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08. Oktober 2011

Ein Revolutionär machte den Anfang

150 JAHRE GASVERSORGUNG OFFENBURG: Bezirksgeometer Adam Nußbaum gründete im Oktober 1861 die Gasbeleuchtungsanstalt.

  1. mit fahrbarer Beschickung

  2. Adam Nußbaum

OFFENBURG (BZ). Vor 150 Jahren, am 1. Oktober 1861, startete die "Gasbeleuchtungs-Anstalt Offenburg", gegründet vom Privatkaufmann Adam Nussbaum, ihre Versorgung mit Stadtgas. Die Gasfernversorgung Mittelbaden (MIBA) als Vorgängerunternehmen der Badenova, ging 1929 aus dieser ersten "Gasanstalt" hervor. Zum Jubiläum zeigt Badenova in den Räumen ihres Regionalcenters eine Ausstellung mit historischen Aufnahmen und Unterlagen aus der Geschichte der Gasversorgung.

Der 1. Oktober 1861 beendete in Offenburg eine damals fast zehn Jahre währende Diskussion um den Bau und Betrieb einer "Gasanstalt" zur Versorgung der öffentlichen Straßenbeleuchtung mit Stadtgas. Als es endlich soweit war, lösten insgesamt 108 "neuartige Gaslaternen" die bis dahin in Offenburg noch gängigen Öl- oder Petroleumleuchten ab.

Offenburg zählte 1861 rund 4400 Einwohner, die staunend den Bau und die Inbetriebnahme der neuen Gasanstalt auf dem Gelände einer ehemaligen Spinnerei und Weberei verfolgten. Treibende Kraft für diesen Bau war der Bezirksgeometer Adam Nußbaum. Als junger Mann gehörte er im Raum Offenburg noch zu den heißblütigen Akteuren in der Badischen Revolution, jetzt wurde er zur Hauptperson einer industriellen Revolution.

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1860 hatte die Stadt Offenburg den Bau und Betrieb der "Gasbeleuchtungsanstalt" beschlossen. Die Idee war von Anfang an, ein solches Gaswerk für die öffentliche Straßenbeleuchtung zu errichten, es dann aber nicht selbst in städtischer Regie zu betreiben, sondern an private Unternehmer zu verpachten. Adam Nußbaum gehörte damals zur zwölfköpfigen städtischen Kommission, die das Projekt begleiten und vorantreiben sollte. Nachdem aber mehrere Interessenten absprangen, erklärte sich Adam Nußbaum bereit, selbst eine private Gesellschaft zu gründen und den Betrieb selbst zu übernehmen.

Das geschah während der Bauzeit 1860/61. Dann schloss die Stadt mit Adam Nußbaum einen Pachtvertrag über die Dauer von 35 Jahren ab. In dieser Zeit musste das Baukapital in Höhe von 60 000 Gulden plus vier Prozent Zinsen getilgt werden. Das bedeutete für Adam Nussbaum, dass er an die Stadt Offenburg eine jährliche Pacht von 2744 Gulden zu zahlen hatte.

Gleichzeitig musste aber die Stadt an die neue Gasanstalt vom ersten Tag an für den Betrieb und die Belieferung der neuen Gaslaternen bezahlen, und zwar 3000 Gulden pro Jahr. Das eigentliche Geschäft machte Nussbaum dann mit den Privatkunden, die Gas für Beleuchtungszwecke bezogen. Sie zahlten 6 Gulden für 1000 Kubikfuß Gas – das entspricht umgerechnet einen Preis von 1,6 Cent je Kilowattstunde. Zum Vergleich: Heute zahlt ein Privatkunde im Schnitt etwa 6,5 Cent je Kilowattstunde.

Das Geschäft florierte, und die Technikbegeisterung der Offenburger Bevölkerung tat dazu ein Übriges. Schon im zweiten Betriebsjahr machte Adam Nussbaum 70 Prozent seines Umsatzes mit privaten Abnehmern. Er unterhielt zu diesem Zweck bereits ein Gasleitungsnetz von 7,3 Kilometern Länge. Nach den ersten zehn Betriebsjahren hatte Nußbaum die Gasabgabe von ursprünglich 56 000 Kubikmetern bereits mehr als verdoppelt, bis 1896, dem Ende der 35-jährigen Pachtzeit sogar auf das Sechseinhalbfache gesteigert. Um diese Mengen an Leuchtgas herzustellen, waren bereits mehrere Werkserweiterungen erforderlich geworden.

