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29. Oktober 2011

Alarmstufe Rot

Verführungsmittel, Leistungsstimulanz, Warnzeichen – der Farbe Rot wird so manches zugetraut. Zu Recht?.

  1. Verbirgt oft eine Botschaft: die Farbe Rot Foto: BZ

Marthe, die Heldin in Noëlle Châtelets Roman "Die Klatschmohnfrau", betrachtet ihr Schlafzimmer: "Kann man sich etwas Jämmerlicheres vorstellen als diese einheitlichen, verblichenen Beigetöne der Vorhänge und der Tagesdecke?" Bei der Einrichtung dürften ihr Witwendasein und ihre Einsamkeit eine Rolle gespielt haben. Schließlich wählt sie für ihr Schlafzimmer einen Stoff aus, der mit leuchtend roten Blumen übersät ist, mit Klatschmohn, der Blume des Begehrens, wie es in dem Buch heißt. In Marthes Lieblingsfarbe. Der verbotenen Farbe Rot.

Die Autorin der "Klatschmohnfrau" lehrt Kommunikationswissenschaft in Paris und spielt in ihren Romanen und Erzählungen gerne mit Farben. Mit dem Rot lässt sie Liebe, Leidenschaft und Lust in das bis dato eintönige Leben der verliebten 70-jährigen Marthe zurückkehren. Sind Lebensfreude und Psyche wirklich so leicht zu beeinflussen? Ja, meinen viele Wissenschaftler, die versucht haben, der Bedeutung der Farbe Rot auf den Grund zu gehen. Psychologen, Evolutionsbiologen, Gehirnforscher, Wirtschafts- und Sportpsychologen haben dabei einiges zusammengetragen.

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Auch bei Affen macht

Rot Eindruck.

Eines steht für alle fest: Rot ist dem Menschen viel mehr, als die Farbe der Liebe. So konnten Hirnforschern und Anthropologen des Dartmouth College in einer Studie nun zeigen: Rot macht vorsichtig und unterwürfig. Dies sei auch der Grund dafür, dass Rot beinahe weltweit den Menschen Stopp, Gefahr und Hitze signalisiere, meint Studienleiter Jerald Kralik. In seinen Versuchen mit Rhesusaffen wollte er klären, ob das kulturell überliefert oder evolutionär bedingt ist. "Die Ähnlichkeit unserer Ergebnisse mit denen bei Menschen legt nahe, dass durch Rot ausgelöstes Vermeidungsverhalten und Unterwürfigkeit eine vererbte psychologische Anlage ist", erläutert Kralik.

In den Experimenten näherten sich jeweils ein Mann und eine Frau den Affenmännchen, die wie der Mensch rote, grüne und blaue Farbe unterscheiden können. Sie legten einen Apfelschnitz auf den Boden und entfernten sich zwei Schritte. In der Regel rannten die Affen sofort zum Apfelstück, stibitzten es, rannten weg und aßen es auf. Dabei war sowohl das Geschlecht der Menschen als auch ihre T-Shirt-Farbe egal. Nur wenn eine Person rot gekleidet war, blieb das Obst unberührt.

Die Forscher glauben, dass diese Abneigung eine evolutionäre Anpassung ist. "Wir – die Primaten und dann die Menschen – sind sehr optisch und sozial orientiert", erklärt Kralik. "In beiden Bereichen ist Farbe sehr wichtig: Sagt sie uns doch, welche Früchte essbar sind, oder hilft uns, die Gefühle anderer einzuschätzen." Ein rötliches Gesicht des Gegenübers deute auf starke Erregung hin und mache vorsichtig, erklärt der Forscher.

Nicht umsonst gilt Rot auch dem Menschen als Warnfarbe beispielsweise beim Stoppschild, der Verkehrsampel oder Absperrungen. Denn Rot macht wachsam und konzentriert, konnte die Wirtschaftspsychologin Juliet Zhu in einer vor zwei Jahren an der Universität von British Columbia im kanadischen Vancouver veröffentlichten Studie nachweisen.

Dafür mussten die Probanden am Computer verschiedene Hirnleistungstests wie Wortfindung, Gedächtnis, Korrekturlesen oder kreative Problemlösung absolvieren. Der Bildschirmhintergrund war entweder rot, blau oder weiß. Die Forscherin wollte herausfinden, ob die Bildschirmfarbe das Testergebnis verändert. Es zeigte sich, dass die Farbe Blau zu mehr kreativen Lösungen führt. Rot hingegen schärft die Wachsamkeit für Details, macht vorsichtig und hilft, Fehler zu vermeiden.

"Die Farbe Rot macht uns aufmerksam, lässt uns Gefahr wittern und bereitet uns auf Kampf oder Flucht beziehungsweise Vermeidungsverhalten vor", erklärt der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. Blau sei der Himmel und das Meer. Diese Farbe stehe eher für Aufgeschlossenheit, Ruhe und Frieden. "Sind Ruhe und Frieden im Gehirn aktiv, dann sollte sich ein entsprechender Neuromodulationszustand einstellen, der weites Assoziieren und damit Kreativität fördert." Ganz anders verhält es sich bei Gefahr, die wir zu vermeiden suchen. "Um dies effektiv zu tun, müssen wir genau sein, uns auf das Wichtige beschränken und alles Unnötige ausblenden", erläutert Spitzer.

