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13. Juli 2017

Hymne auf die Träumer und Versager

Konstantin Wecker singt und spricht beim 20. Hausacher Lese-Lenz das Hohelied auf die Verweigerer der Leistungsgesellschaft.

  1. Konstantin Wecker betrachtet seinen Freiheitsdrang, sein Fremdeln vor dem bürgerlichen Heldenleben, auch selbstironisch. Foto: Wendelinus Wurth

HAUSACH. Den vorläufigen Höhepunkt beim 20. Jubiläum-Lese-Lenzes hat am Montag in der ausverkauften Hausacher Stadthalle Konstantin Wecker besorgt, der das Publikum am Ende nach gut zwei Stunden Liedern, Gedichten und Prosa an Klavier und Lesetischchen zu reichlich Beifall und stehenden Ovationen hinriss.

Er wolle keine Wahrheiten oder Weisheiten vermitteln – sondern Einsichten und Ansichten, so Wecker, was das Publikum durchweg mit Zustimmung quittierte. Zuerst einmal schritt er danach sein Podest ab und nahm den Vorschussbeifall entgegen. Dann setzte er sich ans Klavier und begann mit der sicheren Bank im Wecker-Repertoire, "Willy, dem großen Kämpfer von damals", seinem Lied auf einen Märtyrer der Linken, das wieder aktuell sei, wie Wecker versicherte. Er habe "Willy" viel zu verdanken, andererseits aber habe der ihn auch eingeengt.

Wecker benutzt seine Lieder, um seine Biographie zu erklären, wechselt vom Klavier zu seinen Büchern, versichert sich immer wieder seiner Texte und Noten, die vor ihm auf dem Klavier liegen. Er habe es nicht immer geschafft, die Botschaften seiner Lieder umzusetzen, kommentiert er seine Lebensphase als er als Möchtegern-Macho durch München stolziert sei. "Meine Gedichte lügen nicht", versichert er, seine Lebensweise bisweilen schon.

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Es ist diese Selbstironie, die beim Publikum ankommt, das gern mitlacht, wenn er erklärt, er habe das Geld nie geliebt – und das Geld ihn auch nicht. Er erzählt von jugendlichen Irrungen, dass er lieber ins Café als in die Schule gegangen sei, womit er die Bohemiens bedient, dass die Expressionisten ihn begeistert hätten, dass er die Romantik entdeckt habe und manche blaue Stunde, Tage und Wochen verbracht habe, ein freier Dichter habe werden wollen.

Seinen jugendlichen Freiheitsdrang bespöttelt er, wenn er sich heute fragt, warum er ausgerechnet im Winter ausreißen musste und erklärt, den nächsten Versuch unbedingt dann zu unternehmen, "wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel ein Opal". Er habe einfach immer wieder abhauen wollen.

Sein Vater sei antifaschistisch und liberal gewesen, die Mutter etwas strenger. Nachdem er im Knast gelandet war, habe sein Vater kommentiert, dass zwischen Künstler und Verbrecher nur ein kleiner Unterschied bestehe. Im Knast habe er erfahren, was Freiheit sei: "Die Mauern niedersingen, auf den Melodien hinausreiten." "Geil", kommentierte das eine Frau im Publikum, womit viel über die gewünschte Wirkung Wecker’scher Werke gesagt ist.

Sein operettenhaft üppiges Klavierspiel wechselt zwischen leisen Passagen und gehämmerten Akkorden, die er vom Mann am Mischpult verstärken lässt: "Das Klavier bitte lauter". Er improvisiert jazzy von einem Lied zum andern, summt bisweilen eine zweite Stimme dazu.

Sein erstes Kind – mit 50 – habe ihn dazu gebracht, sich dem Erwachsenwerden zu stellen. Er habe ein großes Herz für Träumer und Versager und eigentlich seien alle seine Gedichte auf ihre Art Liebeslieder. "Meine Gedichte passieren mir immer", sagt er, "sie sind manchmal klüger als ich". So ist er auf der "Suche nach dem Wunderbaren", fordert auf, "Was keiner wagt, das wagt zu wagen", gibt dem Publikum mit auf den Weg, das "Glück ist flüchtig, kaum zu fassen", macht eine kleine Anleihe bei Bach und nimmt seinen Beifall entgegen.

Autor: Wendelinus Wurth