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17. April 2010

Im Namen der Dose

Unter Napoleon erfunden, von Andy Warhol zum Kunstobjekt erhoben: Die Konservendose wird 200 Jahre alt.

  1. Foto: Wolfgang Grabherr

  2. Foto: RTimages - Fotolia

  3. Foto: Birgit Reitz-Hofmann - Fotolia

  4. Edle Büchse: Warhols Suppendose von 1962 Foto: afp/fotolia/grabherr

Der Krieg ist der Vater nicht aller Dinge, aber doch ganz bestimmt der Konservendose. Jahrhundertelang stieß der Eroberungsdrang der Generäle und Seefahrer an die engen Grenzen des Proviantnachschubs. Hunger im Felde, Skorbut auf hoher See untergruben die Gesundheit und Kampfmoral von Soldaten und Matrosen; der Tross mit lebendem Schlachtvieh und Marketendern war lästig und leicht verwundbar, Requisitionen schufen nur böses Blut.

Napoleon packte das Problem mit der ihm eigenen Tatkraft an. Nach der Belagerung von Toulon 1793 setzte er ein Preisgeld von 12 000 Goldfranken für die Erfindung haltbarer, leicht transportierbarer Lebensmittel aus. 17 Jahre später, nach erfolgreichen Versuchen an Marinesoldaten und einem positiven Gutachten der "Gesellschaft zur Ermunterung der Künste", konnte sich François Nicolas Appert die Belohnung und den Ehrentitel "Wohltäter der Menschheit" abholen: Der Zuckerbäcker hatte "die Kunst, alle animalischen und vegetabilischen Substanzen in voller Frische, Schmackhaftigkeit und eigenthümlicher Würze mehrere Jahre zu erhalten" – so der deutsche Titel seines Konservenkochbuchs – erfunden. Nur einen Haken hatte das "Appertisieren" noch: Appert füllte seine abgekochten Lebensmittel in Champagnerflaschen und riskierte damit Bruchschäden.

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Hilfe kam ausgerechnet vom Erzfeind: Am 25. April 1810 meldete der englische Kaufmann Peter Durand ein Patent für Metallkonservendosen an. Als 1851 bei der Weltausstellung in London eine 38 Jahre alte Ur-Dose geöffnet und auch von Zivilisten für genießbar befunden wurde, stand ihrem Siegeszug nichts mehr im Wege. Schon um 1900 produzierten allein die USA jährlich 720 Millionen Konservendosen.

Mit Hammer und Meißel

den Deckel öffnen

Natürlich wurde auch vor Napoleon schon fleißig gepökelt, geräuchert und gedörrt, Fleisch in Salz, Alkohol, Öl oder Essig eingelegt und in Amphoren, Flaschen oder Pappbehältern transportiert. "Apperts Methode" zeichnete sich vor älteren Konservierungstechniken dadurch aus, dass sie Fäulnis und Verderb ein Ende setzte. Zum ersten Mal schmeckte konserviertes Fleisch, Gemüse und Obst mehr nach seiner "eigentümlichen Würze" als nach Salzlake, Essig oder Würmern. "Welch ein Vorteil, dem durch schwere Märsche erschöpften Soldaten ein gesundes Stück Fleisch, eine erquickende Kraftbrühe reichen zu können", jubelte die Gazette de Santé 1810.

Nicht einmal der Almanac des Gourmands fand ein Haar in Apperts Konservensuppe: "Indem sie uns den Mai in den Februar befördert, bewirkt die bewundernswerte Entdeckung des Herrn Appert die sanfteste Revolution in unseren Gaumen. Die Erbsen dieses fähigen Künstlers, die grünen Bohnen dieses Gourmand-Chemikers, die Kirschen, Johannisbeeren und Aprikosen sind in diesem Winter noch saftiger und köstlicher als in der vergangenen Saison." In den Pioniertagen der Dose galt ein Konserven-Diner als geradezu altrömisch dekadente Delikatesse.

Ohne Konservendose, sagte George Orwell einmal, hätte es keinen Ersten Weltkrieg gegeben. Ihre erste militärische Bewährungsprobe verlief allerdings unbefriedigend. Napoleons Rußlandfeldzug scheiterte 1812 letztlich an einem Problem, das weder die "Appertsche Zange" noch der geschäftstüchtige Durand lösen konnten: Wie öffnet man eine monströse, mit Blei verlötete Dose ohne schweres Gerät? Napoleons Froschfresser, höhnten ihre russischen und preußischen Feinde, hätten ihre Bajonette vor Moskau mehr zum Herumstochern in ihren Blechbüchsen als im Nahkampf eingesetzt.

