VERKEHRSRECHT: Schreck ohne Schuld

Sebastian Hermesdorf

Von Sebastian Hermesdorf

Sa, 01. September 2018

Auto & Mobilität

Wenn eine Fußgängerin einen Unfall auslöst.

In einem Fall hatte das Oberlandesgericht (OLG) Karlsruhe darüber zu entscheiden, ob eine Fußgängerin ein Mitverschulden an einem Verkehrsunfall traf, die von einem bellenden Hund so erschreckt wurde, dass sie auf die Fahrbahn trat und von einem Auto erfasst wurde.

Das OLG Karlsruhe musste die Frage beantworten, ob die Schreckreaktion der Fußgängerin ausreichend war, um ihr zumindest ein Mitverschulden am Zustandekommen des Verkehrsunfalls anzulasten.

Das OLG Karlsruhe wies zunächst daraufhin, dass auch die Ausweichbewegung der Fußgängerin grundsätzlich eine willensgesteuerte Bewegung darstellt und somit grundsätzlich geeignet wäre, ein Mitverschulden zu begründen. Es fehlte jedoch an einem Verschulden der Fußgängerin, handelte diese nach Ansicht des OLG Karlsruhe doch noch nicht einmal fahrlässig.

Dazu führte das Gericht aus, dass für den Fahrlässigkeitsvorwurf darauf abzustellen sei, welche Anforderungen an menschliches Verhalten in einer bestimmten Situation erwartet werden kann. Für "Schreckreaktionen" ist anerkannt, dass kein Verschulden vorliegt, wenn jemand in einer ohne sein Verschulden eingetretenen und für ihn nicht vorhersehbaren Gefahrenlage keine Zeit zu ruhiger Überlegung hat. Wer deshalb nicht das Richtige und Sachgerechte unternimmt, um einen Unfall zu verhüten, und aus verständlichem Schrecken objektiv falsch reagiert, handelt nicht fahrlässig.

Zwar handelte es sich bei der Ausweichbewegung der Fußgängerin um eine Fehlreaktion, drohte objektiv doch keinerlei Gefahr, da der Hund sich hinter dem Zaun befand, es gehört aber gerade zum Wesen einer solchen Schreckreaktion, dass ein Mensch im ersten Moment nicht ohne Weiteres unterscheiden kann, ob der bellende und springende Hund vom Zaun zurückgehalten wird, oder ob es zu einem echten Angriff mit Bissverletzungen kommt. Die Reaktion der Fußgängerin beruhte somit nicht auf einer fehlerhaften Wahrnehmung einer objektiv nicht vorhandenen Gefahrenlage. Vielmehr hatte die Fußgängerin keine ausreichende Zeit, um noch vor diesem Schritt erkennen und entscheiden zu können, ob der Schritt zum Ausweichen gegenüber dem Hund notwendig und sinnvoll war. Im Ergebnis wurde somit eine Mitschuld der Fußgängerin abgelehnt, die ihren gesamten Schaden erstattet bekam.

Der Autor ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Verkehrsrecht in der Kanzlei Schirk und Kollegen,

Herbolzheim