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14. August 2014

Tote am laufenden Band

Eine Kunstinstallation erinnert an im Ersten Weltkrieg gefallene Oppenauer.

  1. Tim Otto Roth, Miriam Seidler, Willi Keller und Bernhard Münchbach vor der Installation Foto: robert ullmann

OPPENAU. Es wirkt irritierend: Über eine LED-Informationstafel am Bahnsteig Oppenau laufen Fahrgast-Informationen: aktuelle Uhrzeit, Ankunft und Abfahrt des nächsten Zuges. Schräg dahinter, über einer Tür im Bahnhofsgebäude, läuft ein weiteres LED-Band, mit Namen: Rudolf Ziegler, Karl Albert Fleig, Josef Spinner, Anton Schimpf… Insgesamt 190 Namen. Dann beginnt der Durchlauf von Neuem. Zuerst Kreuze, denn es handelt sich um die Namen von Toten: Rudolf Ziegler, Karl Albert Fleig… Es sind Namen jener Oppenauer, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind.

Der Konzept- und Lichtkünstler Tim Otto Roth, gebürtiger Oppenauer, hat das Band über dem Eingang zu seinem Atelier im Bahnhofsgebäude installiert. Roth ist weltweit bekannt, er arbeitet normalerweise in Metropolen wie New York, London, Köln, München. "Hätte mir jemand gesagt: ’Tim, du machst in Oppenau ein Kriegerdenkmal’. Ich hätte ihn für verrückt erklärt", sagt Roth zu Beginn eines höchst Gedenkabends am Dienstag. Das Städtchen Stadt Oppenau, 4700 Einwohner, hat jüngst das Kriegerdenkmal mit den Namen der Toten von 1914 bis 1918 eingelagert, weil am Standort elf Parkplätze angelegt wurden. Es gebe somit keinen Ort, am 100. Jahrestags des Kriegsausbruchs des Ereignisses und der Toten zu gedenken. Das sei "geschichtliche Gedächtnisstörung", so Roth, der den Vorgang zum Anlass nahm, mit "Memento 190" die Lücke zu füllen.

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Die Namen werden über das LED-Band laufen, bis das Denkmal wieder steht. Im Atelier ergänzt eine Mini-Ausstellung mit biographischen Daten, Fotos und Zeitdokumenten das Erinnern an die Gefallenen. Sie lässt die Atmosphäre jener Zeit auferstehen. Nation, Ehre, Soldatenglorie – diese Begriffe werden greifbar, ob ausgesprochen oder nicht.

Umrahmt wurde der Abend durch eine über die Gleisanlage schallende Trompete. Bernhard Münchbach vermischte militärische Signale mit "Lili Marleen". Nach diesem elegischen Moment dann der Schock: Willi Keller las Kriegslyrik prominenter Dichter aus dem Ersten Kriegsjahr. Etwa Richard Dehmel, dessen "Verklärte Nacht" von Arnold Schönberg vertont wurde. Dehmel reimt "Heilige Not" auf "Göttlicher Tod" und weiter: "Volk, tritt ein für deine Ehre / Mensch, dein Glück heißt Opfertod." Gerhard Hauptmann, Verfasser der "Weber" und Literatur-Nobelpreisträger, schlägt in dieselbe Kerbe: Man kämpft einen Heiligen Krieg, muss "das Gras mähen, das vom Blute träuft", und der Opfertod ist Lohn und Erlösung zugleich. Erschütternddabei ist, dass rund drei Millionen solcher Gedichte im ersten Kriegsjahr entstanden, was belegt, wie betrunken die Deutschen – und vermutlich auch andere Nationen – von Begriffen wie "Für Vaterland und Ehre" oder "Heldentod für Gott und Kaiser" waren. Erschütternd ist auch, so klang es durch, dass so viele kluge, künstlerisch höchst begabte Menschen diesen Sumpf aus nationalem Pathos und quasireligiöser Mord- und Opfer-Verherrlichung reproduzierten – wie infiziert.

Die von Roth, der Literaturwissenschaftlerin Miriam Seidler – sie stellte die Texte zusammen, und dem Rezitator Willi Keller – eindringlich und zurückhaltend zugleich – inszenierte Gedenkfeier setzte eine Landmarke, weil sie jenseits des Mahnens vom Pult aus steht.

Weitere Informationen unter http://www.memento190.de

Autor: Robert Ullmann