BZ-Interview

Die Cochrane-Deutschland-Stiftung sucht nach der Wahrheit in der Wissenschaft

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

Sa, 20. Januar 2018 um 18:45 Uhr

Bildung & Wissen

Nicht jede wissenschaftliche Studie ist hieb- und stichfest. Um die Spreu vom Weizen zu trennen, gibt es die Cochrane-Deutschland-Stiftung. Und die hat ihren Sitz in Freiburg.

BZ: Herr Antes, die meisten Menschen haben von Cochrane noch nie etwas gehört. Was genau machen Sie eigentlich?
Wissenschaftlicher Leiter Gerd Antes: Die Aufgabe des gesamten Unternehmens Cochrane ist es, zu speziellen Fragen zum Thema Gesundheit Studien zu finden, diese zu bewerten und die Ergebnisse zu einer Aussage zusammenzufassen. Das können Fragen sein wie "Verringert Akupunktur Knieschmerzen?", "Profitieren Krebspatienten von einer Musiktherapie?" oder "Hilft bei Panikattacken eher ein Medikament oder eine Psychotherapie?" Wir nehmen uns eine dieser Fragen vor und suchen dazu weltweit alle verfügbaren Studien zusammen, die wir dann einer rigorosen Qualitätsbewertung unterziehen. Wir wollen herausfinden, welche Intervention, also welche Behandlung den Menschen in jedem einzelnen Fall am meisten hilft.

BZ: Die Antworten darauf finden Sie in den Studien?
Antes: Sagen wir: in einem Kondensat der Studien. Der Großteil der Studien, die wir finden – und das sind meist ein paar tausend –, ist Schrott, die werfen wir wieder raus. Das geschieht in einem mehrstufigen Prozess, in dem wir sehr genau hinschauen. Die übrig gebliebenen hochwertigen Studien versuchen wir zu einer Aussage zu vereinen, in einer sogenannten Meta-Analyse. Da Gesundheit viele verschiedene Bereiche betrifft, gibt es im weltweiten Cochrane-Netzwerk derzeit 53 unterschiedliche Review-Gruppen, zum Beispiel zur Schmerztherapie, zu Diabetes oder zu Brustkrebs. Wir hier in Freiburg sind eine Dachstruktur dafür, unsere tragende Rolle ist es, dafür zu sorgen, dass alles funktioniert.

"Es gibt leider einige böse Beispiele, wo nicht veröffentlichte Studien zu vielen Toten geführt haben."

BZ: Warum so viel Mühe? Jeder, der eine Studie macht, veröffentlicht die doch?
Antes: Schön wär’s. Jedes Jahr erscheinen weltweit mindestens 30.000 kontrollierte randomisierte Studien. Allerdings gibt es eine sehr große Grauzone. Durch viele Studien belegt wissen wir, dass weltweit etwa 50 Prozent der begonnenen Studien nie publiziert werden. Tatsächlich haben wir also weltweit 60.000 Studien jährlich, sehen davon jedoch nur die Hälfte. Das ist eine Katastrophe: einmal ungeheure finanzielle Verschwendung, aber viel schlimmer, die Basis für falsche medizinische Entscheidungen mit teils fatalen Auswirkungen. Die Gründe für die Nichtpublikation sind ganz verschieden. Leider kommt es häufig vor, dass die Ergebnisse nicht wie gewünscht ausfallen – wird die Studie nicht publiziert, ist das Ergebnis dann auch nirgendwo abrufbar und damit für die Gesundheitsversorgung verloren. Dabei wäre gerade für unsere Arbeit wichtig, dass auch solche Studien veröffentlicht werden. Wenn zum Beispiel herauskommt, dass ein Medikament nicht wirkt, es aber vielleicht weniger Nebenwirkungen hat als ein ähnlicher Wirkstoff, dann sollten wir das wissen.Ein anderes, bekanntes Beispiel für ein undurchsichtiges Publikationsgeschehen ist das Grippemittel Tamiflu, für das ein Nutzen behauptet wird, der nicht sauber belegt ist.

BZ: Sie sprachen von mehreren Gründen?
Antes: Neben den Studienautoren, die unpassende Ergebnisse mitunter nicht publizieren wollen, scheitert eine Veröffentlichung häufig an den Fachzeitschriften. Die finden Studien und deren Ergebnisse oft schlicht zu langweilig. Meiner Meinung nach ein Unding, da herrschen teilweise Mechanismen wie bei der Boulevardpresse.
"Es gibt vermutlich mehr schlechte als gute Studien" Gerd Antes

BZ: Wie könnte man erreichen, dass sämtliche durchgeführte Studien publiziert werden und die Ergebnisse – ob sie nun jemandem passen oder nicht – an die Öffentlichkeit gelangen?
Antes: Eine wirksame Gegenmaßnahme wäre es, alle Studien zu Beginn zu registrieren. In einer Datenbank bekäme jede Studie eine Identifikationsnummer, quasi die Geburtsurkunde. Vor sieben Jahren wurde das Deutsche Register Klinischer Studien gegründet (http://www.drks.de dort kann jeder nachschauen, zu welchen Fragestellungen gegenwärtig Studien laufen. In den USA kann man im dortigen Register zudem sehen, welche Ergebnisse sie gebracht haben, bei uns noch nicht. Das Problem ist, dass es komplett freiwillig ist, sich einzutragen. In den USA gibt es dafür ein Gesetz, das ist bei uns längst überfällig. Mich ärgert massiv, dass Patienten, die an einer Studie teilnehmen, deren Ergebnisse nie irgendwo erscheinen, schlichtweg betrogen werden. Patienten beteiligen sich in dem Glauben, dazu beizutragen, dass neues Wissen entsteht. Und genau das geschieht dann nicht.

