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22. September 2012

Mistattacken und andere Wohltaten

Jutta Bissinger hat ein amüsantes Offenburg-Buch geschrieben.

  1. Jutta Bissinger Autorin von "Um fünf am Stadtbuckel" Foto: Ralf Burgmaier

  2. Foto: Museum im Ritterhaus

  3. Auch die Zeit der Zibold’schen Mühle (oben) und die umstrittene Eingemeindung spielen eine Rolle. Foto: repro bz

OFFENBURG. Jeder Fünfte in Deutschland hat einen Migrationshintergrund, und jemand wie Jutta Bissinger ist damit noch gar nicht gemeint. Sie kam 1974 als Grundschülerin aus einem Dorf in Ostwestfalen nach Offenburg und hatte vor allem wegen des badischen Dialekts ein Integrationsproblem. Knapp 40 Jahre später legt die Journalistin jetzt einen schönen Band mit erlesenen Offenburg-Anekdoten vor, der zugleich ihr persönliches Offenburg-Diplom ist.

Das wird deutlich in der Eingangsgeschichte des 79 Seiten umfassenden, mit zahlreichen historischen Fotografien illustrierten Bändchens. Darin beschreibt die Autorin den Kampf der Hochdeutsch sprechenden Neubürgerin um Anerkennung bei den Dialekt schwätzenden Mitschülern. Und wie zum Beweis, dass sie mittlerweile angekommen ist, zählt sie die zärtlichen, kraftvollen, derben bis kuriosen Sprachschöpfungen des Alemannischen auf, die sie sich in diesem Integrationsprozess angeeignet hat: von A wie "ä Rädle Wurscht" bis Z wie "zuz’horche, um ebbs z’lehre". Das Kompliment ihres Schwarms in der Klasse, "Hesch du langi Fieß!", das ihre Beine rühmte, zeigt darüber hinaus, dass auch Gott Eros bei der Integration behilflich war.

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Doch Jutta Bissinger beschränkt sich nicht auf selbst erlebte Geschichten. Frei nach dem Motto "Jeder Mensch ist ein Roman" hat sie sich in Offenburg umgehört, hat Zeitzeugen und die handelnden Personen ausfindig gemacht und ihnen zum Teil Geständnisse über Taten entlockt, die nur Dank der Verjährung heute keine strafrechtlichen Konsequenzen nach sich ziehen können. Zum Beispiel Wolfgang Eberhardt. Der Mann leistet heute wichtige Integrationsarbeit als Chef des Instituts für deutsche Sprache, das Zuwanderern die hiesige Sprache und Kultur beibringt. In den 1970er Jahren, so hat es Eberhardt der Autorin in den Block diktiert, haben er und seine Freunde sich für den damals frisch gewählten ersten Offenburger SPD-Nachkriegsbürgermeister, Martin Grüber, begeistert. Ganz im Gegensatz zur örtlichen Presse. Vor allem ein Anzeigenblatt hatte Grüber kritisch im Visier. In einer Nacht-und-Nebelaktion setzten die Aktivisten um Eberhardt der Redaktion kurzerhand einen dampfenden Misthaufen vor die Redaktionstür in der Lange Straße. Das zugehörige Schild mit der Aufschrift "Lest euren Mist selber!" zimmerten sie mit Wissen des damaligen Volkshochschulchefs Hans-Joachim Fliedner in VHS-Räumen.

Herrlich sind auch die von Jutta Bissinger aufgezeichneten Erinnerungen von Stadtrat Heinz Hättig, jüngster Sohn der Frau mit dem Ehrentitel "Mutter der Stegermatt", Maria Hättig. Er zeichnet darin ein spannendes Porträt des Stadtteils Stegermatt, der zu seiner Kindheit als Problemviertel verschrien war: ein Stück Sozialromantik. Die harte Realität ist zwischen den Zeilen spürbar.

Dass die Autorin (Jahrgang 1965) der Generation Rock angehört, liest sich in etlichen Zeitzeugenberichten über legendäre Konzerte, die Zibold’sche Mühle oder die Disco Big Ben. Hier wandelt sie auf Terrain, das der Offenburger Schriftsteller Karlheinz Kluge mit seinem Erzählband "Café Gnädig" und die Ausstellung "When I was young" des Ritterhausmuseums bereits bereitet hat.

Spannend ist auch zu lesen, wie der ehemalige Hauptamtsleiter Klaus Hansert über die von ihm gemanagte Eingemeindung der elf Offenburger Ortsteile gegen alle Widerstände Anfang der 70er Jahre berichtet.

Fazit: Auf kurzer Strecke bietet das Buch ein breites Spektrum von 24 überraschenden Geschichten, um Offenburg besser kennen und lieben zu lernen.

Jutta Bissinger, "Um fünf am Stadtbuckel – Geschichten und Anekdoten aus Offenburg", Wartberg Verlag, 11 Euro.

Autor: Ralf Burgmaier