Nachruf

Er gab den Gewerkschaften in der Ortenau ein Gesicht: Trauer um Rolf Ruef

Joachim Röderer, Helmust Seller, Hans-Henning Kiefer

Von Joachim Röderer, Helmust Seller & Hans-Henning Kiefer

So, 21. Mai 2017 um 15:50 Uhr

Offenburg

Er war als Gewerkschafter eine herausragende Persönlichkeit in Südbaden und wurde auch als Mensch hoch geschätzt. Jetzt ist Rolf Ruef, langjähriger Kreisvorsitzender des DGB in der Ortenau, im Alter von erst 73 Jahren verstorben

Megaphon und Zigarette waren Markenzeichen. Allzeit streit- und angriffslustig war er, nie um einen Spruch verlegen. Wenn’s rauchte, war’s nicht immer nur die Roth-Händle.

Hart war’s aber fair

In einem Rückblick im BZ-Gespräch vor einigen Jahren wurde er milde. "Wenn ich in all den Jahren jemanden verletzt haben sollte, dann möchte ich mich ausdrücklich dafür entschuldigen", sagt der 58-Jährige. Er hat mit vielen die Klinge gekreuzt – bevorzugt mit den Vertretern vom anderen Lager, mit Schäuble, Stächele, Ruder, davor auch Haungs. Er schaute darauf mit Respekt zurück: "Sie sind mir nie ausgewichen." Hart war’s, aber fair. "Wir haben uns danach immer in die Augen schauen können", sagt er. Einige Narben seien auch ihm geblieben. Aber: Wer austeilt, muss auch einstecken können. So fremd ist ihm die andere Seite ja gar nicht gewesen: "Ich komme aus einem Arbeitgeberhaushalt, ich weiß, wie die Burschen denken", schmunzelte das gebürtige Freiburger "Bobbele" einst. Seine Eltern führten das Café Ruef gleich am Eingang der Kartäuserstraße unweit vom Schwabentor. Die Bäckerei ist eine Freiburger Legende. "Bub, du musch was werde, wo du Schissdreck schwätze kannsch", erkannte der Vater – immerhin Vizepräsident im Zentralverband des deutschen Bäckerhandwerkes – früh das Redetalent seines Filius’.

Die Schulkarriere des Bäckersohns ist sehr bewegt - Rotteckgymnasium, Internat St. Blasien, von dort getürmt, Privatgymnasium, Abitur. Das Kunststudium in Basel und Straßburg kann er nicht abschließen, weil ihn die Freiburger Heimat ruft. Der Vater ist krank und Rolf Ruef soll den Betrieb übernehmen. Er absolviert eine dank des Abiturs verkürzte Konditoren-Lehre, legt später sogar die Meisterprüfung ab. Als die Übernahme des elterlichen Geschäftes ansteht, wollen jedoch die Geschwister ausgezahlt werden. Da zieht Rolf Ruef die Reißleine und wechselt als Produktionsleiter zur Großbäckerei Usländer.

Kampfgeist angestachtelt

Dort erwartet ihn der nächste Wendepunkt. Als es um die Gründung des Betriebsrates geht, schieben ihn die Kollegen nach vorne. Er habe doch eine "soziale Ader", sagen sie. Bald ist der Produktionsleiter Vorsitzender des Betriebsrates. Als er zufällig bei seinem Chef auf dem Schreibtisch einen Brief an den Anwalt wegen Gehaltskürzung entdeckt, ist der Kampfgeist für die Sache der Gewerkschaft endgültig angestachelt. Rolf Ruef wechselt als Hauptamtlicher zur Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten.

Er ist ein "Spätberufener" – erst mit 33 Jahren startet er seine Karriere als Arbeitnehmervertreter. Beim Studium an der Akademie der Arbeit in Frankfurt lernt er seine Frau Erika kennen. Die will den "badischen Hütebub", wie sie sagt, nicht in ihre nordrhein-westfälische Heimat verpflanzen, sondern geht mit ihm nach Baden. Sie leitete die Rechtsstelle des DGB in der Ortenau. Meist war der Kreisvorsitzende schon vor 7 Uhr am Schreibtisch im Gewerkschaftshaus am Offenburger Bahnhof gesessen. Hier sind viele Ideen entstanden, die auch nach seinem Abschied Bestand haben. Keine Frage: Rolf Ruefs Lebenswerk ist der Brückenschlag über den Rhein, die Zusammenarbeit mit den französischen Gewerkschaften. Sie entstand aus kleinen, vorsichtigen Anfängen und ist heute enger denn je und kann sich auf viele persönliche Freundschaften stützen: "Ich bin stolz auf das, was wir gemeinsam mit unseren Freunden aufziehen konnten".

Auch gegen Rechts Stets aktiv

Entscheidend angestoßen und gepflegt hat Ruef den Dialog mit den Kirchen in einem eigenen Arbeitskreis – auch das war bundesweit einmalig.

Sehr am Herzen lagt ihm auch die Ausbildungsinitiative Ortenau, durch die Hunderte von Lehrstellen geschaffen wurden. Und als weiteren Meilenstein stuft er die Mitarbeit am Leitbild der Ortenau ein. In unzählig vielen Gremien hat er Sitz und Stimme und dort seinen Sachverstand eingebracht. "Diese Arbeit hat mich geprägt", sagt er einmal. Siege habe es gegeben, aber auch Niederlagen, vor allem, wenn Betriebe Mitarbeiter auf die Straße gesetzt haben. "Es sind immer die gleichen harten Schicksale, das kann auch der beste Sozialplan nicht auffangen", sagte Ruef. Er hat auch immer den Mund aufgemacht, wenn es darum ging, Position gegen Rechtsaußen zu beziehen. Das hat ihm stapelweise Schmähbriefe und Drohungen eingebracht – eingeschüchtert hat es ihn nie. Auch als Stimme gegen Rechts wird er fehlen.

Rolf Ruef wird im engsten Familienkreis zur letzten Ruhe begleitet.