Die Menschheit braucht 1,6 Erden

dpa

Von dpa

Sa, 03. Dezember 2016

Panorama

Die UN-Artenschutzkonferenz schlägt Alarm: Klimawandel, Pestizide und Gentechnik lassen die Tier- und Pflanzenbestände schrumpfen.

CANCÚN (dpa). Der Artenschwund weltweit ist dramatisch – und oft vom Menschen verursacht. Der UN-Artenschutzgipfel sucht Rezepte für eine Trendwende. Umweltschützer fordern weniger Pestizide und Gentechnik.

Eine Biene wirkt Wunder. Aber ohne die Blütenbestäuber kann die ganze Nahrungskette der Menschen aus den Fugen geraten. 75 Prozent der Nahrungspflanzen und 90 Prozent der wildwachsenden Blütenpflanzen werden nach Auskunft des Weltrats für Biodiversität von Tieren bestäubt. In einigen Regionen seien jedoch mehr als 40 Prozent der Bienen- oder Schmetterlingsarten gefährdet. "Bestäubung ist unverzichtbar für das Funktionieren von Ökosystemen und zur Produktion von Lebensmitteln in allen Erdteilen", sagt Günter Mitlacher von der Umweltstiftung WWF. Doch die Bienenzahl verringere sich vielerorts dramatisch, gerade durch den Pestizideinsatz. Daher will Mitlacher beim UN-Artenschutzgipfel im mexikanischen Cancún unter anderem für einen globalen Bienen-Schutzplan kämpfen. Dort geht es aber auch noch um viel mehr.

Warum sind so viele Arten in Gefahr?
Der Klimawandel, Umweltzerstörungen, auch die industrielle Fischerei und Landwirtschaft bringen viele Veränderungen mit sich. Auf den riesigen Sojaplantagen zum Beispiel in Brasilien ist praktisch kein Vogel zu hören, die Böden werden durch den intensiven Einsatz von Pestiziden und Wachstumsbeschleunigern zerstört. Umstritten ist auch der Einsatz von Gen-Saatgut.

Wie ernst ist die Lage?
Laut aktuellem Living Planet Report sind in den vergangenen 40 Jahren allein die Bestände der Wirbeltiere um 60 Prozent geschrumpft. Die Menschheit verbraucht demnach pro Jahr nicht die Ressourcen einer Erde, sondern rechnerisch von 1,6 Erden. "Aktuelle Daten zeigen, dass allein in 30 europäischen Ländern schon über 1060 Pflanzen lokal ausgestorben sind", sagt Marten Winter vom Deutschen Zentrum für Biodiversitätsforschung.

Worum geht es bei der
UN-Artenschutzkonferenz?

Sie findet alle zwei Jahre statt. Grundlage ist die 1992 in Rio de Janeiro beschlossenen Artenschutzkonvention. Mit Bezug darauf haben die UN-Mitgliedsstaaten 2010 in Aichi (Japan) weitreichende Ziele bis zum Jahr 2020 aufgestellt. Unter anderem einigten sich die Mitgliedsstaaten auf den Schutz von 17 Prozent der Land- und zehn Prozent der Meeresflächen, um den Verlust der Artenvielfalt zu stoppen. Daran soll weitergearbeitet werden.

Was wurde bisher erreicht?
Vor zwei Jahren beschlossen die EU-Mitglieder und andere Staaten eine Verdopplung der Finanzierung für den Arten- und Umweltschutz in Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Mittel von nunmehr acht Milliarden Euro sollen bis 2020 auf mindestens demselben Niveau gehalten werden. Fortschritte gab es zudem bereits beim Meeresschutz – die EU zum Beispiel versucht über ihre Fangquoten bestimmte Fischarten zu schützen. Die Teilnehmer einigten sich, über 150 "ökologisch oder biologisch bedeutsame Meeresgebiete" weltweit anzuerkennen.

Wie ist der Ablauf des
13. UN-Artenschutzgipfels?

Von Freitag bis Samstag treffen sich die Umweltminister der rund 200 Mitgliedsstaaten und beraten, wie sie die biologische Vielfalt in Fort- und Landwirtschaft, Fischerei und im Tourismus erhalten können. Eine "Cancún-Erklärung" soll den Artenschutz im Regierungshandeln stärker verankern. Am Sonntag beginnt die Konferenz, die am 17. Dezember endet.