"Die Frau muss ihren Platz finden"

rob

Von rob

Di, 21. März 2017

Offenburg

BZ-INTERVIEW mit Angelika Pietschmann, Leiterin eines Seminars zum Thema: "Hilfe, ich heirate einen Hof" / Tipps für Bäuerinnen.

OFFENBURG. "Hilfe – ich heirate einen Hof": Eine Veranstaltung mit diesem Titel wendet sich an Frauen, die durch ihren in der Landwirtschaft tätigen Ehemann oder Partner gleichzeitig auch dessen Betrieb "heiraten". Ob sie voll mitarbeiten oder weiterhin ihrem bisherigen Beruf nachgehen wollen: Es werden Fragen auftauchen. Nach einer Premiere in der Landvolkhochschule Bildungshaus Kloster Sankt Ulrich fand das Seminar jüngst im Amt für Landwirtschaft Offenburg statt. Unser Mitarbeiter Robert Ullmann sprach mit der Agrar-Referentin Angelika Pietschmann, die das Seminar geleitet hat.

BZ: Frau Pietschmann, die TV-Reihe "Bauer sucht Frau" läuft schon seit zehn Jahren, teils wird die Landwirtschaft als Idylle dargestellt, mit viel Natur und freundlicher Großfamilie, teils als Tretmühle mit Arbeit rund um die Uhr und kaum Freizeit. Wo steht "Hilfe – ich heirate einen Hof"?
Pietschmann: Mitten im wirklichen Leben. Das Seminar wirft einen Blick auf die Realität. Landwirtschaft ist weder Bilderbuch-Idylle noch muss sie Tretmühle sein. Sie hat – je nach Betrieb – ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, die den Tagesablauf bestimmen. Genau anzuschauen, was die Teilnehmerin braucht, um sich auf dem Hof wohl zu fühlen, wie sie sich einbringen kann: Das haben wir im Seminar zu unserer Aufgabe gemacht.

Leben auf einem Hof bedeutet auch: Leben und Arbeiten in einer Generationengemeinschaft. Nicht nur im Betrieb, auch in der Familie muss die junge Frau ihren Platz finden. Dazu braucht es eine gegenseitige wertschätzende Grundhaltung – und natürlich muss man ’schwätze miteinander’.
BZ: Wie ist die Idee zu dem Seminar entstanden?
Pietschmann: Bei Veranstaltungen zeigte sich, dass die Partnerinnen von Hofnachfolgern, so sie nicht aus der Landwirtschaft kommen, Schwierigkeiten haben, sich einzuklinken. Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten als früher für die jungen Frauen, ihr Leben auf dem Hof zu gestalten. Die sollen sie nutzen. ’Gestalten statt aushalten’ ist die Devise. Wir wollten einen Gedankenaustausch unter diesen ’Neu-Bäuerinnen’. Das hat funktioniert. Indirekt soll ’Hilfe, ich heirate einen Hof!’ auch einen Beitrag zu gelingenden Hofübergaben sein. In Baden-Württemberg haben derzeit 70 Prozent der Höfe keinen Nachfolger. Das macht uns Sorgen.

BZ: Um welche Themen geht es bei "Hilfe, ich heirate einen Hof!" zum Beispiel?
Pietschmann: Immer um die, die eingebracht werden. Wo ist mein Platz? Wo finde ich persönlichen Freiraum? Das schlechte Gewissen, weil Teilnehmerinnen sich wegen der Betreuung ihres Kleinkindes nicht so viel in die Arbeit auf dem Hof einbringen können. Ein anderes Beispiel: Wer neu auf den Hof kommt, ist in der Regel mit eingespielten Tagesabläufen konfrontiert – die man als Neuling aber nicht kennt. Andere Themen sind die Finanzen. Oder das Thema Freizeit und Hobby. Das war alles auch in Offenburg Thema.

BZ: Aus welchen Bereichen kamen die Teilnehmerinnen in Offenburg?
Pietschmann: Räumlich aus der näheren und weiteren Region, alle aus dem Obstbau oder Weinbau, überwiegend junge Frauen bis Mitte, Ende 20.

BZ: Wie läuft so ein Seminar ab? Sie erzählen, wie es richtig laufen sollte?
Pietschmann (lacht): So einfach geht das nicht. Zunächst wollen wir von den Teilnehmerinnen wissen, wo sie stehen. Man hört dann: ’Ich weiß gar nichts über einen Hof’ bis zu ’Ich bin voll in die Hofarbeit integriert’. Wir stellen die oben angesprochenen Bereiche und dazu weitere Themen wie Wohnung, Paarbeziehung, Werte und dergleichen vor. Die Frauen erzählen von sich, welche Schwierigkeiten ihnen begegnet sind, wie sie damit umgehen und was sie als Qualität auf dem Hof erleben. Es geht um Tipps aus der Runde. Wir – meine Kollegin Maike Aselmeier und ich – geben ebenfalls Tipps und stellen ein paar goldene Regeln auf.

BZ: Zum Beispiel?
Pietschmann: Die wichtigste Regel ist, dass Kommunikation stattfindet. Wer trotz des Babys mithelfen will, sollte das ansprechen. Kann jemand anders zeitweise auf das Kind aufpassen, oder kann man das Kind mitnehmen? Bei größeren Kindern geht das meistens ganz gut, und es macht ihnen auch viel Spaß. Man kann darum bitten, dass Arbeitsabläufe erklärt werden, man Aufgabenbereiche zugeteilt bekommt. Ein wichtiges Thema ist die Privatsphäre der eigenen Wohnung. Es muss geklärt werden, dass Schwiegerleute klingeln und nicht einfach reinkommen. Wie man solche Dinge anspricht, wird im Seminar erklärt.

BZ: Und was wäre eine "goldene Regel"?
Pietschmann: Die klare Trennung von Familie und Betrieb! Mahlzeiten sind Familienzeiten, da sollten keine betrieblichen Abläufe besprochen werden. Wichtig sind auch gemeinsame Ausflüge, Feste oder anderes. Es gibt Höfe, wo die Frauen miteinander einen Wellnesstag machen oder gemeinsam ins Konzert gehen. So etwas schafft Verbindungen. Das macht doch die Arbeit und das Leben in der Landwirtschaft attraktiv, dass man gemeinsam arbeitet, lebt und feiert, dass die Kinder mit dabei sein können. Diese Gemeinschaft muss man pflegen. Sie ist in meinen Augen die größte Qualität des Lebens auf einem landwirtschaftlichen Betrieb.

BZ: Welches ist das am meisten drängende und schwierigste Problem für Frauen, die neu auf einen Hof kommen?
Pietschmann: Das ist die Frage: Wo ist mein Platz, im Hofalltag, im Arbeitsablauf, in der Familienstruktur? Dieses Problem äußern 90 Prozent der Seminarteilnehmerinnen. Diesen Punkt zu klären, ist das Wichtigste.