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02. November 2017

Ein Ringen um ein gottgefälliges Leben

"Ein Bruder namens Martin" in der evangelischen Stadtkirche Offenburg mit dem Eurodistrikt-Theater Baal novo und Hendrik Pape.

  1. Hendrik Pape, der Reformator, wird in dem Stück nicht verklärt und nicht demontiert. Foto: Christoph Breithaupt

OFFENBURG. Die Anspannung ist hoch vor der Uraufführung von Tilmann Kriegs "medialem" Theaterabend "Ein Bruder namens Martin" in der evangelischen Stadtkirche Offenburg. Es müssen Leute an der Abendkasse abgewiesen werden, das multimediale Theaterevent duldet kein Gedränge, keine Ablenkung, keine Unruhe.

Dem Eurodistrikt-Theater Baal novo und Tilmann Krieg ist ein großer Wurf gelungen, das Publikum würdigt dies nach eineinhalb Stunden stehend mit großem Applaus. Der überragend agierende Hauptdarsteller Hendrik Pape zeigt den Reformator nicht nur als historische Figur, sondern als zweifelnden und irrenden Menschen.

Luther wird hier als historische Figur gezeigt, sein Ringen um das gute, gottgefällige Leben dramatisch aufgearbeitet, sein gläubiges Infragestellen von Religion, Kirchenorganisation und Klerus nachvollziehbar gemacht, seine tragische Verwicklung in politische Prozesse und die seinem Wirken innewohnende Diskrepanz zwischen Aufgeklärtheit und neuem, evangelischem Fundamentalismus bildhaft umgesetzt. In katholischen Kirchen wird dieses Stück wohl nicht gastieren, und zwar nicht, weil dort Luther nicht erwünscht wäre, sondern weil es unvorstellbar ist, dass der Teufel auf den geweihten Altar springt, sich am Hintern kratzt und Mord und Totschlag bei den Bauernkriegen bejubelt.

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Nun ist eine evangelische Kirche eben nicht geweiht, aber dennoch dürfte es auch einige evangelische Gläubige und womöglich Atheisten geben, die zusammenzucken bei einer solch drastischen Inszenierung in einem Gebetsraum. Dennoch sorgt gerade dieser Ort für besondere Möglichkeiten, und das liegt nicht nur an den Vorzügen der Architektur, weil neben dem Chorraum auch die Kanzel und die Orgelempore genutzt werden können.

Bei der Licht- und Klanggestaltung bezieht der hier erstmals als Autor in Erscheinung tretende Fotograf und Lichtkünstler Tilmann Krieg mit farbigen Strahlern und Projektionen die Wände mit ein. Orgel (Ben Schneider) und Schlagwerk (Max Siegmund) ergänzen den Soundtrack, dessen soghafter, psychisch tiefgreifender Wirkung sich das Publikum in Offenburg nicht entziehen kann. Zentrales Bildelement der Inszenierung ist das Feuer. Angefangen von Luthers Angst vor einem Gewitter über die Assoziationen zum Fegefeuer und zu Hexenverbrennungen, zu erotischem wie religiösem Feuer, bis hin zu dem Vorwurf, Luther hätte durch seine obrigkeitskritischen Machenschaften brandschatzende Bauernkrieger und Bilderstürmer zu ihren Taten angestiftet. Das Feuer in seiner wärmenden und zerstörerischen Kraft flackert als Projektion auf der Chorwand und wird Tilmann Krieg zum Symbol für die ambivalente Figur Luther.

Im eng geschnittenem Anzug, sportlich, zynisch

Regisseurin Diana Zöller lässt Benjamin Wendel als teuflischen Belial ein bisschen zu viel von seiner anderen derzeitigen Paraderolle bei Baal novo, dem Macho Man, einbringen: Im eng geschnittenen roten Anzug geriert er sich sportlich, smart und zynisch, mit nervig-lauter Überheblichkeitslache. Die (katholische) Rezensentin fragt sich, ob er wirklich auch noch ausspucken muss, wenn er auf dem Taufbecken steht.

Die Nebenrollen teilen sich Edzard Schoppmann (Spalatin, Melanchton) und Guido Schumacher (von Staupitz, Offizial von Trier), die zwischendurch auch als zeitgenössische Talkshowgäste oder Nachrichtensprecher agieren und das historische Geschehen ins Heute holen. Hier wird der Reformator nicht verklärt und nicht demontiert, sondern es geht um seine nach wie vor aktuellen Anliegen und endet mit Luthers Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" und einem Zitat: "Versuche nicht, das Göttliche zu verstehen, sondern verneige dich tief anbetend vor seinen Spuren".

Info: Außerdem wird das Stück an anderen Orten in der Ortenau an folgenden Terminen gezeigt (Vorstellungsbeginn ist jeweils um 20 Uhr): Zell am Hamersbach, evangelische Kirche, 15. November; Kehl-Leutesheim, evangelische Kirche, 19. November; Lahr, Martinskirche, 30. November; Appenweier, evangelische Kirche, 8. Dezember; Neuried-Altenheim, evangelische Friedenskirche, 16. Dezember; Schwanau-Nonnenweier, evangelische Kirche, 20. Januar 2018; Freistett, evangelische Kirche, 27. Januar 2018

Autor: Juliana Eiland-Jung