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30. Oktober 2010

Kleiner Käfer Nimmersatt

Nicht nur der Wald hat dem Borkenkäfer wenig entgegenzusetzen, auch der Wissenschaft zeigt er Grenzen auf.

  1. Lieblingsfutter des Borkenkäfers – eine befallene Fichte Foto: dpa

  2. Foto: Naturhistorisches Museum

  3. Nicht größer als ein Reiskorn, aber kriegt ganze Bäume klein: ein Buchdrucker-Borkenkäfer Foto: ddp

  4. Das typische Gangmuster eines Borkenkäfers unter der Rinde. Foto: dpa

Was passiert, wenn man ihm freie Hand lässt, kann man im Bayerischen Wald beobachten. 4500 Hektaren Wald, eine Fläche, die der neunfachen des Schluchsees entspricht, sind dort dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen, seit man ihm nicht mehr länger ins Handwerk pfuscht. Rund ein Fünftel der Nationalparkfläche mussten dran glauben, seit man den Wald einfach so sein und sterben lässt, wie er ist.

Dran glauben musste dabei auch die Harmonie unter den bayerischen Naturfreunden – nicht jeder möchte sich mit einem Massensterben der Bäume abfinden. Eine "Bürgerbewegung zum Schutz des Bayerischen Waldes" kämpft inzwischen gegen das Laisser-faire im Nationalpark. Die Park-Verwaltung hält dem entgegen, dass die Natur selbst mit dem Schädling eigentlich ganz gut klar käme – "nur der Mensch hat heute seine Probleme damit". Schließlich sähen die Kämme und Hänge gegenwärtig nicht viel anders aus, als es Carl Wilhelm von Gümbel, einer der bedeutendsten Geologen seiner Zeit, 1869, als der Wald ebenfalls in den Hochlagen nicht bewirtschaftet wurde, gesehen und beschrieben habe.

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Demnächst könnte sich das allerdings ändern, denn Japanische Edelkastanien-Gallwespe und Obstbaumzünsler kannte Carl Wilhelm von Gümbel noch nicht. Der Klimawandel hat den europäischen Wäldern neue Eindringlinge beschert. Bis in die Schweiz und nach Frankreich haben die beiden es schon geschafft, und damit ist Bayern nicht mehr weit.

Kein Wunder, dass bei den Forstwissenschaftlern die Alarmglocken läuten. In Freiburg haben sie sich kürzlich auf Einladung der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg auf einer Tagung versammelt, um die Gefahren zu besprechen, die dem Wald von großen und kleinen Lebewesen in den Zeiten des Klimawandels drohen. Und um zu planen, wie sie der drohenden Schädlingsinvasion begegnen können.

Mit dabei sind Forstwissenschaftler, Insektenforscher, Pilzkundler und Mikrobiologen aus 19 verschiedenen Ländern – man versucht, mit vereinten Kräften alle erdenklichen Informationen zusammenzutragen. Zumindest eines steht schon fest: Fürs Erste bleibt der Borkenkäfer als Hauptschädling im deutschen Wald konkurrenzlos – denn der Edelkastanien-Gallwespe und dem Obstbaumzünsler ist es hier vorerst nicht warm genug.

Der Steckbrief ihres Hauptfeindes ist den Waldwissenschaftlern aber schon wohl bekannt: Borkenkäfer sind weltweit mit knapp 5000 Arten vertreten und hauptsächlich an Nutzhölzern interessiert. Die beiden forstwirtschaftlich interessantesten Arten sind der zwei Millimeter große Kupferstecher und sein Verwandter der Buchdrucker, der mit etwa fünf Millimetern nicht größer als ein Reiskorn ist.

Beide sind dunkelbraun, stark behaart und tragen auf ihrem Panzer ein auffälliges Punktemuster. Beide wirken zunächst eher behäbig, bewegen sich jedoch unerwartet schnell und wendig. Der Buchdrucker befällt die Baumstämme, während der Kupferstecher die Kronen von Bäumen besiedelt. Die kleinen Kerle teilen sich also ihr Wohnobjekt und Opfer.

Bevorzugt erwischt es Fichten. Die weiblichen Käfer bohren sich durch deren Borkenschicht, nagen senkrechte Gänge zwischen Baum und Borke, um im darunter liegenden Gewebe ihre Eier abzulegen. Dieses sogenannte Bastgewebe ist für den Baum aber ein hochsensibler Bereich. Es enthält die Adern der Bäume, die Leitungsbahnen für Wasser und die darin gelösten Mineralstoffe.

Gefährlich wird es für den Baum, wenn sich die aus den Eiern schlüpfenden Larven und die Jungkäfer von dem senkrechten Gang seitlich weg ins Gewebe fressen und dabei diese Leitungsbahnen zerstören. Im schlimmsten Fall werden so viele durchtrennt, dass der Baum sich nur noch eingeschränkt mit Wasser und Nährstoffen versorgen kann. Geschwächten Bäumen kann deshalb schon eine geringe Käferzahl den Garaus machen.

