Tim Otto Roth zeigt sich als Poet der Physik

Sinn und Sinnlichkeit der Zahl Pi

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Do, 18. Februar 2016 um 18:39 Uhr

Offenburg

Eine Erfrischung für Auge, Herz und Hirn ist die Ausstellung "XX oder der Mummelsee in der Pfanne" des Oppenauer Künstlers Tim Otto Roth in der Städtischen Galerie Offenburg.

Als Joseph Fraunhofer 1814 mit dem von ihm entwickelten Spektrometer die Zerlegbarkeit des Sonnenlichts bewies, bewies also, dass Licht sich in seine farbigen Bestandteile zerlegen lässt, war das eine Entdeckung, die in den seither vergangenen 200 Jahren den Alltag der Menschheit entscheidend verändert hat. Leider nicht die Kunst, wie Tim Otto Roth bedauert. Geht es nach dem 41-jährigen Uomo universale aus dem Renchtal, ist nun Zeit für einen Neuanfang – auf der Basis von Fraunhofer & Co. Wie das aussehen kann, demonstriert Roth mit seiner Ausstellung, die an diesem Freitagabend in der Städtischen Galerie Offenburg eröffnet wird. Das Ergebnis ist eine Erfrischung für Auge und Hirn, ebenso zu empfehlen für Kunstfreunde wie für solche, die es noch werden wollen, aber es bisher nicht gewagt haben.

Goethe war – wen wundert’s – in der Sphäre der Kunst deutlich einflussreicher als Fraunhofer. In der Naturwissenschaft fand Goethes 1810 erschienene Farbenlehre, die eher eine Farbenpsychologie ist, nie Anerkennung. Um so mehr in der Kunst. Durch Goethes Erklärung unterschiedlicher Farbwahrnehmung im Empfinden des Betrachters, stellte der Dichterfürst kontrafaktisch und präkopernikanisch, aber nachhaltig noch einmal den Menschen ins Zentrum des Kunstuniversums. Vielleicht empfand Goethe eine wissenschaftlich begründete und damit posthumane Kunst als Gefahr. Jedenfalls sieht Tim Otto Roth ihn in der Verantwortung für die Entfremdung von Kunst und Naturwissenschaft. Er diskutiert das auch in der Ausstellung. Gleich im ersten Saal bitten Roth und Miriam Seidler, die gemeinsam die Ausstellung kuratiert haben, zum Kunstdiskurs mit Marcel Duchamp. Der Erfinder des Ready mades hat den ebenso genialen wie in dieser Situation ins Bodenlose stürzende Metallbildhauer Constantin Brâncusi angesichts eines Flugzeugpropellers gefragt: "Wer kann etwas Besseres machen als diesen Propeller? Können Sie es?" Statt mit einem Propeller beschämen Roth/Seidler den armen Brâncusi posthum mit der Eleganz des Flügelschwung s einer Kaplan-Turbine der Renchener Firma Wiegert & Bähr. Ingenieurskunst auf Augenhöhe mit einem Klassiker der Moderne.

Doch das bereits 20 Jahre überspannende Werk Tim Otto Roths, das kurioser Weise jetzt zum ersten Mal in den Ortenauer Fokus gerät, nachdem der Mann schon rund um den Globus gereicht wurde, beschränkt sich nicht auf den Kunstdiskurs. Den beherrscht Roth auf hohem Niveau, wie seine eben im Druck bei Wilhelm Fink erschienene Promotionsarbeit "Körper. Projektion. Bild. Eine Kulturgeschichte der Schattenbilder" belegt. Mit der Kunst der Schattenbilder hat sich Roth aber nicht nur in der Theorie beschäftigt. In der Ausstellung nehmen entsprechende Objekte großen Raum ein. Von frühen Experimenten bis zu einem Raum namens "Sterea Skia", in dem die von zwei nebeneinander stehenden verschiedenfarbigen Lichtquellen erzeugten Schatten von Ästen die Wände bedecken. Besucher schauen durch eine Brille in den Raum, wie sie bevorzugt bei 1950er-Jahre-3 D-Horror-Filmen zum Einsatz kam. So gesehen entgrenzt sich der Raum in die Tiefe. Die unterschiedliche Erfahrung von Raum zieht sich durch die Fotoarbeiten Tim Otto Roths. Ein weiterer Raum zeigt in serieller Massierung Vergrößerungen von Ektrachrome-6-mal-9-Zentimeter-Rollfilm-Diapositiven. Direkt auf das unbelichtete Filmmaterial hat Roth Blüten gelegt und kurz belichtet. Diese Wand ist ein Elfen(t)raum.

Roth erzeugt mit naturwissenschaftlichen Methoden umwerfende Ästhetik. Vielleicht eindrucksvollstes Beispiel ist seine wandfüllende Visualisierung der Zahl Pi. Dabei hat er jeweils 14 Stellen nach dem Komma dieser sagenumwobenen Zahl genommen und mit den nächsten 14 Stellen überlagert. Am nächsten Tag lagerte er die nächsten 14 Stellen über das zweite Zahlenpaket und so weiter. Den so durch Interferenzen entstehenden Höhen und Tälern hat er Farbwerte zugeteilt, die ein psychedelisch flimmerndes Farbrauschen erzeugen. Die Serielle Musik hat nach dem Zweiten Weltkrieg mit ähnlichen Mitteln gearbeitet. Bei Roth ist das Ergebnis indessen entschieden sinnlicher.

Physik und Musik sind – ungleiche – Geschwister. Timm Otto Roth beweist das abschließend mit seiner Installation Aura calculata. 18 Orgelpfeifen aus Plexiglas lassen mittels ausgefuchster digitaler Steuerung eine hydropneumatische Wassermusik erklingen.

XX oder der "Mummelsee in der Pfanne", Eröffnung diesen Freitag, 19 Uhr in der Städtischen Galerie auf dem Offenburger Kulturforum, Armand-Goegg-Straße 2.