3500 Jahre Normgeschichte

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

Sa, 01. September 2018

Bildung & Wissen

Schon die Ägypter und Römer legten Standards für Alltagsprodukte fest.

Dass Normen das Leben erleichtern, haben die Menschen früh erkannt. Normen für Maße zum Beispiel existieren seit Jahrtausenden. Historiker fanden Hinweise darauf, dass die Ägypter bereits im 7. Jahrtausend vor Christus Maße für Länge und Gewicht hatten. Ungefähr 1500 vor Christus tauchten dort dann auch die ersten genormten Produkte auf: Dachziegel aus Nilschlamm, für die die Maße 410 mal 200 mal 130 Millimeter vorgegeben waren. Einige Jahrhunderte später setzte man auch im Römischen Reich auf
    standardisierte Regeln. Die Breite von Fahrwegen war ebenso vorgegeben wie das Prozedere, mit dem die antiken, für die Menschen überaus wertvollen Wasserleitungen gesäubert und instand gehalten wurden. Für diese Aquädukte wurden genormte Rohre verwendet, deren innerer Durchmesser zwischen 2,3 und 23 Zentimeter betragen konnte. Am gebräuchlichsten waren Rohre mit einem Durchmesser von 9 bis 10 Zentimeter. Wichtig waren die genormten Leitungen auch für die Abrechnung: Wer nicht bis zum Brunnen laufen wollte und es sich leisten konnte, ließ sich per Vorschrift genau definierte Rohre nach Hause legen.

Waren die Bedingungen hinsichtlich Größe und Länge der Rohre erfüllt, bekam man ein mit amtlichem Stempel versehenes Vorsatzstück. Dadurch, dass alle Rohre die gleichen Maße hatten, konnte der Wasserverbrauch genau berechnet und entsprechend in Rechnung gestellt werden.

Wie sinnvoll es sein kann, einzelne Komponenten eines Produktes zu standardisieren und sie damit auch dezentral herstellen lassen zu können, das hat das Königliche Fabrikationsbüro für Artillerie im Ersten Weltkrieg gezeigt. Die Streitkräfte brauchten dringend Nachschub an Gewehren, vor allem des leichten Maschinengewehrs 08/15. Also wurden viele Fabriken für die Waffenproduktion umgerüstet und mit Richtlinien versorgt, wie genau sie Einzelteile herzustellen hatten, damit die später zum MG 08/15 zusammengestellt werden konnten. Die Redewendung 08/15 (für standardmäßig, gewöhnlich) rührt daher.

Das Prinzip funktionierte und überzeugte die deutschen Ingenieure derart, dass es nach dem Krieg auf den außermilitärischen Bereich übertragen wurde. Am 22. Dezember 1917 wurde der Normenausschuss der deutschen Industrie, kurz NADI, gegründet. Die Abkürzung DIN stand noch für die Arbeitsergebnisse des NADI: die Deutsche Industrienorm. DIN 1 wurde im März 1918 veröffentlicht und bezog sich auf Kegelstifte für Maschinenteile.

Schnell war klar, dass Normen in weitaus mehr Bereichen als nur der Industrie gefragt waren. Aus dem Normenausschuss der deutschen Industrie wurde deshalb 1926 der Deutsche Normenausschuss (DNA). Die Abkürzung DIN sollte ebenfalls von der Industrie wegführen und von nun an "Das ist Norm" heißen. Durchsetzen konnte sich diese neue Bedeutung in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch nie. Im Mai 1975 änderte sich der Name des seit 1920 eingetragenen Vereins erneut, diesmal in "Deutsches Institut für Normung". Damit ist die Abkürzung DIN neu belegt, die Arbeitsergebnisse des DIN sind die Deutschen Normen oder DIN-Normen. Im Juni 1975 unterzeichneten das DIN und die Bundesregierung den Normenvertrag, in dem ihre zweiseitigen Beziehungen geregelt werden.