Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

23. April 2016

Lebensrettende Europa-Premiere

Einem glücklichen Zufall, einer seltenen Sondergenehmigung und beherzten Ärzten verdankt eine Patientin des Klinikums ihr Leben.

  1. Erinnerungsfoto nach geglückter Operation: (von rechts): Jim Clifton (Bluegrass Vascular Technologies), Eckehard Mündlein (Klinikum Offenburg), John Gurley (University of Kentucky) sowie Gabriele Niederauer und Darren Spencer (beide BVT) und Nomita Harter (Klinikum Offenburg). Foto: Privat

OFFENBURG. Für Mediziner ist es eine Sensation: Durch ein in Europa erstmals angewandtes Verfahren ist am Klinikum Offenburg das Leben einer 73 Jahre alten Frau gerettet worden. Für die Dialysepatientin aus dem Raum Stuttgart hätte es mit herkömmlichen Methoden keine Hoffnung mehr gegeben, sagt Eckehard Mündlein, Chef des renommierten und auf schwierige Fälle spezialisierten Shuntzentrums. Dass seine Patientin noch lebt, ist Können, Glück und einer unbürokratisch erteilten Sondergenehmigung zu verdanken.

Die Geniale Idee

"Da haben schon ein paar Dinge ideal zusammengepasst", sagt Eckehard Mündlein. Der 52-jährige Facharzt für Innere Medizin und für Nephrologie hat in Offenburg das Shuntzentrum aufgebaut, das im vergangenen Jahr das zehnjährige Bestehen feiern konnte. Für unzählige Dialyse-Patienten ist diese Einrichtung der Spitzenmedizin die letzte Hoffnung. Ein funktionierender Shunt – eine komplexe Verbindung zwischen zwei Blutgefäßen – ist für sie buchstäblich die "Lebensader" für die mehrmals wöchentlich nötige Blutwäsche. Doch die Zugangsmöglichkeiten sind begrenzt: Der Mensch hat nur vier große Venen links und rechts des Halses, die alle in die obere Hohlvene münden. Diese "Kanäle" werden durch intensivmedizinische Notwendigkeiten immer sehr stark beansprucht – von künstlicher Ernährung über Chemotherapie bis hin zur Medikamentenzufuhr oder dem Einbringen eines Schrittmachers. Sind solche Gefäße durch häufige Beanspruchung und Vernarbung erst einmal verschlossen, dann sind sie es für immer: "Gefäße wachsen nicht nach", sagt Mündlein.

Werbung


Allerdings eignen sich für einen herznahen Zugang auch zwei Venen in der Leiste. Hier kommt das neue und innovative "Inside-out" Verfahren ins Spiel, das der Kardiologe und Herzchirurg Prof. John Gurley an der Universität von Kentucky entwickelt hat. "Gurleys Idee ist genial", schwärmt Mündlein. Der US-Kollege habe schlicht durch einen Wandel der Perspektive einen Ausweg aus der Sackgasse gefunden. Wurden Zugangswege bisher von außen nach innen gesucht, so hat Gurley schlicht den Spieß umgedreht. Der verstopfte Weg wird dabei quasi von hinten angesteuert. Unter Ultraschallkontrolle wird zunächst über eines der großen Blutgefäße in der Leiste ein vier bis fünf Millimeter großer "Arbeitskanal" durch den ganzen Körperstamm und am Herzen vorbei nach oben an die Stelle geführt, wo die Gefäße verschlossen sind. Durch diesen Kanal, der an der passenden Stelle – einfach ausgedrückt – eine Art aufklappbarer Luke enthält, kann ein sehr scharfer Draht eingeführt werden. Weil dies unter Röntgenkontrolle geschieht, muss der Patient auf einem speziellen Karbon-Tisch liegen – Metall würde zurückstrahlen. Mittels des eingeführten Drahtes kann das notwendige medizinische Produkt, etwa ein Katheter oder ein Herzschrittmacher, nach innen gezogen und exakt dort platziert werden, wo bisher der Venen-Zugangsweg verwehrt war. So können auch geschlossene Gefäße wieder belegt werden – und das sogar mehrfach.