BZ: Zu den wichtigsten Cochrane-Aufgaben gehört es, schlechte Studien auszusortieren. Was macht eine schlechte Studie aus?
Antes: Studien müssen gewisse Kriterien erfüllen, um als gute Studien zu gelten. Das ist oft nicht der Fall, und so gibt es vermutlich mehr schlechte als gute Studien, leider. Das hat zu tun mit erheblichen Defiziten bei der Studienplanung, -durchführung und -auswertung, liegt vor allem aber an oftmals fehlenden finanziellen Mitteln, um qualitativ hochwertige Studien durchzuführen. Daher sind übrigens Studien, die von der Industrie finanziert werden, in der Durchführung oftmals besser gestellt. Häufig sind einfach die Fallzahlen zu klein. Viele Wissenschaftler wissen, dass sie die Studie zum Beispiel mit jeweils 100 Personen in Behandlungs- und Kontrollgruppe durchführen sollten. Doch dann reichen die Mittel nur für zweimal 30 Patienten. Studien mit kleinen Fallzahlen sind jedoch sehr anfällig für Zufallsergebnisse.

BZ: In den Medien hat man den Eindruck, dass sich Studienergebnisse laufend widersprechen. Woran liegt das?
Antes: Zu einzelnen Fragestellungen gibt es fast immer mehr als eine Studie, oft eine beträchtliche Anzahl, mit unterschiedlichen Ergebnissen aufgrund statistischer Schwankungen. Der Blick auf einzelne Studien liefert damit regelmäßig sich widersprechende Ergebnisse. Bei uns gilt: Eine Studie ist keine Studie. Entscheidend ist das Wissen, das aus allen Studien gemeinsam stammt. Eine Studie allein kann das Wissen aus fünfzehn anderen Studien nur in Ausnahmefällen verändern. Die Widersprüche entstehen, wenn einzelne Studien zitiert werden, ohne sie auf das vorhandene Wissen zu beziehen.

"Sie sollten skeptisch werden, wenn die Studie mit besonders spektakulären Resultaten aufwartet."

BZ: Für mich als Verbraucher und Patient heißt das also: Auf eine einzelne Studie kann ich mich nicht verlassen?
Antes: Wenn Sie umfassende und unverfälschte Information wollen, dann nicht. Dann sollten sie besser einen Cochrane-Review oder eine ähnlich hochwertige Arbeit zum Thema suchen und sich dort informieren. Im Schnitt fließen bei uns sieben Studien in einen Review, und ich betone nochmal: Das sind nur die guten, die es zu dieser Fragestellung gibt. Wer grob einschätzen will, ob eine Studie, die es mit einer großen Schlagzeile in die Medien geschafft hat, überhaupt etwas taugt, sollte sich solche Dinge wie die Begründung der Fallzahl und die Randomisierung anschauen. Hat die Studie keine Kontrollgruppe, können sie es gleich vergessen, denn ohne Vergleich können Sie keine zuverlässige Aussage machen. Geht es um Ernährung, sollte man unbedingt darauf achten, ob eine Dosis angegeben worden ist – die fehlt fast immer, und damit ist jede Aussage wertlos. Auch wichtig: Gibt es Interessenkonflikte? Von wem ist die Studie finanziert worden? Hat einer der Studienautoren enge Verbindung zu einem Unternehmen, das ein Interesse an bestimmten Ergebnissen hat? Und natürlich sollten sie skeptisch werden, wenn die Studie mit besonders spektakulären Resultaten aufwartet, die womöglich noch allem, was man bisher weiß, widersprechen.
Zur Person

Gerd Antes, Jahrgang 1949, Mathematiker und Methodenwissenschaftler, ist am Universitätsklinikum Freiburg beschäftigt und seit Februar 2012 Honorarprofessor an der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg. Seit 1997 leitet er Cochrane Deutschland.

Cochrane

1993 wurde Cochrane von klinischen Forschern, Ärzten, Methodikern, Angehörigen der Gesundheitsfachberufe und Patienten als globales unabhängiges Netzwerk gegründet, das sich für bessere Gesundheit durch bessere Informationsmöglichkeiten einsetzt. Benannt ist die Initiative nach dem britischen Arzt und Epidemiologen Sir Archibald Leman Cochrane, der sich für dafür engagiert hatte, medizinische Studien in systematischen Übersichten zu erfassen und so bessere Informationsmöglichkeiten zu schaffen. Heute wirken an Cochrane weltweit mehr als 37 000 Menschen.

Die Cochrane-Deutschland-Stiftung, aus dem 1998 entstandenen Deutschen Cochrane-Zentrum hervorgegangen und 2017 vom Universitätsklinikum Freiburg gestiftet, feiert ihre Gründung am Dienstag, 23. Januar, nach. Sie wird seit November durch das Bundesministerium für Gesundheit gefördert. Sie ist vorerst angelegt für zehn Jahre mit einem Stiftungskapital von 100 000 Euro; der Bund gibt bis zu einer Million Euro im Jahr als institutionelle Förderung.