Südbadener in Rio (7)

Johannes Vetter – der Shootingstar mit dem Speer

Benedikt Hecht

Von Benedikt Hecht

Do, 21. Juli 2016 um 00:00 Uhr

Olympische Spiele

Vor drei Jahren hätte Speerwerfer Johannes Vetter noch nicht zu träumen gewagt, an den Olympischen Spielen in Rio teilzunehmen. Jetzt ist er als Zweiter der Weltjahresbestenliste dabei.

OFFENBURG. Ruhig und gelassen nimmt Johannes Vetter auf der Holzbank in der Rüdiger-Hurrle-Halle Platz, lehnt sich gegen die Wand. In wenigen Minuten beginnt seine Trainingseinheit. Die restlichen Mitglieder seiner Trainingsgruppe starten ihr Aufwärmprogramm. Vetter nimmt sich hingegen erst einmal Zeit, um Fragen zu beantworten. "Das sind die neuen Aufgaben, die auf einen zukommen", sagt er. Genervt fühlt er sich davon nicht, das Gefragtsein bestätigt ihn vielmehr in seiner Trainingsarbeit. Und er fügt an, dass direkt im Anschluss an die Übungseinheit der nächste Interviewer bereits warte.

Für den 23-jährigen Speerwerfer geht mit der Olympia-Nominierung ein Wunsch in Erfüllung, von dem er vor wenigen Jahren nicht zu träumen gewagt hätte. "Wenn mir einer vor drei Jahren gesagt hätte, ’Du fährst 2016 zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro’, ich hätte ihm geantwortet: ’Schwachsinn!’". Die Olympianorm (83 Meter) lag in weiter Ferne, um die 75 Meter warf er in der Regel. Der ehrgeizige Sportsoldat wusste: "Es muss sich etwas ändern." Also schloss er sich vor knapp zwei Jahren der Trainingsgruppe um Bundestrainer Boris Obergföll an und zog in Richtung Offenburg. Ein Wechsel, der sich auszahlte. Regelmäßig wirft der gebürtige Dresdner den Speer nun über 80 Meter und entwickelte sich vom No-Name zum Shootingstar der Szene. Er überraschte bei der WM 2015 in Peking mit 83,79 Metern und dem siebten Platz. "Meine Technik hat sich extrem verbessert seit dem Wechsel nach Offenburg", sprudelt es aus ihm heraus und er lässt den Blick durch die Halle schweifen. Die örtliche Veränderung bereut er bis heute nicht.

Der Weg nach oben setzt sich bei Vetter stetig fort, beim Diamond-League-Meeting am 9. Juni dieses Jahres in Oslo schleuderte er den 800 Gramm schweren Speer auf 87,11 Meter – neuer persönlicher Rekord – und jubelte danach auf Facebook: "Endlich ist der Knoten geplatzt." 16 Tage später setzte er noch eins drauf: Bei 88,23 Metern bohrte sich im finnischen Kuortane der Speer in den Boden. Ist der Zweite der Weltjahresbestenliste überrascht von der Leistung? Keineswegs: "Das hatte sich bereits angedeutet, ich weiß ja, was ich im Training werfen kann." Johannes Vetter wippt dabei mit den Beinen, zeigt mit seinem rechten Arm den imaginären Wurf, fährt mit seinem linken Zeigefinger den Oberarm entlang, um die korrekte Körperhaltung vorzuführen.

Training ist allerdings nicht Wettkampf, die Situation im Kopf ist eine andere. So sind dem 23-Jährigen bei allen Erfolgen und Verbesserungen Rückschläge nicht fremd. Seine Saison gleicht einem Wellental. Höhen und Tiefen, sie wechseln sich schon mal ab. Bei der deutschen Meisterschaft in Kassel landete Vetter mit nur 81,39 Metern auf Rang vier, noch enttäuschender lief die Europameisterschaft vor knapp zwei Wochen in Amsterdam: das Aus bereits in der Qualifikation mit einer Weite von unter 80 Metern. "Da war viel Pech dabei", sagt der Sachse – und versucht sich in einer Analyse. Die schlechten Windverhältnisse seien nicht der Hauptgrund gewesen, "damit mussten die anderen auch leben". In seinen Augen konnte er durch den für ihn neuen Druck und Stress seine technischen Fähigkeiten nicht abrufen: "Da bin ich wieder in alte Muster verfallen." Dass es nicht von heute auf morgen gelingt, diese abzustellen, ist Vetter bewusst. "Schnell bekommen wir das nicht raus, das ist tief verwurzelt."

Die EM ist abgehakt, deren Stellenwert sei im Olympiajahr ohnehin nicht so hoch. Vielmehr fokussiert sich Vetter nun voll auf die Spiele am Zuckerhut. "Wir müssen jetzt eine Technik finden, wie ich mit dem Stress in der Quali umgehen kann." Seine Ziele formuliert er klar: "Die Qualifikation bei Olympia überstehen und ins Finale einziehen." Alles andere, zum Beispiel das Träumen von einer Medaille, sei unrealistisch.

Am Mittwoch 17. August gilt es dann für Vetter in der Speerwurf-Qualifikation, das Finale findet am 20. August statt.

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