ProContra: Organentnahme ohne Zustimmung?

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Fr, 07. September 2018

Deutschland

Die Widerspruchslösung berührt nicht das Recht, dass jeder Mensch über seinen Körper verfügt. Aber sie entlastet die Angehörigen, meint Franz Schmider.

Die Widerspruchslösung berührt nicht das Recht, dass jeder Mensch über seinen Körper verfügt. Aber sie entlastet die Angehörigen, meint Franz Schmider.

Die Frage, ob ein Mensch nach seinem Tod seine Organe für die Behandlung Anderer zur Verfügung stellt, kann und darf nur dieser Mensch beantworten. An diesem Grundsatz darf nicht gerüttelt werden. Das tut auch Gesundheitsminister Jens Spahn nicht mit seinem Vorstoß, die Organspende neu zu regeln und die Widerspruchslösung einzuführen. Wer die Initiative des CDU-Politikers anders deutet, versteht ihn falsch. Wer für die Widerspruchslösung plädiert ist klein Leichenfledderer und gibt auch nicht den Körper der ökonomischen Verwertung preis. Es sollen auch keine moralischen Grundsätze über Bord geworfen werden. Was sich ändern würde, wäre das Prozedere.

Dass dies nötig ist, wissen in erster Linie jene, die als Angehöriger schon einmal – konkret und nicht abstrakt, sofort und nicht in einem Monat – zu entscheiden hatten, was mit den Organen eines Hirntoten geschehen soll. Um diese Gewissensnöte, um das Verhindern von Missverständnissen, die Vermeidung solcher Notlagen geht es in erster Linie bei einer Neuregelung. Dazu müssen sich Menschen nicht in erster Linie anders, aber sie müssen sich frühzeitig und klar erklären. Das ist keine Überforderung. 36 Prozent der Deutschen haben unterdessen einen Spendenausweis. Haben sich also 64 Prozent gegen die Organspende entschieden? Wenn ja, wäre das zu respektieren und völlig in Ordnung und auch in moralischer Hinsicht nicht zu kritisieren. Aber was ist mit jenen, die noch mit sich ringen und die Entscheidung immer wieder vertagen, weil es die unangenehme Frage nach der eigenen Endlichkeit vor Augen führt – bis es dann früher als erhofft zu spät ist? Wer mit sich ringt, dem steht weiter frei, nein zu sagen und so die Angehörigen aus ihrem Gewissenskonflikt zu befreien. Jede Entscheidung kann später jederzeit neu getroffen werden.

Richtig ist aber auch: Der Vorstoß in Richtung Widerspruchslösung darf nicht primär zum Ziel haben, die Zahl der Organe steigern zu wollen, die zur Verfügung stehen. Diese Last darf nicht dem Einzelnen aufgeladen werden. Zudem hat Deutschland in dieser Hinsicht aktuell vor allem ein Problem in den Kliniken und bei der Umsetzung von Organtransplantationen, nicht primär bei der Spendenbereitschaft. Das aber muss ohnehin gelöst werden – ob mit Widerspruchs- oder Zustimmungslösung.

Überzogen ist auch der Vorwurf, der Staat übertrete eine Grenze, indem er sich jetzt sogar den Zugriff auf den Körper seiner Bürger verschafft, er werde vom fürsorgenden zum übergriffigen Staat. Erstens kann jeder widersprechen und sich so dem Zugriff entziehen. Und zweitens ist dieser Grenzverlauf mitnichten so exakt. Der Staat verhindert den Zugang zu schädlichen Rauschmitteln und Medikamenten für den schmerzfreien Freitod. So zu tun, als würde bei der Organentnahme ein Rubikon überschritten, ist unredlich.