Photovoltaik für die Zeit nach dem Atomreaktor

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Mo, 06. August 2018

Wirtschaft

Im Südelsass beginnt bald eine Sonderausschreibung für Solaranlagen / Sie soll helfen, den Wegfall des Akw Fessenheim zu verkraften.

COLMAR. Im November startet im Südelsass eine Sonderausschreibung für Photovoltaikanlagen mit staatlich garantierter Einspeisevergütung. Sie ist Teil des Wirtschaftsplans für die Zeit nach der Stilllegung des Akw Fessenheim.

Der französische Umweltstaatssekretär Sébastien Lecornu hatte sie bei einem Besuch im Frühjahr in Colmar angekündigt: Mit einer staatlich geförderten Sonderausschreibung für Photovoltaikanlagen wolle die Regierung bei ihrem Wirtschaftsplan für die Zeit nach der Abschaltung des AKW in Fessenheim energiepolitisch ein Zeichen setzen. Bislang habe die Atomenergie das Elsass geprägt, sagte Lecornu damals. Künftig solle der Standort Vorbild sein in der Nutzung erneuerbarer Energien. Bislang produzieren Photovoltaikanlagen in Frankreich mit einer Leistung von 8,3 Gigawatt 1,1 Prozent des Stromverbrauchs. Die Entwicklung zeigt nach oben.

Nach einer erneuten Verzögerung ist mit der Abschaltung des Akw Ende 2019 zu rechnen. Wer in diesem Zusammenhang in Photovoltaik investieren möchte, dem sichert der französische Staat eine Einspeisevergütung von bis zu 7 Cent pro Kilowattstunde (kWh) für Freiflächen zu, bei Dachanlagen sind es 9 bis 10 Cent pro kWh. Eine zusätzliche Vergütung soll der Strompreisentwicklung jährlich angepasst werden. Einen Bonus von 0,3 Cent pro Kilowattstunde gebe es bei Projekten mit Bürgerbeteiligung.

Insgesamt ermöglicht die von der regionalen Behörde für Umwelt und Verkehr (DREAL) gesteuerte Ausschreibung 200 Megawatt für Freiflächen und 100 Megawatt für Dachanlagen – ein Drittel der Leistung eines der beiden Druckwasserreaktoren, die in Fessenheim stillgelegt werden sollen. Die Ausschreibung der ersten Tranche startet mit 50 Megawatt im November 2018.

Geplante Stromvergütung ist nicht schlecht

Ob sich damit deutsche Unternehmer ins Elsass locken lassen? Markus Jenne von der auf erneuerbare Energien spezialisierten Beratung Sterr-Kölln & Partner mit Niederlassungen in Freiburg, Straßburg und Paris hat solche Ausschreibungen bereits in Frankreich begleitet. Die staatliche Förderung im Kontext der Stilllegung des Akw Fessenheim bewertet er im Vergleich mit deutschen Vergütungen als interessant. Vorstellbar hält er solchen Anlagen beispielsweise für Supermärkte und Unternehmen aus der Solarbranche.

Jenne kann sich auch vorstellen, dass deutsche Kreditunternehmen solche Projekte in Frankreich fördern. "Vielleicht kommt es sogar zu deutsch-französischen Kooperationen", sagt der Berater. Schwerpunkt des Wirtschaftsplans ist die Gründung eines deutsch-französischen Gewerbeparks mit einem steuerlichen Sonderstatus nördlich von Fessenheim. 200 Hektar Fläche sollen dort demnächst erschlossen werden. Auch die Ansiedlung deutscher Betriebe erhofft man sich.

In erster Linie werde die französische Seite die Bedenken gegenüber ihrem Arbeitsrecht ausräumen müssen, sagt Andreas Kempff, Hauptgeschäftsführer der IHK Südlicher Oberrhein. "In der Tendenz erwarten wir schon eine Annäherung an die deutschen Rahmenbedingungen." Geförderte Photovoltaikanlagen seien da nur ein I-Tüpfelchen. Auch aus Sicht der Beschäftigten müsste sich etwas ändern. Wer in Deutschland seinen Wohnsitz hat und in Frankreich arbeitet, nimmt finanzielle Nachteile in Kauf. Umgekehrt, also für französische Grenzgänger mit Job in Deutschland, überwiegen die Vorteile. Zudem gibt Kempff zu bedenken, dass die für das Projekt wichtige Position des Präfekten oft nach wenigen Jahren neu besetzt werde, wobei der aktuelle Amtsinhaber Laurent Touvet die Pläne für Fessenheim nachdrücklich unterstützt. "So ein Projekt", sagt Kempff, "verlangt nach personeller Kontinuität: Es braucht jemanden vor Ort, der über lange Zeit Ansprechpartner ist."

Bürokratische Hürden bereiten Kummer

Industrie und Dienstleistern in Südbaden bereitet in jüngster Zeit vor allem die Umsetzung der Entsenderichtlinie in Frankreich Sorgen. Sie macht jeden Arbeitseinsatz im Elsass zu einem abschreckenden bürokratischen Unterfangen. Selbst für einen einfachen Kundendienst müssen Anmeldeformulare ausgefüllt werden. "Diese Hürden müssten in jedem Fall beseitigt werden", sagt die Präsidentin des Départementsrates Haut-Rhin (Oberelsass) Brigitte Klinkert. "Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir gegenüber Paris konkreter argumentieren müssen, welche Zugeständnisse wir für die Gewerbezone brauchen", sagt Départementspräsidentin.