Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

08. September 2017

Offenheit im Denken

In der Kulturhauptstadt Paphos auf Zypern beginnt neues Leben zu blühen.

  1. Europäische Kulturhauptstadt 2017: Paphos auf Zypern Foto: Larko

Die beleuchteten Mauern des osmanischen Kastells zeichnen sich vor dem Nachthimmel ab. Meeresrauschen und Mondlicht verstärken die Wirkung der Naturkulisse. Mozarts "Entführung aus dem Serail" ist die perfekte Oper für diese 2200 Plätze fassende Open-Air-Bühne im Hafen von Paphos, zumal die Architektur im Bühnenbild von Franco Armieri aufgenommen wird. Im Publikum sind junge Gesichter zu entdecken. Das Cyprus Symphony Orchestra, das einzige Profiorchester der geteilten Insel, spielt unter Leitung von Daniele Agiman mit Esprit und Eleganz. Doch nimmt die schlechte Lautsprecherverstärkung die Farben, so dass das internationale Solistenensemble nach Schellackplatte klingt.

In diesem Jahr steht die Opernproduktion des Paphos Aphrodite Festivals im Fokus, weil die 35 000-Einwohner-Stadt im Südwesten Zyperns gemeinsam mit dem dänischen Aarhus europäische Kulturhauptstadt ist. Mit einem Volumen von 8,5 Millionen Euro hat Paphos den kleinsten Etat aller Zeiten zur Verfügung. Die zyprische Programmdirektorin Georgia Doetzer ließ sich aber davon nicht beeindrucken und hat für 2017 unter dem Motto "Linking Continents, Bridging Cultures" (Kontinente verbinden, Kulturen überbrücken) über 150 Veranstaltungen mit rund 1500 Künstlern kreiert.

Werbung


Mozarts Singspiel, das den Humanismus feiert und Versöhnung zwischen Islam und Christentum predigt, verkörpert die Botschaft ideal. Auch das bewährte Open-Air-Format der Opernfestspiele ist wichtig für die europäische Kulturhauptstadt. Open-Air-Factory hat Doetzer das Programm genannt. "Wir möchten den Zugang zur Kunst für alle ermöglichen, deshalb kosten viele Veranstaltungen keinen Eintritt. Aber Open Air steht auch für eine Öffnung von Paphos zur Welt hin. Es meint die Offenheit im Denken, die wir hier anstoßen möchten."

Paphos war bereits eine Kulturhauptstadt – über viele Jahrhunderte. Der Ruhm der Stadt begann mit der schaumgeborenen Göttin Aphrodite, die in der Nähe beim Felsen Petra tou Romiou dem Wasser entstiegen sein soll. Heute posieren viele meist russische Aphrodites unterschiedlichen Alters vor den rotbraunen Felsen und erhoffen sich eine dem antiken Vorbild ähnliche erotische Ausstrahlung; genau dort sorgt Goran Bregovic im Rahmen des Kulturprogramms mit seiner treibenden Balkanmusik für ein besonderes Open-Air-Erlebnis. Das Aphrodite-Heiligtum in Koúklia (Paläa Páfos), dem alten Paphos 15 Kilometer südöstlich der modernen Stadt, war bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. das religiöse Zentrum der Insel. Heute kann man auf dem Gelände zwischen Granatapfelbäumen und Oleandersträuchern die glorreiche Vergangenheit zumindest erahnen.
Der Ruhm der
Vergangenheit

Besser erhalten sind die sogenannten Königsgräber aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. im Stadtgebiet. Die weltbekannten römischen Mosaiken im weitläufigen archäologischen Park neben der Opernbühne zeigen den letzten Glanz der Stadt, bevor sie nach einem Erdbeben im 4. Jahrhundert n. Chr. lange keine Rolle mehr spielte in Sachen Kultur. Erst als 1962 ein Bauer beim Pflügen ein römisches Mosaik entdeckte und der Ruhm der Vergangenheit ans Licht kam, rückte auch Paphos wieder in die Weltöffentlichkeit.

Damals war Zypern zwei Jahre unabhängig. Zuvor hatte es als britische Kronkolonie kaum Chancen gehabt zur Entfaltung. Nachdem 1974 Präsident Makarios III. von der griechischen Militärjunta aus dem Amt geputscht und die türkische Armee den Norden der Insel besetzte, wurden Tausende von Zyprern zwangsumgesiedelt. Rund 160 000 Griechischstämmige flohen aus dem Norden, rund 45 000 Türkischstämmige aus dem Süden. Heute können sich alle Zyprer auf der Insel frei bewegen, aber es gibt wenig Kontakt zwischen dem türkisch besetzten Norden und dem griechischen Süden. Ein großer Holztisch steht vor dem Cyprus Institute in Paphos, wo das Büro von Georgia Doetzer untergebracht ist. Für den "Table of Unification" (Tisch der Wiedervereinigung") verwendeten die britischen Künstler Anthony Heywood und Uwe Derksen Holz von Gebäuden, die 1974 verlassen wurden. Nach dem Kulturhauptstadtjahr wird er in die wieder aufgebaute Karawanserei Ibrahim’s Khan gebracht, um zumindest symbolisch den Dialog zwischen griechischen und türkischen Zyprern in Gang zu setzen.

Georgia Doetzer hat Künstler aus dem türkischen Norden in viele Projekte einbezogen. Mit der Ausstellung "Risky Travels" erzählte sie vom türkisch-zyprischen Bildhauer Baki Bogac, der 1974 die Kunstwerke seines griechischen Kollegen Andy Hadjiadamos, der vom Norden in den Süden fliehen musste, verwahrte und sie 1993 dessen Familie zurückbrachte. Als die Berliner Philharmoniker am 1. Mai nach Paphos kamen, dirigierte Philharmonikermitglied Stanley Dodds im Vorfeld das neu gegründete Jugendorchester "United By Music", in dem Jugendliche aus dem Norden und dem Süden mitspielten. Im ehemaligen türkischen Viertel Moutallos werden von 20. bis 24. September Autoren aus beiden Landesteilen Texte in ihrer Muttersprache vortragen. In "Forbidden Stories" (13. bis 15. Oktober) geht es um Geschichten der Solidarität zwischen den griechischen und türkischen Zyprern.

"Wir haben insgesamt das heruntergekommene Viertel zu neuem Leben erweckt. Stadt und Land haben auch für viele Bauvorhaben Gelder bereitgestellt. 30 Prozent der Bewohner von Paphos sind Ausländer, jede Gruppe bleibt für sich. Auch zwischen ihnen möchten wir in dem wiederbelebten Viertel Kontakt schaffen", sagt die 58-jährige Programmdirektorin. Beim Spaziergang durch Moutallos kann man erste Erfolge sehen. Das Viertel macht sich hübsch für die Zukunft. Man soll wieder gerne hierherkommen, wo die größte Wunde der Stadt klaffte. Selbst kahle Steinwände werden hier begrünt. Und stehen für das neue Leben, das hier zu blühen beginnt.

Das Programm unter      http://www.pafos2017.eu

Autor: Georg Rudiger