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25. Oktober 2014

Ein Kunde verhalf ihr zur Flucht

29-Jährige Zeugin sagt im Prozess um Menschenhandel und Prostitution aus.

ORTENAU. Am zweiten Verhandlungstag im Prozess um Menschenhandel und Prostitution hat die Belastungszeugin ausgesagt. Die 29-Jährige war von den Angeklagten im Oktober 2011 für 500 Euro von einem Zuhälter aus Krefeld abgekauft worden. Im April 2012 gelang der Bulgarin die Flucht aus der Zwangsprostitution. Die Aussage der 29-Jährigen vor dem Schöffengericht war allerdings widersprüchlich und wenig detailreich.

Laut Anklage haben die drei angeklagten Bulgaren seit 2010 als Teil einer Gruppierung aus Bulgarien die Prostitution bulgarischer Frauen in der Region organisiert. Die Frauen waren in Hotels und Gaststätten in der Ortenau untergebracht und wurden auf den Straßenstrich in Straßburg geschickt. Zum Prozessauftakt am 9. Oktober machten die drei Angeklagten keine Angaben zu dem Anklagepunkt Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Die Bulgaren im Alter zwischen 30 und 38 Jahren befinden sich seit sechs Monaten in Untersuchungshaft. Alle drei sind vielfache Familienväter.

Früh am Morgen, so die Zeugin, sei sie von einem der drei Angeklagten in Krefeld mit dem Auto abgeholt worden. Ihr bisheriger Zuhälter habe sie verkauft, sei ihr gesagt worden. Wohin sie in die Ortenau gebracht wurde, wusste sie nicht. In ein Hotel, ein großes, sagte sie. Mit wie vielen Zimmern, wusste die 29-Jährige auch nicht. Mit mehreren Frauen habe sie aber das Hotelzimmer geteilt, erklärte sie.

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Ein weiterer Angeklagter habe ihr die Preise aufgeschrieben und die Arbeitszeiten genannt. Von Mittag, zwischen 12.00 und 14.00 Uhr, bis am anderen Morgen um fünf Uhr war sie in Straßburg "arbeiten". Nur sonntags hatte sie frei. "Mit dem Taxi und gemeinsam mit mehreren Frauen aus dem Hotel wurde ich hingefahren und am anderen Morgen meist alleine abgeholt." Die anderen Frauen seien da schon weg gewesen.

Hatte sie wenig Umsatz gemacht, sei sie auch tagsüber auf den Straßenstrich geschickt worden, obwohl zu dieser Zeit kaum Kunden mit Autos unterwegs waren. Mindestens 500 Euro hatte sie täglich abzuliefern.

"Ich wusste nicht,

wo ich mich

befinde"

29-jährige Belastungszeugin
Den gesamten Betrag habe sie abgegeben. Um Kleider und Kosmetik zu kaufen "sind wir zusammen gegangen und haben zusammen eingekauft". Aus Angst vor den Angeklagten habe sie nicht nach Geld gefragt. Aus Angst sei sie auch nicht weggegangen, obwohl sie nicht eingesperrt war. "Aber ich wusste nicht, wo ich mich befinde." Eines der Mädchen hat nach ihren Angaben auch als Aufpasserin fungiert und ihr auch einmal ihren Verdienst abgenommen. Als der eines Tages lediglich 300 Euro betrug, sei sie von einem der drei Angeklagten geschlagen worden. "Als ich zurückkam, schlief er noch und ich legte das Geld auf den Tisch." Ein anderes Mal sei sie mit einer Peitsche ausgepeitscht worden. Die Peitsche konnte die 29-Jährige allerdings nicht als Peitsche beschreiben. Ob sie immer das Pensum von 500 Euro eingenommen hatte, blieb ebenfalls auch auf Nachfrage unklar.

Deutlich wurde die leise sprechende und eingeschüchtert wirkende 29-Jährige bei der Beschreibung ihrer Tätigkeit, die sie immer "Arbeit" nannte. Ein kurzer Rock und das Oberteil "vorne offen" sei Pflicht gewesen. Im Winter habe sie auch gearbeitet, nicht mit Mantel, Mütze und Handschuhen, wie Richterin Ute Körner fragte. Sondern nur mit einer dünnen Jacke bekleidet. Ob sie gefroren habe, fragte Körner. "Ja!" Ob sie von den Angeklagten gedrängt wurde, auf Kundenwunsch auf ein Kondom zu verzichten? "Ja."

Die Flucht aus der Ortenau – nachdem sie zunächst im Offenburger Hotel Union wohnten, zogen sie nach Friesenheim in die "Krone" – gelang ihr mit der Unterstützung eines Kunden. Den bat sie um sein Handy. Sie rief dann eine Person an, die sie abholen ließ. Ob sie für diese Person später anschaffen ging, fragte die Richterin und verwies auf die Aktenlage. Die Zeugin verneinte jedoch entschieden. Gegen die 29-Jährige selbst wird wegen Falschaussage ermittelt. Das Verfahren wurde jedoch aufgrund des Prozesses eingestellt. Am 29. Oktober wird der Prozess vor dem Schöffengericht fortgesetzt.

Autor: Harald Rudolf