Perfekt gestylt und sehr viel Seele

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Di, 13. Februar 2018

Klassik

Isabelle Faust mit Bachs Violinsonaten auf CD, Mark Padmore singt Schuberts "Winterreise" – an den Tasten: Kristian Bezuidenhout.

Melodie, Kontrapunkt und Harmonie. Der Triosatz, die Dreistimmigkeit, avancierte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Kammermusik-Ideal. Barockgroßmeister Johann Sebastian Bach füllte den gegebenen Rahmen mit Inhalt: unvergleichlich und mustergültig. Das Ergebnis kann man bei dieser CD-Neueinspielung der sechs Bach’schen Sonaten für Violine und obligates Cembalo bewundern.

Geigerin Isabelle Faust und Cembalist Kristian Bezuidenhout, Letzterer seit 2017 einer der beiden künstlerischen Leiter des Freiburger Barockorchesters, präsentieren diese Werke mit nie erlahmender Lust am Spiel. Und natürlich historisch informiert, klanglich bis in die kleinste Verzierungsnuance perfekt gestylt. Der Geigenton: klar, profiliert, vibratoarm und dabei doch nie blutleer.

Die Tempi gerade der hurtigen Sätze aber sind nicht selten grenzwertig. Da kann – Finale der h-Moll-Sonate, Allegro des A-Dur-Exempels – eine solche Etappe auch mal zur sportiven Angelegenheit werden. Man erinnere sich: Zumindest im 17. Jahrhundert gab es zwischen den Vorgaben Allegro und Presto noch keinen signifikanten Unterschied. Erst im 18. Jahrhundert, dem Bachs Sonaten entstammen, wurde aus dem Presto die schnelle Gangart; Allegro – das meint ein bewegtes, nicht überhastetes Tempo.

Faust und Bezuidenhout geben tüchtig Gas – sie können es sich (technisch) leisten. Der Hörer genießt staunend. Aber fragt sich bisweilen auch, ob man das zur Bach-Zeit (oder vielleicht gar im Bach’schen Hause) jemals so vorgetragen hat. Merke: Virtuosität ist mithin nicht nur im 19. Jahrhundert zu verorten. Auch als packendes Dokument der Spiellust kann das solistische Cembalo-Allegro im Zentrum der G-Dur-Sonate gelten.

Der silbrige Klang des Cembalos und der leuchtende, präsente, kaum je dominante Geigenklang ergänzen sich bestens. Die langsamen Sätze werden zu Paradebeispielen eines ausdrucksvollen Musizierens. Da konkretisiert sich, was der Begriff Klangrede besagt. Berührend, wie beim einleitenden Largo der c-Moll-Sonate im Violinpart der Gestus der Arie "Erbarme dich, mein Gott" aus der Matthäus-Passion zutage tritt. Artikulation und Phrasierung: lebendig, organisch, atmend. Die Interpreten führen grandios vor, wie man diese Sonaten heute spielt (oder spielen kann).

Auch bei der Neuproduktion von Franz Schuberts Liederzyklus "Winterreise" ist Bezuidenhout der kluge Mann an den Tasten – diesmal an einem Graf-Fortepiano. Bei einer Deutung der "Winterreise", die man eigentlich vom Ende her erzählen müsste. Man vernimmt den finalen "Leiermann" so, wie ihn der einstige Freiburger Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht treffend beschrieben hat: als "die artifizielle Negation des Schubert-Liedes", als "die gestaltete Kunstlosigkeit", ja als "Anti-Lied". Auf eben selbiges Ende hin ist der Winter-Wanderer unterwegs.

Romantik: Bei dieser Interpretation speist sie sich aus Dramatik und Traum. Die Tempi auch hier eher zugespitzt – Beispiel: "Rückblick", wo die Vortragsanweisung "Nicht zu geschwind" lautet. Man spürt: Die Wanderung ist weder ein Spaziergang noch ein Ausflug. Vorgeführt wird ein Mensch, der auf seine nackte Existenz zurückgeworfen ist. Dramatik: in den "heißen Tränen", auch in "Frühlingstraum" oder, äußerst potenziert, bei "Der stürmische Morgen". Das Träumerische wird akzentuiert – etwa bereits bei der Dur-Insel im ersten Lied. Das "Wirtshaus" gegen Schluss: völlig entrückt. Der letzte Schritt zum "Leiermann" ist da beinah zwangsläufig.

Historisch kundige Aufführungspraxis auch beim Wiener Romantiker. Die Akteure widmen sich dem späten Schubert mit hörbarer Liebe (selbst zum Detail) und Sorgfalt. Die Sprache der Wilhelm-Müller-Texte fließt in die Deutung ein. Der "Lindenbaum" kündet von der Nähe zu Volkslied und -ton. Bezuidenhout erweist sich am Hammerflügel als ein sehr fähiger und mitfühlender Instrumentalpartner, der immer auch die Klangfarbe nutzt.

Mark Padmore bringt sehr viel Seele in seine formidable und zudem höhensichere Tenorlyrik ein. Melos und Kantilene: Bei diesem Sänger sind das keine Fremdworte. Eine musikalisch ganz hervorragende Einspielung, die sich gleichwohl, nicht erst seit Dietrich Fischer-Dieskau, stärkster Konkurrenz erwehren muss. Padmore ist Engländer. Dass seine Aussprache des Deutschen indes noch Luft nach oben lässt, sollte daher nicht verschwiegen werden.

Johann Sebastian Bach: Sonaten für Violine und Cembalo. Isabelle Faust, Violine, Kristian Bezuidenhout, Cembalo (HMM).
Franz Schubert: Winterreise. Mark
Padmore, Tenor, Kristian Bezuidenhout, Fortepiano (HMM).