Plug-in-Hybride

Luxus mit Rettungsleine

Thomas Geiger

Von Thomas Geiger (dpa)

Sa, 02. Juni 2018 um 11:58 Uhr

Auto & Mobilität

Lange hat die Autoindustrie unter dem Druck sinkender CO 2 -Grenzwerte auf den Diesel gesetzt. Doch nach dem Dieseldilemma sucht sie ihr Heil zusehends in Plug-in-Hybriden.

Er wiegt 2,3 Tonnen, hat 462 PS und fährt bis zu 253 km/h schnell. Er verbraucht aber zumindest auf dem Papier nur 3,2 Liter (72 g/km CO2). Kein Wunder, dass Baureihenleiter Stefan Fegg mit dem neuen Porsche Cayenne S E-Hybrid zufrieden ist. Denn der Geländewagen, der ab 89 822 Euro angeboten wird, ist nicht nur gut für Image und Umsatz – sondern auch für die CO2-Bilanz.

Weil er bis zu 44 Kilometer elektrisch fahren kann und ihm das auf dem Prüfstand angerechnet wird, hat er einen geringeren Verbrauch als jeder Kleinwagen. Das hilft dem Hersteller, die strengen Umweltvorgaben aus Brüssel, Peking oder Washington zu erfüllen. Erst recht jetzt, wo der Diesel als sparsames Antriebskonzept in Zweifel gezogen wurde, an Zulassungsanteil verliert und die zuletzt konstant sinkenden Flottenverbrauchskurven wieder nach oben zeigen.

"Ohne den massiven Einsatz von Plug-in-Hybriden sind die CO2-Vorgaben von 95 g/km ab dem Jahr 2021 gerade für die Premiumhersteller mit ihren großen, schweren und leistungsstarken Modellen kaum zu schaffen", sagt Hans-Georg Marmit von der Sachverständigenorganisation KÜS. Er erklärt damit, weshalb nicht nur Porsche, sondern auch Audi, BMW oder Mercedes so bereitwillig nach der elektrischen Rettungsleine greifen.

Während Volumenmarken wie Opel oder Ford und Importeure wie Peugeot oder Fiat noch zögern, haben sie bereits zahlreiche Teilzeitstromer am Start und noch mehr entsprechende Fahrzeugvarianten in der Pipeline. Während zum Beispiel Volvo diese Strategie schon lange verfolgt und die sogenannten Twin-Engine-Modelle in jeder 90er und 60er-Variante anbietet, schwenken angesichts der aktuellen Lage auch Marken um, die bislang mit Öko-Technik eher wenig am Hut hatten.

So parkt demnächst selbst der Bentley Bentayga an der Steckdose und kommt dank 50 Kilometer elektrischer Reichweite auf Verbrauchswerte von 3,2 Litern (75 g/km CO2). Und wer mindestens 73 193 Euro bezahlt, kann ab diesem Frühjahr auch mit Range Rover und Range Rover Sport und einem E-Motor von 85 kW sowie einem Pufferspeicher von 13 kWh zumindest im besten Fall rund 50 Kilometer durch die Stadt stromern. Porsche setzt nicht nur auf den Cayenne, sondern bietet den Panamera in gleich zwei Versionen als Plug-in an, und die Kunden greifen nach Angaben des Herstellers gerne zu. Denn in Europa liegt der Verkaufsanteil bei 60 Prozent, teilt der Hersteller mit. BMW bietet die Plug-in-Technik für 3er, 5er, 7er und X5 an.

Audi will es nicht beim teilelektrischen Erstling A3 E-Tron und dem Q7 E-Tron als aktuell einzigem Plug-in-Hybrid mit Diesel-Technik belassen. Chefentwickler Peter Mertens will bis 2025 rund 20 Modelle mit elektrischem Antrieb an den Start bringen, viele davon als Plug-in-Hybrid. Er nennt dafür neben dem positiven Einfluss auf den Flottenverbrauch noch einen weiteren Vorteil: "Sie erlauben es, in Ballungsräumen emissionsfrei unterwegs zu sein und bieten gleichzeitig langstreckentaugliche Reichweiten für Überlandfahrten."

Auch sein Mercedes-Kollege Ola Källenius bricht eine Lanze für die Technologie. Dafür haben die Schwaben einen Baukasten entwickelt, zu dem auch eine 90 kW starke, in der Neungang-Automatik integrierte E-Maschine und ein Akkupaket von 13,5 kWh zählen. "Das lässt sich mit nahezu allen Motoren und Modellen kombinieren", sagt Källenius. In der S-Klasse zum Beispiel mit einem V6-Benziner, in der E- und der C-Klasse im Lauf des Jahres mit einem Diesel. Und selbst die ersten AMG-Modelle werden bald an der Steckdose parken. Diesseits der Oberklasse ist das Angebot dagegen eher dürftig, weil dort der CO2-Vorteil nicht ganz so groß ist.

Auch Kompakte sind mit von der Partie

Doch auch bei den Kompakten wächst die Auswahl: So bietet VW den Golf GTE auch mit Kabelanschluss, aus Korea kommen Hyundai Ioniq und Kia Niro sowie das Kia-Flaggschiff Optima, außerdem ist auch der Hybrid-Pionier Toyota Prius mit der Plug-in-Technik zu haben. Darüber hinaus bietet die BMW-Gruppe die ungleichen Zwillinge 2er Active Tourer und den Mini Countryman als Plug-in-Autos an.

Doch Lob gibt es auch aus einer überraschenden Ecke. Denn ausgerechnet Günther Schuh pflichtet ihm bei. Der Aachener Professor ist der Kopf hinter dem Streetscooter der Deutschen Post. Trotzdem sieht er aber im Akkuantrieb keine allumfassende Lösung: "Die Batterie ist morgen nicht viel billiger", sagte er im Interview mit der Fachzeitschrift Auto, Motor und Sport und lobt den Plug-in-Hybrid als das "Antriebskonzept der Zukunft". Bis 2025, so seine Schätzung, könnten 70 Prozent der Neuwagen mit dieser Technik fahren.