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30. November 2011

Finale mit einem Antipoden Todenhöfers

CONTEXT: Reinhard Erös, Gründer der "Kinderhilfe Afghanistan", berichtet heute vom Hindukusch.

  1. Reinhard Erös Foto: PR

OFFENBURG. Gut, dass Jürgen Todenhöfer und Reinhard Erös – der eine hat die erste Ausgabe der neuen ConText-Reihe von Stadtbibliothek und Volkshochschule am 4. Oktober eröffnet, der andere beschließt sie heute, Mittwoch, mit seinem Auftritt ab 20 Uhr in der Freien Waldorfschule Offenburg – sich nicht innerhalb ein und derselben Veranstaltung begegnen. Da wären die Fetzen geflogen! Denn was Reinhard Erös, der seit fast 30 Jahren humanitäre Hilfe in Afghanistan leistet, von der humanitären und publizistischen Tätigkeit Todenhöfers für Afghanistan hält, tendiert gegen null.

"Eigentlich will ich zu Todenhöfer gar nichts sagen", antwortet der Oberpfälzer auf eine entsprechende Frage zu dem aus Offenburger stammenden Publizisten, Ex-Burda-Toppmanager und Ex-CDU-Bundestagsabgeordneten. Doch dann geht’s los. In einer gewaltigen Suada zieht der ehemalige Oberstabsarzt der Bundeswehr und Initiator der "Kinderhilfe Afghanistgan" Erös vom Leder gegen Scheinheiligkeit, Selbstdarstellung, "Mutter-Theresa-Gehabe" oder die für "die Möglichkeiten eines Multimillionärs" eher bescheidene Einrichtung eines Waisenhauses in Kundus. "Wir haben ausschließlich mit privaten Spenden allein drei Waisenhäuser in den besonders gefährdeten Ostprovinzen Afghanistans gebaut. 600 Schulen in Deutschland unterstützen uns." Dazu kommt die Einrichtung von Schulen, Mutter-Kind-Kliniken oder Solaranlagen. Reinhard Erös versteht nicht, warum die Medien Jürgen Todenhöfer auf den Leim gehen und ihn immer zu Talkshows einladen würden. Da sei doch der alte Peter Scholl-Latour noch seriöser. In Afghanistan kenne er, Erös, niemanden, der die Tätigkeit Toden-höfers als hilfreich empfinden würde.

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Niemand in Afghanistan empfinde die Tätigkeit Todenhöfers als hilfreich

Das alles wird vor getragen in einem Stakkato, das den leidenschaftlichen Anwalt der Menschen in Afghanistan verrät. Wenigstens in einem Punkt dürfte sich Erös mit Todenhöfer einig sein: Dass die Intervention ausländischer Streitkräfte in Afghanistan zu beenden sei. "Dort, wo fremde Truppen sind, wird geschossen."

Von der Intervention der US-geführten internationalen Streitkräfte und vor allem dem Geld, das diese ins Land bringen, würden höchsten 10 Prozent der Bevölkerung profitieren. Das seien im Wesentlichen die afghanischen Eliten, die deshalb auch kein Interesse am Abzug der fremden Truppen hätten. Für den Rest der Bevölkerung habe sich in den vergangenen Jahren die Lage eher verschlechtert.

Der größte Unterschied zur sowjetischen Besatzungszeit sei, dass damals keine Hilfsorganisationen im Land zugelassen gewesen seien. Heute seien bis zu 2000 in Afghanistan tätig. Als der ehemalige Oberstabsarzt der Bundeswehr 1986, noch während der sowjetischen Besatzungszeit, begann, in Afghanistan humanitäre Hilfe zu leisten und zu organisieren, tat er das noch illegal im Untergrund.

Reinhard Erös wird nicht nur heute Abend auf Einladung der Volkshochschule im Saal der Waldorfschule über Afghanistan berichten, er wird auch morgen, Donnerstag, vor Schülern dieser Schule sprechen, um sie zur engagierten Teilhabe am gesellschaftlichen, politischen Leben anhalten.

Die erste Ausgabe der ConText-Reihe, in der Sachbücher und Autoren mit spannenden Beiträgen zu Zeitfragen zu Wort kommen, die von Stadtbibliothek und VHS ins Leben gerufen und von der Badischen Zeitung publizistisch unterstützt wird, war ein schöner Erfolg, der beim Publikum gut ankam und der die Diskussion in der Stadt bereichert hat.

Autor: Ralf Burgmaier