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16. März 2010

Gespenster im Zeitraffer

Das Bauchladentheater von Martin Hinder regt mit einfachen Requisiten die Fantasie der Kinder an.

  1. Es macht nicht nur den Kindern Spaß, dass ins Café Zum Süßen Löchle ein ganzes Theater passt. Foto: Breithaupt

LAHR. Beim Geschichtenerzählen kommt es bekanntlich auf das Wie an. Martin Hinder aus Bergkirchen in Oberbayern hat ein ganz spezielles Wie gefunden, das er am Freitag im Rahmen der Puppenparade im "süßen Löchle" einem Publikum vorstellte, das sich dabei bestens amüsierte.

Er benutzt ein Bauchladentheater, eine Art Puppenstube, die er sich vor den Nabel bindet. Dekorationen werden per Wäscheklammer befestigt, als Figuren und Bühnenbild dienen Alltagsgegenstände oder gar Müll. Wellige Pappe wird zu einem Meer. An den Gestaden, die es trennt lebt jeweils ein Gespenst. Das eine will übers Meer zum anderen, es fliegt los, fürchtet sich aber überm Wasser und kehrt um. Bei einem zweiten Versuch benutzt es eine Tonne, und trifft per Zufall mit Gespenst zwei, ebenfalls in einer Tonne, zusammen.

Als Gespenster benutzt Hinder Taschentücher mit Knoten drin. Die Tonnen sind Klopapierrollen – das ist praktisch, denn ein paar Umwicklungen und die Tonnen sind aneinander gebunden. Hunger haben die beiden Gespenster. Sie haben ihre Käsebrote vergessen. Ganz viele Male wandert die Sonne über den Himmel, legt sich Nacht über das Meer, gefolgt vom Morgennebel – rotes zerknülltes Tuch, schwarzes Tuch, weißer halbdurchsichtiger Vorhangstoff. "Ich benutze nun einen Zeitraffer, damit es nicht so lange dauert", meint Hinder, und jongliert mit den drei Tüchern in so irrwitzigem Tempo, dass er als Erzähler kaum noch hinterher kommt. Endlich landen die Gespenster auf einer Insel, dargestellt von einem Globus. Sie essen sich an Käsebroten vom Käsebrotbaum satt und bauen dann eine Wasserrutsche. Da wird gerutscht – auf dem Bauch, Kopf voran, Rücken voran, allein und zu zweit. Und seltsamerweise rutscht nach neun Monaten ein Baby-Gespenst mit, und nach wieder neun Monaten ein zweites und so weiter, wobei Hinder die Gespenster-Babys aus Klopapier produziert. Und wenn sie nicht gestorben sind, rutschen sie noch heute.

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Durch die unkonventionellen Requisiten und die süffige Erzählweise Hinders ist diese blödsinnige Story ein echtes Vergnügen. Am Ende zuppelt er den Vorhang zu und wieder auf, dann verbeugen sich die Figuren, die Insel, Sonne, Nacht und Nebel und am Schluss sogar das Meer. Damit ist die Bühne leer und kann für die nächste Inszenierung bestückt werden.

Bei Hinder werden Blumentöpfe zu einem Gebirge mit Schatzhöhle, ein Regenschirmgerippe zur Wächterspinne, eine ausgelatschte Sandale zur Heldin des Stücks, die gierig herrlichen Schmuck in sich stopft – es handelt sich um bunte Bonbonpapierchen. Auch hier hat Hinder wieder die Beschleunigung drin, und dieses hektische Hantieren mit den Figuren und Requisitien ist lustig.

Seine Stücke spielte der Bayer schon in Südamerika, in Afrika, in Palästina, im Baltikum. Kinder mögen das Spiel mit Taschentüchern, Regenschirmen und Klopapierfetzen. "Die brauchen keine hoch aufgelöste, top animierte Bildschirmgrafik, um Spaß zu haben", so Hinders Erfahrung, "Kinder funktionieren problemlos Utensilien um, zu dem was sie für ihr Spiel brauchen."

Ein Video zur 11. Lahrer Puppenparade gibt es im Internet auf BZ-online unter http://www.badische-zeitung.de

Autor: Robert Ullmann