Tatsächlich ließen sich die ersten Konservendosen nur im Nahkampf, mit Bajonetten, Blechscheren, Sägen oder gar dem Beil öffnen. Die Kalbfleischbüchsen des britischen Polarforschers William Parry trugen die Aufschrift: "Mit Hammer und Meißel rund um den Deckel öffnen." Womöglich sind durch scharfzackige Dosendeckel mehr Soldaten, Forschungsreisende und Hausfrauen verblutet als durch alle Feldzüge Napoleons.

Rohe Gewalt war, zumindest in wärmeren Breiten und Friedenszeiten, verpönt: Die Dosen aus kostbarem Zinn und Blei waren zum Recyceln gedacht. Zum Auflöten wurde gelegentlich ein Bügeleisen empfohlen. Aber welcher Soldat hatte schon im Schützengraben ein Bügeleisen zur Hand? Erst 1858 erfanden – fast zeitgleich – die Amerikaner Robert Yeates und Ezra J. Warner den Dosenöffner. Der Wohltäter der Menschheit, anfangs ein gefährliches, säbelartiges Monstrum ("Ein Ausrutscher könnte gefährliche Folgen haben", warnte ein Gutachten), wurde durch Dorn und Schneidrädchen immer weiter verbessert, bis er kurz vor dem Zweiten Weltkrieg im "P-38-Opener" der amerikanischen GIs (und später im fast baugleichen "Wanderfreund" der Pfadfinder) endlich seine heute noch gültige Gestalt fand.

Bis in unsere Tage ist der Dosenöffner eine Herausforderung mehr für Mechaniker, Techniker und soldatische Kraftkerle als für Designer oder gar zarte Frauenhände geblieben. Innovationen wie Reißlaschen, Druck- und Schraubverschlüsse oder auch die sich selbst erhitzende Dose haben der Konservenbüchse viel von ihrem Schrecken genommen. Ihre Öffnung muss heute in der Regel nicht mehr mit Blut, Schweiß und häuslichem Streit bezahlt werden. Aber noch immer wird die Bedeutung eines funktionierenden Dosenöffners unterschätzt. In Katzen- und Hunderomanen nennen die Tiere ihre Besitzer nicht umsonst gern "Dosenöffner": Zum Menschsein gehört offenbar die Fähigkeit, eine Dose unfallfrei öffnen zu können. Der elektrische Dosenöffner hat sich nicht recht durchsetzen können: Nudel- und Kaffeeautomaten machen als Statussymbole in der Designerküche mehr her. Überhaupt steht der Dosenfreund in keinem guten Ruf. Konservenkost gilt als Massenware für Fastfood-Esser, billig, minderwertig und ungesund. Vielleicht versteckt sich der Dosenöffner aus Scham so oft in den unergründlichen Tiefen der Besteckschubladen.

Im Namen der Dose sind viele den Heldentod gestorben. John Franklin, ein anderer britischer Polarforscher, und seine 129-köpfige Expedition starben 1845 an Bleivergiftung. Die Gefahr des "Botulismus" ist heute weitgehend gebannt: Jedes Kind weiß, dass man aufgeblähte Dosen besser nicht öffnen oder gar auslöffeln sollte. Es sei denn, es wäre Sörströmming, ein bestialisch stinkender Gammelhering, der Dosen aufquellen oder gar explodieren läßt, in Schweden aber als Nationalspezialität gilt. Es soll ja auch Millionäre geben, die sich von Dosenfutter ernähren oder Paris Hiltons Dosenprosecco trinken.

Über den Geschmack aus der Dose lässt sich streiten, über ihre Bedeutung für den Prozess der Zivilisation nicht. Ohne Konservendosen wären die Pole vielleicht nie entdeckt worden. Winnetou und Old Shatterhand konnten in den Spuren weggeworfener Büchsen wie in einem offenen Buch lesen. Ohne Fleischkonserven wäre Chicago keine Metropole geworden, ohne Milchpulverdosen gäbe es noch mehr Hunger in der Welt, ohne Chappi und Whiskas weniger Glück in Hunde- und Katzenkreisen. Und ohne die Dosenravioli, die Maggi 1958 auf den Markt warf und noch heute vierzig Millionen Mal im Jahr verkauft, wäre die Frauenbewegung wohl nie aus der Küche herausgekommen.

