"Vieles ergibt sich im Prozess"

Moritz Lehmann

Von Moritz Lehmann

Mi, 16. August 2017

Offenburg

BZ-INTERVIEW mit dem Künstler Johannes Mundinger, der zusammen mit Elias Errerd eine Hauswand in der Oststadt bemalt.

OFFENBURG. Die beiden Künstler Johannes Mundinger und Elias Errerd gestalten ab Freitag, 18. August, eine Hauswand in der Offenburger Oststadt. Moritz Lehmann sprach mit Johannes Mundinger über dieses Projekt und seine Faszination für Wandmalerei.

BZ: Herr Mundinger, was werden Sie auf die Wand malen?

Mundinger: Das Überthema der Wand von Elias Errerd und mir wird Freiheit sein, was ja für die Stadt Offenburg ein großes Thema ist. Darauf haben wir uns zusammen mit dem Kulturbüro geeinigt. Freiheit wird ja gerade sichtbar, wo sie an ihre Grenzen stößt, wie sich aktuell beim Aufkommen populistischer Strömungen zeigt. Zudem hatten in dem Haus, das wir bemalen, und im Nachbarhaus, in dem Elias Errerd wohnt, zwei direkte Vorfahren von mir gelebt. Vater und Sohn, die unter Bismarck für das Schmuggeln der "Roten Feldpost", einer sozialistischen Zeitung, in Haft kamen. Es wird eine abstrakte Komposition werden, die jeder für sich selbst interpretieren kann. Eine große Form, die begrenzenden Details. Einen ganz konkreten Entwurf gibt es nicht – vieles ergibt sich im Prozess.

BZ: Wird es für Zuschauer die Möglichkeit geben, sich an diesem Prozess zu beteiligen?

Mundinger: Nein, es ist kein interaktives Projekt. Das gäbe ein zu großes Durcheinander. Wir sind zu zweit und müssen uns untereinander absprechen.

BZ: Wie lange werden sie an dem Projekt arbeiten?

Mundinger: Wir planen vom Freitag, den 18. August bis Mittwoch, den 23. August zu malen. Weil wir noch das Material besorgen müssen, werden wir am Freitag wohl erst nachmittags starten. Die folgenden Tage beginnen wir wahrscheinlich gegen 10 Uhr morgens und sind bis spät bei der Sache, solange es Licht gibt.

BZ: Was sind die Besonderheiten der Hauswand nahe der Kreuzung Friedrichstraße/Weingartenstraße 11?

Mundinger: Sie ragt in ein ein privates Gartengrundstück hinein und wird von einer etwa 1,70 Meter hohen Mauer verdeckt, die von der Hauswand abgeht. Einen Teil des Werks wird man von der Straße aus nicht ohne weiteres sehen können. Wer das ganze Werk sehen will, muss sich trauen, über diese Mauer zu schauen. Zudem ist es eher ein Winterbild, weil vor der Wand ein Baum steht. Wenn der keine Blätter mehr hat, ist die Sicht besser.

BZ: Was fasziniert Sie an der Wandmalerei?

Mundinger: Mir gefällt das Großformat, das eine ganz andere Wirkung hat, als zum Beispiel ein Bild auf A4. Und mir gefällt, dass die Leute nicht in einen Raum gehen müssen, um das Werk anzusehen, sondern es direkt vor die Nase gesetzt bekommen. Die Menschen werden damit unweigerlich konfrontiert, was Reaktionen hervor ruft. Das ist sehr interessant. Manch einer findet es gar nicht schön und teilt das auch mit. Andere wollten mir auch schon Geld für meine Arbeit geben.

BZ: Sie haben schon Wände in Mexiko, Frankreich und Litauen bemalt. Was war das für Sie persönlich bisher schönste Projekt?

Mundinger: Ich bin kein Freund von Superlativen. Aber ganz allgemein mag ich es sehr, über diese Arbeit unterwegs zu sein und so andere Menschen auf eine andere Art und Weise zu erleben, wie ich es als Tourist würde. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass die Menschen auf der Welt gar nicht so verschieden sind – und dass ich mit einem Künstler in Belgien oder Mexiko mehr gemein habe, als mit meinem Nachbarn, der die AfD wählt.

BZ: Sie kommen aus Offenburg, haben in Münster und Brüssel studiert und leben jetzt in Berlin. Was verbindet sie noch mit Ihrer alten Heimat?

Mundinger: Ein Großteil meiner Familie und alte Freunde leben hier, so auch Elias Errerd, mit dem zusammen ich die Wandmalerei entwickle. Ich freue mich sehr darauf, mit ihm zusammenzuarbeiten. Und ab Dezember werde ich hier im Kunstverein ausstellen. Da wird wahrscheinlich vor allem Malerei zu sehen sein, das genaue Konzept ist aber noch in Arbeit.

Zur Person: Johannes Mundiger ist 35 Jahre alt und hat Kunst in Münster und Brüssel studiert. Er ist in Offenburg geboren und lebt in Berlin. Im Dezember macht er eine Ausstellung im Offenburger Kunstverein.