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08. Dezember 2012

Brandkatastrophe in Titisee-Neustadt

Polizeisprecher Schmid verurteilt Sensationslust mancher Medien

BZ-INTERVIEWmit Polizeisprecher Karl-Heinz Schmid über das Verhalten von Journalisten beim Brandunglück von Neustadt.

  1. Karl-Heinz Schmid Foto: i. Schneider

TITISEE-NEUSTADT. Das war schon auffallend nach dem Brand der Behindertenwerkstatt – der wiederholte dringende Appell an die Medien: Respektieren Sie das Schutzbedürfnis der Angehörigen und Einsatzkräfte! Über die Hintergründe sprach Peter Stellmach mit Karl-Heinz Schmid (52), Pressesprecher der Polizeidirektion Freiburg.

BZ: Herr Schmid, man kennt Sie als Routinier, diesmal aber ist Ihnen der Geduldsfaden fast gerissen, und schuld daran, hört man, war Ihre Kundschaft, die Medien. Was ist schief gelaufen?
Schmid: Der Andrang der Medien war gewaltig. Ich habe schon viele Ausnahmesituationen erlebt. Diese Brandkatastrophe aber stellt alles bisher Erlebte in den Schatten. Ich hatte zum Glück kollegiale Unterstützung. Besonders bitter aber: Seitens einzelner Medienvertreter kam es auch zu Grenzverletzungen.

BZ: Nennen Sie Beispiele.
Schmid: Einzelne haben immer wieder den Wunsch geäußert, die Notfallseelsorgeteams bei der Arbeit zu begleiten, beim Überbringen der Todesnachricht oder beim Betreuen von Angehörigen. Das geht absolut nicht. Solche Situationen sind noch intimer als Beichte oder Arztbesuch. Dass man das über Tage hinweg dauernd erklären muss, zermürbt.

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BZ: Was hat Sie noch gestört?
Schmid: Dass dauernd Anfragen zu den Namen der Toten kamen, um damit dann die Angehörigen anzugehen. Es ist bitter, dass manche Medienschaffenden glauben, Nachrichten zwanghaft personifizieren zu müssen. Ein Rauchgasverletzter wurde noch am Unglückstag von einer Zeitung in einem Krankenhaus ausfindig gemacht. Man hat versucht, ihn trotz seiner Verletzung exklusiv zu befragen!
BZ: Einem Kollegen sagten Sie, das Verhalten der Medien sei für die Retter ein Schlag ins Gesicht. Wie meinen Sie das?
Schmid: Ich sprach von einem Schlag ins Gemüt. Meinen Kollegen von den Rettungsdiensten und der Polizei zieht es unwahrscheinlich viel Energie ab, wenn man tagelang bemüht ist, primitivste Anstandsregeln einzufordern.

BZ: Wehrt man sich da auch mal, oder lassen Sie das an sich abtropfen?
Schmid: Ich mache meinen Unmut schon auch deutlich, das aber mit Anstand. Wir bei der Polizeidirektion Freiburg wissen sehr wohl, dass wir zur raschen Unterrichtung der Medien verpflichtet sind. Medien erfüllen einen unglaublich wichtigen Auftrag in unserer Gesellschaft. Von daher ist uns klar: Presseauskünfte sind keine Gnadenakte. Menschlichkeit und Barmherzigkeit aber darf man nie ausblenden, in keinem Business. Pauschalisierungen helfen allerdings nicht weiter. Die Medien, die Politiker, die Polizisten – das ist es nicht. Es ist stets der Einzelne, der sich prüfen sollte.

BZ: In einer Boulevardzeitung war zu lesen, samt Foto, eine Betreuerin sei gerettet worden, habe sich dann aber wieder zurück in die Werkstatt begeben und das mit dem Tod bezahlt. Stimmt das?
Schmid: Das ist haltlos. Wir haben dafür nach unseren Ermittlungen nicht den geringsten Beleg. Die Behauptung hat bei uns zu geschätzt 70 Nachfragen geführt, die wir allesamt richtigstellen mussten. Dies hat uns lange Zeit nahezu gelähmt.

