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04. Juni 2014

Onkel Andi redet Klartext

Der Kabarettist Andreas Rebers im Freiburger Vorderhaus.

  1. Rebers Foto: Guldener

Über der Bühne des ausverkauften Freiburger Vorderhauses hängt ein Gobelin mit brünstigem Hirsch und vielen Fransen – ein schlichtes Abwatschprogramm von Heimattümelei und Stammtischsprüchen ist Andreas Rebers vierzehntes Soloprogramm aber trotzdem nicht geworden. Dazu ist der vielfach ausgezeichnete Kabarettist zu hinterlistig und radikal, vor allem aber zu experimentierfreudig: Er liebt es, sein Publikum an der Nase zu packen und auf einem schmalen Grat zwischen Fettnäpfchen und Provokationen entlang zu jagen. Eine ordentliche Portion Bösartigkeit samt Tabubruch ist immer mit dabei und so lautet der Titel dieses prallen Abends auch ganz ironisch "Rebers muss man mögen".

Als Muntermacher gibt’s erst mal einen schlesischen Volkstanz auf dem Akkordeon, von da geht’s über den Fußball nach Katar, zu Erdogan, zur Ukraine und zur Bundeswehr ("Wir sind im Krieg – bei Heckler & Koch knallen schon die Korken"). Und weil wir das offenbar alles ganz locker wegtolerieren, braucht es solche wie Onkel Andi, die Klartext reden. Dabei ist Rebers Bühnenfigur ein ziemlicher Kotzbrocken: Als Sprössling einer Ponybraterei von Kindheit an gemobbt, zusätzlich von Heimatfilmen mit Peter Alexander traumatisiert, trieb ihn der Hass erst in den Schuldienst und dann auf die Kabarettbühne. Da steht er nun und wettert gegen feminisierte Heulsusenpädagogik ("Gewalt ist eine ganz normale Sprache mit körperbetonter Grammatik"), gegen Alleinerziehende, Grüne, Vegetarier und all die verwöhnten, jugendlichen Packratten, denen er in der Bahn mit Lust die Kopfhörerkabel durchknipst. Deftig!

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Wobei die Raffinesse in den haarfeinen Rissen und Brüchen liegt: Wenn er dazwischen am E-Piano sein melancholisches Frühlings-Pollenflug-Heuschnupfenlied gibt oder den Fluss in sein Bett zurücksingt, wenn er scharfsinnig seziert und aufklärt – dann mag man diesen janusköpfigen Rebers schon fast wieder leiden. Warum er sich so leidenschaftlich an den Weltreligionen und ihren Vertretern abarbeitet, ist zwar nicht ganz einsichtig, führt aber zu wunderbar bizarren Auswüchsen: Reverend Rebers hat nämlich selbst die Glaubensgemeinschaft "Schlesische Bitocken" gegründet, und die fragt nur, was Menschen verbindet, nicht was sie trennt. Und so gibt es zwischen satirischen Predigten und Radiobeiträgen auch böse Lieder über Zölibat-Phänomene, Hausmeister oder Hightechjunkies. Ein wüster Wust, gallig herausgerotzt, messerscharf gefeilt und virtuos in Szene gesetzt, in Spannung gehalten von groben Albernheiten und plötzlichen Kehrtwenden. Und damit ein Abgesang gegen Dogmatiker und Extremisten jeder Art. Am Ende ist klar: Das Publikum mag diesen Rebers.

Autor: Marion Klötzer