Begegnung, stärken den interkulturellen und interreligiösen Dialog und die Integrationsarbeit und begleiten die Arbeit von Haupt-und Ehrenamtlichen. Katharina Lindner ist für den Bereich Lahr zuständig. Für Offenburg und Neuried wurde Religionspädagogin Isabel Kimmer beauftragt, Gabriella Balassa (Master internationale Beziehungen und Bildungsmanagement ) ist seit Oktober 2016 als Landeskirchliche Fachberatung Flüchtlingshilfe in Kehl tätig und für die Beratung von Flüchtlingen sowie Ehrenamtlichen in Kehl, Oberkirch und Achern zuständig. Die drei Frauen berichteten nun über ihre Arbeit und zogen eine erste Bilanz.

Die Arbeit ändert sich

"Unsere Arbeit hat sich geändert seit die Geflüchteten direkt in die Gemeinden kommen und sich nicht mehr in den Gemeinschaftsunterkünften an das Leben im fremden Land gewöhnen könnten", sagte Balassa. "Was wir ihnen als Beauftragte der evangelischen Kirche bieten können ist neben Einzelbetreuung und Gruppenangeboten auch seelsorgerliche Begleitung ", so Lindner. Dazu brauche es vor allem Zeit, man müsse für Ängste, Sorgen und Trauer da sein. Oft ginge es um die Trauer um verstorbene Angehörige im Heimatland oder um die Angst abgeschoben zu werden. Auch die Ehrenamtlichen bräuchten Unterstützung oder Mediation, etwa alle acht Wochen treffen sich in Lahr und Offenburg die Mitarbeitertankstellen. Ein "Interreligiöser Dialog" mit verschiedenen Veranstaltungen und Friedensgebeten sei dort ebenfalls initiiert worden. "Musik verbindet Kulturen" ganz ohne Worte – zu dieser Projektreihe gehören Konzerte mit geflüchteten Musikern, Trommelworkshops und ein interkultureller Gospelworkshop.

In der "Heimatküche" in Offenburg und Lahr wird deutlich: Kochen ist Heimat, egal, wo der Herd steht. Speisen aus unterschiedlichen Erdteilen werden gemeinsam zubereitet, Annäherung und Integration entstünden beim schnippeln, braten und anschließendem essen (wegen des Ramadan erst ab 21 Uhr) ganz beiläufig. Beim brasilianischen Kampftanzprojekt Capoeira in Lahr könnten die Teilnehmer erleben: Wer am Boden liegt, kann auch wieder aufstehen. Eine besondere Bedeutung hatte der Schwimmkurs im Schwimmbad des Hotels "Vier Jahreszeiten" in Durbach für Frauen, die übers Wasser geflüchtet sind, sie konnten dabei die Angst vor dem Wasser verlieren.

Förderung von Initiativen

Langjährige gut genutzte Anlaufstelle in Offenburg ist das Café International in den Räumen der evangelischen Stadtkirche.

Inzwischen kommen immer mehr Flüchtlinge in Anschlussunterbringung oder finden Wohnungen. Mit Unterstützung des Diakonischen Werkes hilft der Arbeitskreis Migration Achern mit Möbel Transport beim Umzug, ein Anhänger konnte erworben werden, um die Umzüge besser abwickeln zu können. Junge Flüchtlinge im Alter von 15 bis 18 vorwiegend aus Syrien oder dem Irak werden in der Lernwerkstatt in Kehl unterstützt. Ein Fotoprojekt soll Kontakte zu deutschen Jugendlichen herstellen. Für Oberkirch hat Balassa eine Bildungswoche in den Ferien beantragt, das Jugendliche in die Lage versetzen soll, die Werte unserer Gesellschaft und die politischen Diskussionen besser zu verstehen und sich aktiv zur Thematik zu äußern. Für die Ehrenamtlichen fanden zwei Tagesseminare und mehrere Abendseminare zum Thema Rassismus und Rechtspopulismus statt.

Stärker publik gemacht werden müssten die Fördermöglichkeiten für Flüchtlingsinitiativen aus dem Topf der Evangelischen Landeskirche. Dazu liegt ein Formblatt zur Beantragung von Sachmitteln vor.

Informationen über Evangelische Erwachsenenbildung Ortenau, Poststraße 16, 77652 Offenburg, Tel. 0781/ 24018, E-Mail: eeb.ortenau@kbz.ekiba.de , http://www.eeb-ortenau.de