Forscher wollen dem Schönen auf den Grund gehen

Martin Schäfer

Von Martin Schäfer

Sa, 04. November 2017

Bildung & Wissen

In Frankfurt wird mit naturwissenschaftlichen Methoden die Wahrnehmung des Ästhetischen erforscht /.

Das Schöne kommt auf Umwegen. Mathias Scharinger steht auf der Bühne und erklärt den Testpersonen, wie sie sich verkabeln. Gleich geben Musiker ein Konzert, und der Neurolinguist Scharinger will herausfinden, wer unter den Zuhörern was wann genau schön daran findet. Dazu werden den Probanden jeweils eine Pulsuhr ums Handgelenk gelegt und zwei Elektroden an die Finger. Die zeichnen Herzfrequenz und Hautwiderstand als Maß für die Erregung auf.

Wir befinden uns im Art-Lab des Max-Planck-Instituts (MPI) für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main. Die Forscherinnen und Forscher wollen herausfinden, was das Schöne ausmacht – mit naturwissenschaftlichen und technischen Methoden. Damit sitzen sie ziemlich zwischen den Stühlen der Wissenschaftstraditionen. Denn Schönheit messen? Darüber können Geisteswissenschaftler, gewöhnlich fürs Schöne zuständig, nur den Kopf schütteln. Naturwissenschaftler wiederum interessieren sich für solche Aspekte des Lebens überhaupt nicht: alles zu subjektiv und schlecht objektivierbar.

Doch genau das soll im Art-Lab geschehen. Gleich treten der Tenor Rafael Bruck und die Pianistin Lea Fink auf die Bühne. Bruck rezitiert zunächst ein Gedicht, dann singt er dessen Liedfassung. Die rund 40 verkabelten Probanden müssen während des Stücks auf einem Display ihren Stimmungswert per Fingerzeig dokumentieren. Danach gibt’s Bewertungen nach Schulnoten: War der Text, der Gesang harmonisch, beruhigend, aufregend, abschreckend? 20 Kategorien, teils mit überlappender Bedeutung, haben sich die Forscher ausgedacht.

Elf Gedichte und deren Vertonungen aus der Literaturepoche der Romantik trägt Bruck vor. Dann sind die zwei Stunden auch schon vorbei. Kameras und Mikrophone im Akustikraum haben zusätzlich jede Regung im Publikum während dieses Forschungskonzerts aufgezeichnet. Jetzt können die Forscher um den Literaturwissenschaftler und Direktor Winfried Menninghaus an die Auswertung der Daten gehen.

Menninghaus ist einer der drei Direktoren des 2012 eingerichteten MPI für empirische Ästhetik. Ihm geht es um die Wirkung von Texten auf Menschen. Seine Kollegin Melanie Wald-Fuhrmann untersucht, wie die Musik wirkt, und MPI-Direktor David Poeppel interessiert sich für die Hirnaktivitäten während des ästhetischen Genusses von Sprache und Musik und dafür, wie sich Sprachstrukturen im Gehirn ausbilden.

Der Gedicht- und Liederabend mit romantischen Stücken von Mörike bis Eichendorff beispielsweise soll zeigen, wie sich Text und Musik im Erleben der Zuhörerinnen und Zuhörer unterscheiden und worauf diese Unterschiede zurückzuführen sind. Die jetzt vorgetragenen Stücke aus der Zeit der Romantik waren dabei noch vergleichsweise einfacher Genuss. Vergangenen November stand Kurt Schwitters "Ursonate" auf dem Programm, eine eher brachial klingende dadaistische Mischung aus Lauten. Der Laut-Sprecher, Musiker und Performer Michael Schmid rezitierte gekonnt die "Ursonate" mit ihren "Fümms bö wö tää zää Uu". Frei und stilsicher, denn er führt das alles zum vielleicht 90. Mal auf. Verhaspelt hatte er sich nicht, baute aber das Wort "Trump" ein, als es in der Folge der Laute martialischer zuging.

"Schwitters ist hier näher an der Musik", erklärt Menninghaus die Versuchsanordnung. Und Kollege Scharinger fügt hinzu: "Wir wollten ganz bewusst die semantische Ebene ausschalten; uns also rein auf die Tonebene fokussieren." Die Forscher vermuten nämlich, dass es in Gedichten nicht nur ästhetische Kriterien wie Versmaß und Reim gibt, sondern dass – wie in der Musik auch – die Sprachmelodie eine Rolle spielt.

Diesen Gesetzmäßigkeiten – "was macht ein Gedicht oder einen Text schön" – sind die Forscher auf der Spur. Erste Ergebnisse liegen schon vor: Es gibt eine spezifische Sprachmelodie für Gedichte. "Es ist sehr viel mehr als Metrum und Reim", sagt Menninghaus. "Und das Coolste: Genau die Gedichte mit ganz spezifischen Eigenschaften der Melodie wurden von Komponisten vertont." Dichter haben offensichtlich ein Gespür dafür, wie die Organisation der Worte einen Melodie-Effekt ergibt.

"Egal, welche Texte wir lesen oder hören – unser Körper schlägt immer aus", erklärt Menninghaus. In anderen Teststudios erhalten Probanden daher beispielsweise eine Elektrodenhaube für ein EEG (Elektroenzephalogramm), um Gehirnströme zu messen. Oder der Blickverlauf beim Anschauen von Filmen oder beim Lesen eines Gedichts wird verfolgt. Minikameras zeichnen gar auf, wann sich Gänsehaut bildet und sich die kleinen Härchen aufrichten.

Natürlich sind "Ästhetik" und die Wissenschaft vom "Geschmack" ein dickes Brett, das die Forscher bohren. Sie nähern sich von zwei Seiten: Bei den Studien in den Testräumen sammeln sie objektive Daten über Körperreaktionen. Diese werden mit Aussagen der Probanden – meist als Fragenkatalog nach dem Erlebnis etwa eines Konzertes – abgeglichen. Eine Fragestellung war, ob sich Freude und Trauer beim Kunstgenuss gegenseitig aufheben. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Je mehr Tränen fließen, desto größer der Genuss, fasst Menninghaus zusammen. Wesentlich ist das Kriterium des "Bewegtseins". Diese Vermutung hatten schon antike Philosophen wie Aristoteles, die über Ästhetik nachgedacht haben.

Interessantes ergab auch eine Studie zu Trash-Filmen, beispielsweise von "Sharknado", in dem Tornados voller Haie übers Land ziehen. Wer schaut sich das an? Erstaunlicherweise überdurchschnittlich Gebildete. Sie sind im Schnitt 35 Jahre alt, wählen oft das TV-Programm von Arte, gehen ins Theater und in Museen und sehen sich gern "Anti-Filme" wie eben "Sharknado" an. Es bereitet ihnen Spaß und Lust, diese Trash-Filme mit ironischer Distanz anzuschauen. Wichtig sind dabei Klischees oder Anspielungen auf Bekanntes. Dieses Vorwissen, diese Vertrautheit mit dem Stoff, auch Familiaritätsprinzip genannt, zählt laut den Forschern generell zu den wichtigen Einflussfaktoren für den ästhetischen Genuss.