Schon 1894 verwahrte sich das "Appetitlexikon" energisch gegen das alte Vorurteil, eine gute Hausfrau müsse immer nur fleißig Möhren schaben und Pfirsiche schälen: "Die berühmte deutsche Hausfrau verplempert viel zu viel Zeit in der Küche, und bevor sie diese ‚Tugend‘ nicht ablegt, wird sie nicht zur ebenbürtigen Gefährtin des Mannes werden". Sträube sie sich weiter gegen Konserven, gebe es auf ihre Forderungen nur noch die eine Antwort: "Tu l’a voulu, George Dandin! Du hast es nicht besser gewollt."

Aber wie schon Staatsleben und Kriegskunst, werde die Konservendose "auch das häusliche Leben des Volkes allmählich freier, würdiger, genussreicher gestalten, und die Nachwelt wird daher das 19. Jahrhundert weder das eiserne noch das papierene, sondern das ‚Jahrhundert der Konserven‘ nennen."

Francis Labbé, Chef des Dosenkonzerns Impress, hat gerade 2010 zum "Jahr der Konservendose" erklärt, aber ihre Blütezeit fällt doch eher ins 20. Jahrhundert. Auch in Deutschland löste nach 1945 das Corned Beef der GIs und Carepakete hausgemachte Konservierungstechniken wie das Einwecken ab. An keinem gut gedeckten Wirtschaftswundertisch durfte Konservengemüse fehlen; exotische Früchte aus der Dose krönten den Toast Hawaii und die Käsehäppchen. Der Slogan "Konserven nehmen" sprach alle an, die noch keine Kühlschränke und Tiefkühlkost hatten, wohl aber Hunger, einen durch Krieg und Vertreibung sensibilisierten Hamsterinstinkt und den entschiedenen Willen, sich endlich wieder was zu gönnen.

Dosennahrung war Götterspeise aus Amerika, fast so süß wie Zigaretten und Kaugummi, und überdies so etwas wie die konzentrierte Essenz des Kapitalismus. Andy Warhols Suppendosen wurden ja nicht aus ästhetischen oder kulinarischen Gründen zu Ikonen der Konsum- und Popkultur. Seriell produziert und blickdicht verschlossen, neutral im Geschmack, robust und kompakt in der Form, ist die Dose so etwas wie die Ware schlechthin: Die Verpackung ist der Inhalt, das Etikett die Botschaft.

Zum Mythos der Dose gehört untrennbar aber auch die Enttäuschung des Konsumenten. Konserven sind gefangene Natur, sterilisiertes organisches Leben, mit chemischen Zusätzen veredelt und unbegrenzt haltbar gemacht, und das sieht, riecht und schmeckt man auch. Das prächtige Suppenhuhn auf dem Etikett zerfällt auf dem Teller in glibberige Bröckchen und eine undefinierbare Soße, die saftige, tropisch leuchtende Ananas schmeckt, in genussfertige Scheiben zerlegt, mehr nach Konservierungsstoffen als nach Südsee.

Der gesundheits- und umweltbewußte Gourmet wendet sich mit Grausen und kauft lieber verschrumpelte Äpfel auf dem Bauernmarkt. Impress-Chef Labbé rühmt die Dose wegen ihrer "fantastischen Sicherheit" und "einzigartigen ökologischen Merkmale" als "größte Verpackungsinnovation" aller Zeiten. Aber 222 Milliarden Getränkedosen pro Jahr müssen auch erst mal entsorgt werden.

Konservieren heißt: Reife- und Verfallsprozesse anhalten, die Zeit bis zum Verfallsdatum still stellen. Zurückdrehen lässt sie sich nicht. Die Dose ist eine Zeitmaschine von gestern. Heute werden Lebensmittel pasteurisiert und ultrahocherhitzt, schockgefroren und vakuumverpackt, bestrahlt und in der Mikrowelle wieder aufgetaut; innovative Verpackungskünstler verkaufen sogar Berliner Luft in Dosen. Die Sehnsucht nach frischer, ökologisch unbedenklicher Nahrung hat dem Image der Dose empfindliche Dellen versetzt.

1985 lancierte das "Informationszentrum Weißblech" darum seine legendäre Werbekampagne "Ich war eine Dose", in der sich lustige Blechspielwaren, Clowns und Autos stolz zu ihrer dunklen Vergangenheit bekannten.

Als die Satirezeitschrift Titanic einen "jesusmäßigen umweltfreundlichen" Gekreuzigten mit dem blasphemischen Slogan versah, gab es einen kleinen Skandal. Die Dosenlobby erfand den Slogan "Voll gut. Leer gut", und dabei ist es im Grunde geblieben. Nach zweihundert Jahren erscheint uns Apperts und Durands voll gut gemeintes Geschenk an die Menschheit nur noch als eine übel zerbeulte und von den meisten Heilsversprechen entleerte Pandorabüchse.

Autor: Martin Halter