Atlantikwall

Dänen reißen Hitlers Bunker an der Küste ab

Hannes Gamillscheg

Von Hannes Gamillscheg

Do, 01. August 2013 um 00:00 Uhr

Panorama

An der Westküste im dänischen Jütland hat man mitten in der Hauptsaison mit dem Abriss von 120 Betonbunkern begonnen. Die Bunker verwittern seit 70 Jahren an der Wasserkante.

Es sind hässliche Reminiszenzen an Adolf Hitlers größenwahnsinniges "Atlantikwall"-Projekt. Mit den zwischen 1942 und 44 errichteten Bunkern wollte Hitler sein "Tausendjähriges Reich" vom Nordkap bis Südfrankreich gegen eine Invasion aus dem Westen schützen. Die Betonbunker überdauerten ihn und sein Reich: Sie nach dem Krieg zu sprengen, wäre zu riskant und aufwendig gewesen. Außerdem gab es wichtigere Aufgaben in den vom Nazi-terror befreiten Ländern.

Doch nun hat der Zahn der Zeit so stark an den Betonungetümen genagt, dass diese zur Gefährdung von Fischern und Badegästen werden. Die Dünen wandern, das Meer verschiebt seine Küstenlinie, und die einst am Strand gebauten Gebäude wurden vielfach von Wasser um- und überspült. Die Wellen brechen den Beton nieder und legen das Armierungseisen bloß, das spitz und rostig aus den Wänden ragt und ahnungslose Schwimmer aufspießen kann.

So begann anfangs dieser Woche die große Abbauaktion, die bis Ende des Jahres ein Fünftel der rund 600 Bunker verschwinden lassen soll. Mit Grabmaschinen und riesigen Bohrern wird der Beton aufgebrochen und entfernt, und wo das nicht reicht, kommt Sprengstoff zum Einsatz.

Viele Schaulustige verfolgten, wie bei Harboøre die ersten Festungsanlagen dem Erdboden gleichgemacht wurden. Von Blåvand im Süden bis zum nördlichen Vigsø erstrecken sich die Demolierungsobkjekte, die meisten von ihnen auf einer 50 Kilometer langen Küstenstrecke von Vedersø Klit bis Thyborøn. In mehrsprachigen Broschüren machen die betroffenen Kommunen ihre Feriengäste auf Sinn und Ablauf der Arbeiten aufmerksam. Iver Einvoldsen, Bürgermeister von Ringkøbing, ist zufrieden: "Die Bunker haben unsere Strände ja nicht gerade verschönert."

Doch nicht alle teilen seine Freude. "Das hier ist Teil unserer Geschichte. Man entfernt etwas, das für die Nachwelt große Bedeutung haben kann", meint die Landschaftsarchitektin Louise Kjær. Die Bunker machten die Natur "kantiger", und dies sei angebracht in einer Zeit, in der nicht mehr viel an die Kriegsgräuel erinnere. Kim Clausen, der Direktor des Lokalmuseums, spricht von "negativem Kulturerbe", einem Teil der Besatzungsgeschichte, "auf die man nicht stolz ist."

Denn der Altantikwall war zwar Hitlers Hirngespinst, gebaut wurde der dänische Abschnitt aber von Geschäftemachern aus dem eigenen Land, die damit viel Geld verdienten. "Die alten Bunker sind Zeugen eines dunklen Kapitels in Dänemarks Geschichte, das wir nicht vergessen dürfen", sagte Umweltministerin Pia Ohlsen Dyhr, als sie dem Beginn des Abrisses beiwohnte. "Aber wir müssen einsehen, dass manche Bunker ein Risiko für Touristen und Badegäste sind. Jetzt entfernen wir die gefährlichsten davon zur Freude aller, die unsere schmucke Natur an der Westküste genießen." Dafür schießt der Staat rund 1,5 Millionen Euro bei, die Kommunen beteiligen sich mit einem Kostenbeitrag von 20 000 Kronen (2670 Euro) pro zerstörtem Bunker.

Die fast 500 Betonkästen, die keine akute Gefahr bedeuten, bleiben vorerst stehen, was für das Gedenken an die Kriegsjahre ausreichen sollte. Die Baumaterialien sollen im dänischen Straßenbau Wiederverwertung finden, sodass Beton und Eisen mit 70 Jahren Verspätung doch noch einem sinnvollen Zweck zugeführt werden.