"Zukunft wird auf lokaler Ebene gestaltet"

Helmut Seller

Von Helmut Seller

Mo, 12. Januar 2015

Offenburg

Beim Neujahrsempfang in Offenburg zieht sich das Thema Zukunftsgestaltung als roter Faden durch die Reden von Edith Schreiner und Prof. Horst Opaschowski.

OFFENBURG. 100 Millionen Euro wird die Stadt Offenburg in den nächsten vier Jahren in ihre Infrastruktur investieren – und damit Zukunft gestalten. "Wir sind jetzt verantwortlich für das, was in der Zukunft geschieht", sagte Oberbürgermeisterin Edith Schreiner in ihrer Neujahrs

ansprache vor rund 800 Gästen in der Oberrheinhalle. Das Thema Zukunft zog sich auch durch die Festrede von Prof. Horst Opaschowski. Der 74-jährige Zukunftsforscher zeigte höchst unterhaltsam Trends auf und gab den Gästen auch etwas Lebenshilfe mit auf den Heimweg (siehe Infobox).

GEDENKMINUTE FÜR CHARLIE
Der Jahresbeginn 2015 steht unter dem Eindruck des Terror-Anschlags in Paris – ein Thema, das auch beim Neujahrsempfang in Offenburg nicht außen vor blieb: Oberbürgermeisterin Edith Schreiner bat vor ihrer Neujahrsansprache die rund 800 Gäste in der Oberrheinhalle, sich zum Gedenken an die Opfer zu erheben. Während einer Schweigeminute wurde "Je suis Charlie" an die Leinwand über der Bühne projiziert – eine Solidaritätsbekundung mit den Nachbarn jenseits des Rheins. "Wir alles sind aufgerufen, für unsere Werte, für die Meinungsfreiheit, offen einzutreten", sagte Schreiner wenig später. Sie erinnerte daran, dass der in Paris auf der Straße hingerichtete Polizist Ahmet Merabet ein Muslim war: "Hüten wir uns also vor Diskriminierungen und Verallgemeinerungen." Nur die Solidarität aller in der Gesellschaft, das Verurteilen des feigen Attentats in Paris sowie das Eintreten für die Pressefreiheit machten ein Leben in Freiheit auch in Zukunft möglich. "Wir dürfen hier nicht zurückweichen", mahnte Schreiner.

BEITRÄGE ZUR ZUKUNFT
Auch wenn Visionen nicht ihre Sache sind, so hat Offenburgs OB ihren 13. Neujahrsempfang dem Blick in die Zukunft gewidmet: "Die Gestaltung der Zukunft ist nicht nur ein Thema des Staates – Zukunftsgestaltung findet insbesondere auf lokaler Ebene statt", stellte Edith Schreiner klar. Doch zunächst galt ihr Blick zurück auf ein Jahr, in dem Offenburg schuldenfrei wurde – für Schreiner "ein wichtiger Beitrag zur Zukunft." Die Stadt habe sich damit Spielräume eröffnet und erspare der nachfolgenden Generation eine Hypothek von Altschulden.

"Wir arbeiten an der künftigen Attraktivität des Oberzentrums", sagte die OB mit Blick auf den bevorstehenden Bau eines neuen Freizeitbades für bis zu 36,6 Millionen Euro. Auch mit dem Einkaufsquartier und der Erneuerung der Nördlichen Innenstadt werde Zukunft gestaltet: "Offenburg muss sich weiterentwickeln, sonst geraten wir als Einkaufsstadt ins Hintertreffen", stellte Schreiner klar. Sie plädierte einmal mehr für das neue Einkaufsquartier als Chance für die Stadt – gerade angesichts der Konkurrenz durch das Internet.

Auch der künftige Zuwachs an Innenstadtbewohnern dürfe nicht außer Acht gelassen werden: Offenburg mit seinen 23 000 Einpendlern habe großen Bedarf an Wohnungen. Durch die Neubauprojekte am Mühlbach und im Seitenpfaden könnten frei werdende Wohnungen zu bezahlbaren Preisen vermietet werden.