Die Wirkung von Rot als Signalfarbe bei Gefahr bestätigen Experimente, die der Psychologe Andrew Elliot von der Universität Rochester im April veröffentlichte: Rot macht schnell und stark – zumindest kurzfristig. In verschiedenen Experimenten ließ Elliot seine Probanden eine Metallklammer oder einen Griff herunterdrücken. Unter dem Einfluss von Rot stiegen sowohl die Kraft des Zugriffs als auch die Reaktionsgeschwindigkeit deutlich an.

In früheren Versuchen konnte Elliot bereits zeigen, dass selbst die kurze Wahrnehmung von Rot durch die Assoziation mit drohenden Fehlern eine Vermeidungshaltung auslöst und so die Leistung bei IQ-Tests steigert. "Diese Ergebnisse veranschaulichen, wie stark Farbe als subtiler Umwelteinfluss unser Verhalten beeinflusst", sagt Elliot.

Auch der britische Farbenforscher Kralik rät, bei der Durchführung von Wettbewerben auf Farben zu verzichten, "um Leute nicht unfair zu beeinflussen". Das zeigt auch die Analyse sportlicher Wettkämpfe. Laut einer im April veröffentlichten Studie Elliots gewinnen Einzelkämpfer oder Teams in Rot häufiger als in anderen Farben. Das habe wechselseitige Wirkung, erklärt Elliot: "Wer rot trägt, empfindet die eigene relative Dominanz und Gefährlichkeit als höher. Sieht man den Gegner indes rot gekleidet, verstärkt das die Wahrnehmung der gegnerischen Stärke und Gefährlichkeit."

Hinzu kommt: Rot beeinflusst auch das Urteilsvermögen von Schiedsrichtern, wie Bernd Strauß, Sportpsychologe an der Universität Münster, belegen konnte. Er zeigte 42 erfahrenen Taekwondo-Kampfrichtern zwei Videos mit jeweils elf Kampfsequenzen. Der eine Kämpfer trug einen roten, der andere einen blauen Brustschutz. Im zweiten identischen Film waren lediglich die Farben des Brustschutzes digital vertauscht worden. Das Ergebnis: Die Kampfrichter bewerteten die Leistungen der Sportler in Rot jeweils besser – solange die Gegner ähnlich stark waren. "Es handelt sich um einen unbewussten und von den Schiedsrichtern natürlich nicht gewollten Effekt. Wir können eben unsere Wahrnehmung nicht so einfach überlisten", sagt Strauß.

Dennoch tut Marthe recht, der Farbe Rot in ihrem Leben viel Platz einzuräumen, da ihre Situation ja eindeutig ist: Sie ist verliebt und wird geliebt. Denn Rot warnt nicht nur, sondern symbolisiert ebenso Liebe und Leidenschaft. Und Rot erhöht die Anziehungskraft auf das andere Geschlecht, wie Elliot in früheren Versuchen zeigen konnte. Dabei präsentierte er Frauen wie Männern Fotos des jeweils anderen Geschlechts in wechselnden Farbkombinationen. Waren Kleidung, Hintergrund oder auch nur ein Rahmen rot eingefärbt, wurden sowohl Männer als auch Frauen vom anderen Geschlecht als attraktiver beurteilt.

Auch auf die Frage: "Wenn Sie eine Verabredung mit dieser Frau und 100 Dollar im Portemonnaie hätten, wie viel wären Sie bereit auszugeben", zeigten sich die Herren unter dem Einfluss von Rot deutlich spendabler. Auch die Frauen hielten Männer in Rot für sexuell attraktiver und besser situiert.

Elliot führt die Attraktivität von Rot auf biologische Wurzeln zurück. Bei vielen Primaten färben sich die weiblichen Genitalien in der fruchtbaren Phase rot. "Auch bei vielen nicht-menschlichen Arten signalisiert Rot den Status des Männchens und zieht Weibchen an – selbst wenn die Farbe künstlich aufgetragen wird", erklärt Elliot. "Farbe hat nicht nur ästhetischen Wert, sondern auch eine psychologische Wirkung."

Rot als "Farbe der Liebe" ist also mehr als ein Mythos. "Es ist nicht egal, mit welchen Farben wir uns umgeben", betont Hirnforscher Spitzer. "Sie färben ab – auf uns und auf unser Denken." Also kauft sich Marthe ein neues Kleid mit roten Motiven auf cremefarbenem Grund und ihr Partner bezirzt sie mit einem roten Schal. Schließlich wusste schon Johann Wolfgang von Goethe 1810 in seiner Farbenlehre: Die Farbe Rot "gibt einen Eindruck sowohl von Ernst und Würde als auch von Huld und Anmut."

Autor: Margit Mertens