Jeder Einwohner soll ein "Zukunftskünstler" werden

Susanne Ramm-Weber

Von Susanne Ramm-Weber

Mo, 17. September 2018

Offenburg

OB-Kandidat Harald Rau hat zu einer Diskussion über die Zukunft des Stadtklimas Professor Uwe Schneidewind eingeladen.

OFFENBURG. "Offenburg – die Nummer Eins beim Klima. Eine Vision" – Im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung unter diesem Titel von OB-Kandidat Harald Rau referierte der Leiter des renommierten Wuppertal-Instituts, Professor Uwe Schneidewind, in der Gewerbeakademie. Schneidewind und Rau haben sich über Raus Tätigkeit als Sozialdezernent in Köln kennengelernt. Moderiert von Stadtrat Norbert Großklaus fand im Anschluss an Schneidewinds kurzes Impulsreferat ein Gespräch zwischen Schneidewind und Rau statt, das später für das Publikum geöffnet wurde.

Schneidewind, der 2011 in den Club of Rome, ein 1968 gegründetes Experten-Forum, das sich für Zukunftsfragen, Nachhaltigkeit und ganzheitliche Forschung einsetzt, berufen wurde, sah Offenburg als "eine Stadt mit Potenzial und Vorbildfunktion." Nach einer Standortbestimmung, die im Verweis auf leerstehende Bankgebäude und Läden, schwierige Verkehrssituationen, zunehmenden Internet-Handel, erhöhte Mieten, fehlenden sozialen Wohnungsbau, das Auseinanderfallen von Gesellschaft und sichtbaren Klimawandel ein eher unschönes Bild des Jetzt zeigte, plädierte Schneidewind etwa für die Rückgewinnung urbanen Lebensraumes. Entlang der Frage, wie das umzusetzen sei und welche Werte man zugrundelegen müsse, befürwortete Schneidewind eine "Zukunftskunst", die kreatives Gestalten mit Mut erfordere ohne die Gewissheit zu haben, ob es auch klappt. Was aus dem Blickwinkel der Urenkel zu erreichen sei, müsse das Ziel vorgeben. Zum Ausprobieren von Maßnahmen zur Rettung des Klimas würden einzelne "kleinere Inseln" reichen, zum Beispiel die Ernährung oder die Energie, der Verkehr, dann könne man nach und nach die Inseln vergrößern. Der Gedanke von "großer Transformation", so auch der Titel von Schneidewinds jüngster, im August erschienenen Publikation, beherrschte dann auch das Gespräch.

Ein Beispiel für Transformation sei die Energiewende nach dem Fukushima-Ereignis, die nur möglich gewesen sei, weil sie vorgedacht war. Wandlung sieht Schneidewind in den Bereichen Konsum, Energie, Ressourcen, Mobilität, Ernährung, Stadtentwicklung und Großstoffindustrie.

In einer Stadt mit rund 60 000 Einwohnern begegneten sich die Menschen, die soziale Dynamik sei eine andere als in einer Großstadt. Ein jeder der 60 000 Einwohner, so wünscht es sich Schneidewind, möge ein "Zukunftskünstler" sein. Man solle in Vielfalt leben, vergleichsweise habe Wuppertal einen Migranten-Anteil von über 40 Prozent, und agiere unter einem Nothaushalt. Ein reiches Land sei nach Schneidewind jenes, in dem auch der reichste Mensch den Bus nehme.

Auch der technologische Fortschritt bestimme die Wandlungen, wenn etwa im 3-D-Druck Medizinprodukte direkt vor Ort erstellt werden können. Berlin und Heidelberg hätten sich bereits zu Klimaneutralität verpflichtet. Hier hakte Harald Rau ein, dass die Klimaziele nicht erfüllt werden, wenn sich der Verkehr nicht ändere. Schneidewind ergänzte, auf lange Sicht sei der lokale Verkehr wichtig, eine Stadtgestaltung, die Fußgänger, Radfahrer und den Bus in Betracht ziehe. Es könne nicht sein, dass die Bahn, das ökologisch verträglichste Verkehrsmittel, am teuersten sei, oder die Nordseekrabben in Marokko gepuhlt würden.

Während Schneidewind das Visionäre in den Blick nahm, diskutierte Rau eher an der politischen Wirklichkeit orientiert. In der Publikumsdiskussion wurden die kreative Nutzung des Schlachthofs, die Sorge um rechte Gruppierungen, Angst und Armut angesprochen oder konkretere Anliegen wie eine noch stärkere Reduktion von Kita-Gebühren für Alleinerziehende.