Eine Stimme gegen den Wahnsinn der Welt

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Do, 28. September 2017 um 09:14 Uhr

Offenburg

OFFENBURG. This Machine Kills Fascists – diese Maschine tötet Faschisten – hatte die Protestsong-Legende Woody Guthrie 1941, dem Jahr der Kriegserklärung Hitler-Deutschlands an die USA, auf seine Gitarre geschrieben. So eine poetisch-größenwahnsinnige Selbstüberhöhung als Haltung gegenüber dem realen Wahnsinn der Welt passt nicht zu Joan Baez. Dazu ist die Galionsfigur der US-Gegenkultur zu seriös und pazifistisch. Sie stellt sich dem Wahnsinn mit engelsgleicher Stimme und Gitarre selbst in den Weg. Gleichwohl hat Leben und Werk der US-Singer-Songwriterin politisch und kulturell keine geringere Durchschlagskraft als die des Ahnherrn des US-Protestsongs.

Der Offenburger Biograph Jens Rosteck hat diesem atemberaubenden Stück Weltkulturgeschichte sein jüngstes Werk gewidmet. Im Hamburger Osburg Verlag ist jetzt seine Biographie "Joan Baez – Porträt einer Unbeugsamen" erschienen. An diesem Donnerstag findet im Schüttekeller, in Bühl (Stadt) um 20 Uhr die Premierenlesung statt. Am 27. November präsentiert Rosteck sein Werk in der Stadtbibliothek Offenburg.

Das Unbeugsame ist tatsächlich eine herausragende Eigenschaft von Joan Baez’ außergewöhnlicher Lebensgeschichte, in der sich die Weltkonflikte von den 1960er-Jahren bis heute widerspiegeln. Baez marschierte mit Martin Luther King auf Washington, trat in nordvietnamesischen Bunkern auf, während ihre Landsleute alles daran setzten, das Land in die Steinzeit zurückzubomben, sie drohte mit Konzertabsage, sollten die Stasi-Leute Wolf Biermann, ihren Genossen im Geiste und der Kunst, nicht als Zuschauer bei ihrem Ostberliner Konzert zulassen, sie sang mit schusssicherer Weste im belagerten Sarajewo oder in südamerikanischen Diktaturen, wo Auftrittsverbote gegen sie verhängt waren. Zuletzt machte die 76-jährige Schlagzeilen, als sie im April 2017 ihr Spottlied "Nasty Man" auf Donald Trump bei Youtube postete.

Der Protestsong findet heute nicht mehr im Radio statt

Für Jens Rosteck ist Joan Baez eine Herzensangelegenheit. "Ich bin mit ihrer Musik aufgewachsen", sagte der 54-Jährige. Rosteck ist Musik- und Kulturwissenschaftler und genießt als Autor zahlreicher Künstlerbiographien einen ausgezeichneten Ruf. In jüngerer Zeit sind erfolgreiche Biographien der französischen Chansonlegenden Edith Piaf (2013) und Jacques Brel (2017) erschienen. Den Lebensgeschichten Lotte Lenyas und Kurt Weills, Oscar Wildes, Jane und Paul Bowles’ sowie Hans Werner Henzes hat Rosteck seine Feder geliehen und sie suggestiv sowie stilistisch geschliffen seinen Lesern vergegenwärtigt. Auch über Bob Dylan, mit dem Joan Baez in den 60er Jahren eine künstlerische, amouröse und sehr komplizierte Partnerschaft verband, hat Jens Rosteck eine 2006 erschienene Biographie verfasst. Für eingefleischte Dylanologen war diese allerdings zu wenig hagiographisch, weshalb aus dieser Ecke Kritik kam. Auch die Joan Baez-Biographie sei keine Fan-Geschichte, erklärt ihr Autor. Er habe sich nicht um eine Autorisierung bemüht. Rosteck wertete statt dessen zahlreiche Quellen aus, Bücher, Interviews, auch schwerer zugängliche, Film- und Tonmaterial. Obwohl er Joan Baez schon mehrfach in Konzerten erlebt hat, habe er eine persönliche Begegnung bisher nicht angestrebt. "So vermeide ich Voreingenommenheit", erklärt er. Gerne will der Biograph das nach Erscheinen des Buches nachholen und die immer noch tourende Künstlerin bei Gelegenheit treffen. "Sie gilt als zugänglich und frei von Allüren", weiß Jens Rosteck.

Anders als bei Brel oder Piaf sei es gar nicht so einfach gewesen, einen Verlag für dieses Buchprojekt zu finden. Baez-Songs wie "Donna, Donna", "The Night They Drove Old Dixie Down" – Juliane Werding sang es als "Der Tag, als Conny Kramer starb" – oder "Farewell Angelina", die noch in den 1980er-Jahren im Format-Radio liefen, hört man heute dort nicht mehr. "Damals gehörte so eine explizit politische Künstlerin noch zum Mainstream", lautet Rostecks Erklärung. Den Nach-68er-Generationen ist die dagegen fast unbekannt. Der Protestsong hat heute keine Lobby. "Junge Redakteure wissen oft nicht mehr, wer Joan Baez ist."

Der Baez-Biograph, der nach Lebensstationen in Berlin, Paris und Nizza seit 2015 in Offenburg lebt, weiß sogar eine südbadische Baez-Anekdote zu erzählen. Bei ihren bisherigen Auftritten beim Freiburger Zeltmusikfestival 2007 und 2015 war es so heiß, dass die Künstlerin vor ihrem Auftritt zur Abkühlung jedes Mal im nahen Opfinger Baggersee ein Bad nahm. Für eine Künstlerin, die in jungen Jahren alleine in der Hollywood-Bowl vor 17 000 Zuschauern auftrat oder in Woodstock vor rund 400 000 ist das erstaunlich unprätentiös.

Jens Rosteck, "Joan Baez – Porträt einer Unbeugsamen", Osburg Verlag, Hamburg 2017, 357 Seiten, 24 Euro. Rosteck liest an diesem Donnerstag, 20 Uhr, im Schüttekeller Bühl (Stadt), Blumenstraße 5. In Offenburg liest Jens Rosteck a, 27. November in der Stadtbibliothek.