Der glückliche Zufall

Der Professor aus Kentucky war bisher der einzige, der dieses Verfahren beherrschte – in den USA gehört er zu einem Kreis von "Health Heroes" – Helden der Gesundheit. Um die Technik zu verbreiten, hat er mit der von ihm mitgegründeten Firma "Bluegrass Vascular Technologies" aus seinem bereits an 300 Patienten eingesetzten Verfahren ein spezielles medizinisches Produkt entwickelt, das die Anwendung auch anderen Ärzten ermöglicht. Für das "Surfacer" genannte Gerät läuft derzeit sowohl in den USA als auch in Europa das Zulassungsverfahren.
Gurleys Lösung kann aus Sicht von Eckehard Mündlein "total vielen Patienten in bedrohlichen Situationen nützen." Für seine 73-jährige Stuttgarter Patientin, deren vier Zentralvenen verschlossen waren, wurde es bereits zum Lebensretter. "Es war klar, dass sie nur noch wenige Wochen überleben kann", sagt der Offenburger Experte. Da traf es sich wie ein Wunder, dass Mündlein im März am Rande eines Gefäßchirurgen-Kongress im niederländischen Maastricht bei einer Schulung Kontakt mit Prof. Gurley bekam, von dessen Technik er schon wusste. Die beiden Spezialisten waren sich einig, dass Mündleins Patientin mittels der neuen Methode zu retten wäre.

Das schnelle Okay

Das Problem war, die für einen legalen Einsatz des "Surfacers" nötige Sondergenehmigung zu bekommen. Mündlein wusste von seiner Zeit an der Uni Heidelberg, dass es für solche Fälle Notfallprogramme gibt. Binnen kürzester Zeit wurde die Sache in der Ethikkommission des Klinikums und mit den Angehörigen besprochen und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BFARM). Sondergenehmigungen erteilt das Institut nur, wenn es für das Überleben eines Patienten keinerlei Alternativen gibt und das übliche Zulassungsverfahren zu lange dauern würde. Laut BFARM-Sprecher Maik Pommer trifft das auf gerade mal eine Handvoll Fälle pro Jahr zu. Die 73-jährige Schwäbin war ein solcher Fall – und hatte Glück. Mündlein und Gurley unterbrachen den Kongressbesuch, reisten Anfang März von Maastricht nach Offenburg und nahmen den Eingriff an einem Freitag Anfang März um 11.30 Uhr vor. Die erforderliche Sondererlaubnis für die Europa-Premiere war am Vorabend eingetroffen. Er habe sich den Eingriff zwar zugetraut, aber auch "unter maximaler Anspannung" gestanden und war froh, Gurley an seiner Seite zu wissen: "Aber es hat alles super geklappt." Besonders stolz sei er auf die Teamleistung, die zum Erfolg beitrug: "Alle haben sich reingehängt." Der Eingriff dauerte eine Stunde, dann war die Patientin gerettet. "Sie hat geweint vor Freude", berichtet Mündlein. Zwei Tage später konnte die 73-Jährige entlassen werden: "Es geht ihr gut." Nun hofft Mündlein, dass Gurleys Erfindung möglichst schnell die reguläre Zulassung erhält. Die Zeit dränge: "Es warten schon einige andere Patienten." Mündlein ist überzeugt, dass mit der neuen Technik viele Leben gerettet werden können: "Das ist eine Riesengeschichte."

Die Falsche Sparsamkeit

Pro Anwendung wird das innovative Verfahren etwa 2500 Euro kosten. "Es ist also nicht irrsinnig teuer", sagt Eckehard Mündlein. Bei der Europa-Premiere in Offenburg habe die Verwaltungsspitze bei der zuständigen Krankenkasse eine Kostenübernahme beantragt. Der medizinische Dienst der Kasse habe dies aber abgelehnt. Die Begründung: "Keine Dringlichkeit". Für Eckehard Mündlein war das angesichts der Lebensgefahr seiner Patientin eine glatte Fehleinschätzung. "Wir haben das natürlich trotzdem gemacht."

Autor: Helmut Seller