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11. August 2014

Lichtkunst zum Gedenken an 190 Oppenauer Gefallene

Der Konzept-Künstler Tim Otto Roth erinnert mit einem temporären Kunstwerk an den Ersten Weltkrieg / Einweihung am Dienstag.

  1. LED-Installation im Oppenauer Bahnhof, wo Tim Otto Roth sein Atelier hat. Foto: Privat

  2. Tim Otto Roth Foto: privat

OPPENAU. Spätestens seit seiner faszinierenden Lichtkunstinstallation im New Yorker Museum für Naturgeschichte ist Tim Otto Roth aus Oppenau ein bekannter Name in der weltweiten Kunstszene. Derzeit arbeitet der Konzept-Künstler in seiner Heimatstadt Oppenau an einem "temporären Kunstwerk" zum Ersten Weltkrieg, das am Dienstag, 12. August, um 19.30 Uhr eingeweiht wird.

Wie nahezu alle Städte und Gemeinden besitzt auch Oppenau ein Kriegerdenkmal. Es wurde im Auftrag des "Kriegervereins" 1934 errichtet, mit Hitlergruß und Heldenfeier, wie fast immer in jener Zeit. Es führt die Namen aller gefallenen Oppenauer auf und wurde nach 1945 um die Namen der Toten aus dem Zweiten Weltkrieg ergänzt. Die heroische Darstellung mit sterbendem Kameraden und unbeugsamem Aufbäumen – der Soldat wirft eine Granate in Richtung Frankreich –, dazu die sich auf die so genannte "Dolchstoßlegende" beziehende Inschrift "… und heißen wird’s in späten Jahren / gesiegt hat doch das Deutsche Heer" sorgte teilweise sogar bundesweit für Diskussionen, wie Roth erläutert. Dieses Denkmal ist derzeit jedoch eingelagert, da es einer Parkplatzanlage weichen musste. Um in Oppenau dennoch im Jahr einhundert nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs einen Ort des Gedenkens an die Gefallenen zu schaffen, hat Roth nun ein Konzept- und Medienkunstwerk geschaffen.

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Am Eingang seines Ateliers im Oppenauer Bahnhof zeigt eine gelbe LED-Anzeige seit dem 1. August die verschiedenen deutschen Kriegserklärungen, seit dem 3. August auch die an Frankreich, die an diesem Datum vor 100 Jahren übermittelt wurde. "Das geschah telegrafisch, und wegen eines Kommunikationsfehlers nahm die Kriegserklärung sinnfreie, dadaistisch anmutende Züge an", sagt Roth. Am 12. August soll das LED-Band dann die Namen aller 190 gefallenen Oppenauer verzeichnen. 190 Gefallene – das war nahezu ein Zehntel der damaligen männlichen Bevölkerung des Renchtalstädtchens.

Roth erinnert daran, dass der Bahnhof jener Ort war, von wo aus die Oppenauer Soldaten in den Krieg zogen. Dass die LED-Anzeige mit den Namen der Gefallenen mit den LED-Anzeigen der Ankunfts- und Abfahrtszeiten in eine Wechselwirkung tritt, sei beabsichtigt.

Bei der Gedenkveranstaltung am 12. August wird der SWR-Redakteur Willi Keller Lyrik prominter Dichter aus den ersten Kriegsmonaten lesen. Es handelt sich um den Krieg verherrlichende Gedichte, die von der Literaturwissenschaftlerin Miriam Seidler ausgewählt und zusammengestellt wurden. Ihr zufolge entstanden im ersten Kriegsjahr an die drei Millionen solcher Gedichte, von literarischen Größen wie dem Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann oder dem Lyriker Richard Dehmel, der als 51-Jähriger freiwillig in den Krieg zog, bis hin zum dichtenden Amateur und dem dichtenden Gymnasiasten. Für Miriam Seidler verweist das auf die große Kriegsbejahung jener Zeit. Dieses Bejubeln des Krieges sei im Nachhinein kaum nachvollziehbar.

Für den Künstler und Kunsthistoriker Tim Otto Roth ist erschütternd, dass so viele Künstler – etwa Franz Marc, Mitbegründer des "Blauen Reiter" – sich am Kriegsjubel beteiligten. Er spricht von einem "moralischen Versagen der künstlerischen Avantgarde".

Das temporäre Denkmal soll in Betrieb bleiben, bis das alte Denkmal an einer neuen Stelle wieder aufgebaut ist. Das Projekt wird begleitet von der Webseite http://www.memento190.de Dort sind auf einer interaktiven Karte die über Europa verteilte Sterbeorte der Kriegstoten verzeichnet, und ebenso ihre Namen.

Dienstag, 12. August, 19.30 Uhr, "Imachination Labs Oppenau", am Bahnhof: Einweihung des Denkmalprojekts "memento 190" von Tim Otto Roth, mit Lesung von Kriegslyrik aus dem Ersten Weltkrieg durch SWR-Redakteur Willi Keller. Weitere Infos unter http://www.memento190.de und http://www.imachination.net

Autor: Robert Ullmann