Allerdings starb Adam Nußbaum 1884, und die Erbengemeinschaft, die danach den Betrieb übernahm, geriet mehrfach mit der Stadt Offenburg in Streit über die Auslegung der Pachtparagrafen. So war zum Beispiel in Paragraf 40 des Pachtvertrages festgelegt, dass die Gaspreise entsprechend der Kohlepreise fallen oder steigen müssen, das war also eine Kohlepreisbindung so ähnlich wie die späteren Ölpreisbindung beim Erdgas. Da die Kohle aber seit 1861 immer billiger geworden war, hätten auch die Gaspreise sinken müssen. Um die erforderliche Gaspreissenkung drückten sich aber Adam Nußbaums Erben, indem sie teure Instandhaltungskosten und Investitionen geltend machten. Schließlich mussten Offenburgs Stadtväter ein Schiedsgericht ins Leben rufen das zu einer Art Aufsichtsgremium für die Gasanstalt wurde.
Nach Ablauf des Pachtvertrages 1896 zogen die Stadtväter einen Schlussstrich und vergaben keine neue Pacht mehr, sondern übernahmen die Gasanstalt in städtische Regie. Dass dies nicht ganz einfach war, sieht man unter anderem daran, dass von der Stadt binnen 15 Jahren gleich fünf Direktoren eingesetzt wurden. Erst mit dem Gaswerksdirektor Ernst Schilling, der von 1911 bis 1930 amtierte, kehrte wieder Kontinuität ein. Die Gasbeleuchtung erhielt zu diesem Zeitpunkt in Gestalt der Elektrifizierung einen neuen Konkurrenten. Da aber gleichzeitig die ersten Gasheiz- und Kochgeräte auf den Markt kamen, blieb der Gasabsatz auch weiterhin steigend.

Direktor Schilling führte 1915 die Fernzündung für die Gasbeleuchtung der inzwischen rund 300 Straßenlaternen in Offenburg ein, eine ungeheure Innovation, die unter anderem dem städtischen Laternenanzünder, der bis dahin jeden Abend die Gasleuchten angezündet und sie am nächsten Morgen wieder gelöscht hatte, den Arbeitsplatz kostete.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten weitere Modernisierungs- und Erweiterungsmaßnahmen. Der von 1941 bis 1961 amtierende Gaswerksdirektor Karl Müller bereitete den Wechsel von der herkömmlichen Gaserzeugung in Vertikalkammerkohleöfen zum neuartigen Verfahren der Spalttechnologie vor, bei der in einer vollautomatischen Spaltanlage wahlweise Flüssiggas, Leichtbenzin, leichtes Rohöl oder Erdgas als Rohstoff eingesetzt werden konnten.

Inzwischen war im Umland von Offenburg die Gasfernvorsorgung Mittelbaden GmbH (MIBA) entstanden, die über ein Fernleitungsnetz nach und nach 13 verschiedene Nachbargemeinden von Sasbach bis Oberkirch, von Lahr bis Kehl mit dem Gaswerk Offenburg verband und von dort mit Gas versorgte.

1952 übernahm die Stadt Offenburg diese Gasfernversorgung Mittelbaden als alleiniger Gesellschafter. Ein weiterer Quantensprung in der Infrastruktur und der Technologie der mittelbadischen Gasversorgung erfolgte 1962 mit der Umstellung der Gasversorgung vom bis dahin üblichen selbst erzeugten Stadtgas auf das sogenannte Ferngas, dem 1971 die Komplettumstellung auf Erdgas folgte. Das Leitungsnetz wuchs auf über 220 Kilometer, und der Erdgasabsatz kletterte Anfang der 1980er Jahre erstmals über die Grenze von einer Million Megawattstunden (MWh) und bis 1994 sogar von zwei Millionen MWh.

1992 schloss sich die MIBA mit der Gasversorgung Kinzigtal zusammen und versorgte von diesem Zeitpunkt an 19 Städte und Gemeinden mit Erdgas. In den nächsten zehn Jahren folgten weitere sechs Nachbargemeinden, die neu ans Erdgasnetz angeschlossen wurden, ehe 2001 die Stadtväter von Offenburg den zukunftsweisenden Schritt der Fusion wagten, bei der aus dem Zusammenschluss von sechs regionalen Stadtwerken die heutige Badenova entstand.

Autor: bz