BZ: Es heißt, Medienleute hätten sich als Notfallseelsorger ausgegeben, um in eine Behindertenwohngruppe und dort an Fotos von Getöteten zu kommen.
Schmid: Das wird noch geprüft. Von einer Notfallseelsorgerin habe ich aber gehört, dass sich eine Journalistin in das Gebäude der Freien Evangelischen Gemeinde, wo wir die Betroffenen betreuten, mit der Begründung einschlich, sie wolle sich kurz aufwärmen. Fakt ist: Sie hat dort versucht, journalistisch zu arbeiten. Eine Caritas-Mitarbeiterin wurde daheim bedrängt. Behinderte wurden interviewt. Man wollte sogar die 14 Verstorbenen vor dem Abtransport fotografieren.

BZ: Recherche ist nun mal das Handwerk des Journalisten. Reichen die Pressemitteilung des Tages oder die Pressekonferenz des Tages da noch aus?
Schmid: Immerhin haben wir noch am Unglückstag eine Pressekonferenz improvisiert. Die Spitzen von acht betroffenen Institutionen haben Rede und Antwort gestanden. Tags darauf hat derselbe Kreis in einer weiteren Pressekonferenz die Auskünfte vom Vortag präzisiert. Ich finde, das verdient allerhöchsten Respekt.

BZ: Die Öffentlichkeit hat aber auch einen grundgesetzlichen Anspruch auf Information.
Schmid: Das ist völlig richtig, nochmals: Medienunterrichtung ist kein Gnadenakt. Wir sind dazu verpflichtet. Wir sind aber auch verpflichtet, schutzwürdige Interessen Privater zu wahren. Die Balance muss stimmen.
"Jeder hat nur noch

seine Interessen im Blick."
BZ: Worauf führen Sie den medialen, sagen wir mal, Wildwuchs zurück?
Schmid: Die Medienwelt ist durchs Internet deutlich beschleunigt worden. Jeder möchte der Erste sein und hat nur noch seine Interessen im Blick. Der Perspektivwechsel für die Interessen des anderen gelingt oft nicht mehr. Der Zwang "Schnelligkeit vor Gründlichkeit" ist bei vielen deutlich spürbar. Es gilt meiner Meinung nach, innezuhalten und zur Gründlichkeit zurückzukehren.

BZ: Nicht zuletzt wegen solcher Erfahrungen wurde die Trauerfeier am Samstag streng reglementiert. Glauben Sie, das wäre sonst aus dem Ruder gelaufen?
Schmid: Das Verhalten einzelner Medienschaffender hat die Verantwortlichen dazu gebracht, das Reglement zu erlassen. Wir wollten einzig und allein die Angehörigen und die zum Teil traumatisierten Helfer schützen. Medienleute, die ohne Kamera und Tonaufzeichnungsgerät berichten wollten, konnten auch berichten und ins Münster hinein gelangen.
BZ: Waren Sie zufrieden mit dem Ablauf? Hatten Sie Reaktionen?
Schmid: Positive Signale. Auch die Journalisten aus der Region zeigten großes Verständnis für die von der Stadt Titisee-Neustadt erlassene Allgemeinverfügung. Die Trauerfeier war würdig und ergreifend und ein erster großer Baustein, diese Katastrophe zu verarbeiten.

BZ: Noch mal zur berufsmäßigen Neugier der Journalisten: Kann es wirklich sein, dass man gut zehn Tage nach dem Unglück noch immer nicht weiß, wem der Ofen gehörte, wie er in die Werkstatt kam, ob er in Betrieb war und ob er dort überhaupt stehen durfte?
Schmid: Die Neugier ist berechtigt. Wir haben aber sehr komplexe Ermittlungen zu führen. Sie erstrecken sich auf den objektiven Bereich, also Spuren, und auf den subjektiven Bereich, Zeugenvernehmungen. Die Ergebnisse der beiden Stränge müssen permanent abgeglichen werden, bei Unstimmigkeiten kommt es zu Nachfragen. Das sind schwierige Prozesse, die einfach ihre Zeit benötigen. Für uns gilt: Gründlichkeit kommt vor Schnelligkeit.


ZUR PERSON: KARL-HEINZ SCHMID

Der 52-jährige Kriminalhauptkommissar ist Pressesprecher der Polizeidirektion Freiburg. Geboren wurde er am Bodensee, er ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter. Hobbys: Lesen und Ausdauersport. Er lebt im Markgräflerland und ist seit 33 Jahren Polizist, davon zehn Jahre in der Pressearbeit.  

Autor: pes

Autor: pes