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03. April 2010 00:04 Uhr
Gefährliches Naturschauspiel
Aktiver Vulkan beschert Island Touristenattraktion
Mit "heißen Reisen zum aktiven Vulkan" lockt die isländische Fluggesellschaft Icelandair Abenteuertouristen auf die nordatlantische Insel. Einheimische befürchten, dass bald der nächste Vulkan ausbricht
REYKJAVIK. Dort stehen Fremdenführer bereit, um die Neugierigen zu Fuß, im Schneescooter oder im Hubschrauber zu den Lavaströmen zu geleiten, die seit einer Woche vom Bergpass Fimmvörduhals ins Tal wälzen. Tausende trotzen dem eisigen Wetter und den Warnungen vor giftigen Dämpfen und bestaunen das Naturschauspiel, das den Abendhimmel rot färbt und die Lava sechs Kilometer hoch gen Himmel schleudert.
Der zwischen den Gletschern Eyjafjalla und Myrdal ausgebrochene Vulkan hat der von der Finanzkrise gebeutelten Inselrepublik eine neue Attraktion beschert, und die findigen Isländer zögern nicht, sie auszunützen. "Das ist die kleinste, aber auch die coolste Eruption, die ich je erlebt habe", strahlt Benedikt Bragason, dessen Reisebüro dreimal täglich Gruppen von 20 bis 40 Touristen auf Motorschlitten zum Krater bringt. Eine Stunde hin, eine zurück, und eine Stunde Schauen: macht 345 Euro pro Person. Noch besser Betuchte haben Plätze in Kleinflugzeugen und Hubschraubern gebucht, die ihnen den Blick von oben in den Krater ermöglichen. Die anderen müssen zu Fuß 30 Kilometer vom letzten Parkplatz bis zur Sperrzone wandern. Das ist angesichts eines Höhenunterschieds von 1100 Metern eine Strapaze von fünf bis sechs Stunden pro Weg, "doch das ist es wert", wie dick vermummte Begeisterte versichern.Werbung
Viele kommen allerdings völlig unvorbereitet. Am Berg hat es 20 Grad minus und es stürmt. Die Rettungsmannschaften mussten bereits Touristen in Jeans und Lederjacke ausfliegen, die unterkühlt und mit Erfrierungen Erste Hilfe benötigten. Die lokale Polizei sperrte zeitweilig den Zugang zur Gletscherszene wegen des schlechten Wetters und warnte die Besucher vor den giftigen Dämpfen und den großen Mengen Asche.
Der Vulkan speit pro Sekunde 20 bis 30 Kubikmeter Lava aus, die in verschiedenen Kanälen mit sechs Stundenkilometer Geschwindigkeit aufs Tal zuströmt. Der Fluss bei Hraugil, der sonst mit eiskaltem Schmelzwasser des Gletschers gefüllt ist, ist durch die Lava auf 29 Grad erwärmt und wirkt wie eine Thermalquelle. Ein Bad ist dennoch nicht zu empfehlen: "Da ist so viel Asche drin, dass der Badende schwarzer raus käme als er reinging", warnt Islandsbloggen. Ein 200 Meter hoher Lavafall ist höher als Islands höchste Wasserfälle. Zahlreiche Webcams übertragen das Spektakel live ins Internet. Und Meisterköche des Reykjaviker Hotels Holt servieren mittlerweile ein Gourmet-Gericht auf der glühend heißen Lava. Per Hubschrauber aus der Hauptstadt eingeflogene Gäste zahlten für das Menü unter anderem mit Hummersuppe und Seeteufel 350 Euro, zu Fuß zum Vulkan-Rand gekraxelte Wanderer deutlich weniger.
Wer die Eruption noch erleben möchte, muss sich sputen. Der Vulkanologe Haraldur Sigurdsson hat einen leichten Rückgang der Aktivität gemessen und nimmt an, dass der Höhepunkt für diesmal überschritten ist.
Auf Island fürchtet man allerdings, dass der Ausbruch am Eyjafjallajökull nur das Vorgeplänkel einer weit größeren Eruption ist, die den nahegelegenen Vulkan Katla treffen wird. Dieser ist seit dem ersten überlieferten Ausbruch im Jahr 930 durchschnittlich alle 40 bis 80 Jahre ausgebrochen, zuletzt war er 1918 aktiv. Der Katla ist von einem dicken Gletscher bedeckt, und wenn die enormen Eismengen schmelzen, stürzt das Wasser in einem "Jökulhlaup" (Gletscherlauf) mit gigantischer Kraft Richtung Meer.
Das Dorf Vik ist dann in Gefahr, zerstört zu werden. Aufzeichnungen aus dem Jahr 1721 berichten von einer Tsunami-gleichen Welle, die sich auf die Westmännerinseln zuwälzte, dort von den Felswänden zurückgeschlagen wurde und dabei Landstriche in Südisland überflutete. Dann wären die Naturkräfte kein touristisches Schauspiel mehr, sondern eine Katastrophe.
Autor: Hannes Gamillscheg