Neben Themen wie Kinder- und Familienfreundlichkeit, Investitionen in die regionale Schullandschaft sowie Anstrengungen für mehr Klimaschutz streifte Schreiner den Bahnausbau: Zukunftsgestaltung heiße auch, endlich die Rheintalbahn so auszubauen, dass der ICE-Halt Offenburg gewährleistet sei und die Güterzüge um die Stadt herum geführt würden. "Dafür müssen jetzt endlich die Planungsmittel freigegeben werden", sagte Schreiner – und bekam viel Beifall.

SIGNALE DER GEGENWART
Als "Politik pur" wertete Horst Opaschowski Schreiners Appell, die Verantwortung für die Zukunft zu nutzen: "Das ist Daseinsfürsorge", sagte der als "Zukunftspapst" bekannte Forscher. Er stellte freilich zu Beginn seiner launigen und zugleich nachdenklich machenden Rede klar, dass auch er nicht in die Zukunft sehen könne: "Aber ich kann frühzeitige Signale erkennen, weil ich die Gegenwart beobachte." Ob 1999 beim Blick auf die digitale Entwicklung, 2002 bei der Prognose über die bevorstehende Zahlungsfähigkeit einzelner Länder oder 2004 bei der Vorhersage eines drohenden Zusammenbruchs der Finanzwirtschaft – immer wieder erzielte der 74-jährige Forscher nachweislich Volltreffer. In Offenburg spannte er in einer 50-minütigen Rede den Bogen vom Internet als "elektronischem Schlachtfeld" über die Globalisierung bis hin zur Verdichtung in der Arbeitswelt: "Die Zukunftsformel lautet 0,5 mal 2 mal 3: Die Hälfte an Mitarbeitern verdient doppelt soviel, muss aber drei mal soviel arbeiten." Dagegen setze die junge Generation das Streben nach Balance zwischen Leistung und Lebensgenuss. Die Zeiten in denen "der Arbeiter arbeitet und der Chef scheffelt" seien vorbei: "In Zukunft muss jeder eine unternehmerische Grundhaltung entwickeln."

NEUE LUST AUF FAMILIE
Der Zukunftsforscher erkennt zudem eine neue Lust auf Familie: "Der Trend zur Individualisierung hat den Zenit überschritten." Verlässlichkeit sei wieder ein Wert. Die Scheidungen seien seit 2003 rückläufig, auch die Geburtenzahl steige wieder in Deutschland. Nicht zuletzt werde die Arbeitswelt weiblicher – auch in den Chefetagen: "In 20 Jahren müssen mehr Männer als Frauen nach oben schauen." Rollenwechsel seien angesagt, stimmt Opaschowski die Männerwelt darauf ein, sich von der Hauptrolle des Ernährers zu verabschieden. Nicht zuletzt erwartet er einen "Re-Start" der 50-Plus-Generation – und selbst der über 65-Jährigen: Ältere seien künftig als verlässliche und gelassene "Silver Worker" zunehmend gefragt: "Alt ist man heute erst mit 76 und 2030 sogar erst mit 83." Für den Zukunftsforscher zeichnet sich damit ein Ende des Jugendwahns ab: Künftig heiße es "forever 40 statt forever young".

Nicht zuletzt der Gedanke der Wohlstandsgesellschaft erlebe eine Renaissance: "Es gibt einen deutlichen Wandel vom Ich zum Wir, und die soziale Dimension des eigenen Tuns wird wichtiger", sagt Opaschowski. Künftig gehe es viel stärker darum gut zu leben, als viel zu besitzen: "Die Suche nach Sinn, Halt und Heimat verstärkt sich, die Menschen interessieren sich wieder mehr dafür, wie die Gesellschaft besser werden kann."