Vitale Fichten verfügen über einen Abwehrmechanismus gegen die Eindringlinge. Sie sondern vermehrt ihr klebriges Harz bei Angriffen ab. Entweder erstickt der Käfer daran, oder er wird herausgeschwemmt. Bei diesen vitalen Fichten sind also viele Borkenkäfer auf einmal nötig, um den Baum zu erobern, die sich gegenseitig per Lockstoff zur Hilfe rufen. Bei geschwächten Bäumen reichen jedoch schon wenige Käferpärchen, um den Baum zu zernagen.

Die betroffenen Bäume sterben innerhalb von kurzer Zeit ab. Man erkennt dies zuerst am ausgeworfenen Bohrmehl, dann an den rotbraun verfärbten Nadeln, die abfallen. Zum Schluss steht der Baum vollkommen nackt da.

"Momentan ist die Lage entspannt, dem Schwarzwald geht es gerade gut. Die letzte Käfer-Welle ist schon sechs Jahre her", beruhigt Hansjochen Schröter von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) Freiburg bei einem Rundgang über den Feldberg. Die Ursache? Auch der Borkenkäfer ist ein empfindlicher Zeitgenosse. Dieses Jahr war der Frühling kalt, und der Sommer regenreich. Das mögen weder Käfer noch Mensch. Es gab daher dieses Jahr glücklicherweise nur eine Generation der Schädlinge. Theoretisch sind im Schwarzwald bei günstigen Bedingungen drei Generationen pro Saison möglich.

Was das bedeutet, möchte man sich gar nicht ausmalen: Ein Weibchen hat im Schnitt 60 Nachkommen. Rechnet man die Kinder, Enkel und Urenkel einschließlich der Geschwisterbruten mit ein, kann ein Pärchen in einem Sommer bis zu 100 000 Nachkommen produzieren.

Die diesjährige Situation stellt kein Problem dar, weil der Borkenkäfer auch natürliche Gegenspieler wie Spechte oder Pilze hat. Spechten dienen die Larven und Käfer als Nahrung, und Pilze können in den Populationen Krankheiten auslösen. Gemeinsam sind sie in der Lage, eine Käfergeneration in Schach zu halten. Sobald aber Stürme oder Trockenheit die Erzeugung einer zweiten und dritten Generation ermöglichen, kann die Lage außer Kontrolle geraten.

Rückblende: Im Jahr 1990 wütet der Orkan "Wiebke", er hinterlässt einen forstwirtschaftlichen Milliardenschaden und eine Menge leichte Beute für den Borkenkäfer. Auch der Orkan "Lothar" zieht 1999 eine Käferwelle nach sich. Geschwächte oder tote Bäume können sich nicht wehren, und der Borkenkäfer kann ungehindert über das Holz herfallen. Weil das Fallholz so zur perfekten Brutstätte wird, sind Stürme ein gefürchteter Faktor in der Forstwirtschaft.

Ein weiterer Gefahrenfaktor für eine Massenvermehrung des Borkenkäfers ist Trockenheit: Nur wenn Fichten genügend Wasser haben, sind sie in der Lage, den Borkenkäfer gut abzuwehren. Eine Hitzeperiode schwächt ihre Abwehrmechanismen, und der Schädling kann sie mit wenig Aufwand erobern.

Weil durch den Klimawandel Hitzeperioden heute bereits häufiger und Stürme heftiger sind als jemals zuvor, droht die Lage an der Borkenkäferfront in Zukunft wahrscheinlich wieder kritisch zu werden. Damit sind die Waldwissenschaftler und geeignete Gegenmaßnahmen gefordert: "Es findet hier ein gutes Monitoring statt", erklärt Schröter. So nennen es die Forscher, wenn sie ein Gebiet gründlich beobachten. Das tun sie, indem sie Fallen mit Sexuallockstoffen für Borkenkäfer auslegen und die gefangenen Käfer zählen.

Leider mangelt es anschließend an Eingriffsmöglichkeiten: Befallenes Holz wird geschlagen und abtransportiert, man spricht dann von sogenannten Sanitärhieben. Teure Pflanzenschutzmittel sind nur im Katastrophenfall für bereits gefälltes, aufgeschichtetes Holz erlaubt.

Da die Abholzung als Maßnahme gegen den Borkenkäfer allenfalls eine kurzfristige Lösung ist, soll dem nun langfristig der Appetit am Schwarzwald verdorben werden. Statt der bei Käfern besonders beliebten Fichten, ist die Anpflanzung anderer Baumarten im Gespräch, die den Widrigkeiten des Klimawandels besser standhalten. Als Kandidatin gilt die Douglasie, weil sie besonders resistent gegen Trockenheit ist und weniger Wasser benötigt.

Aber auch Douglasien sind nicht immun gegen den Borkenkäfer und daher keine Garantie für einen gesunden Wald. Denn der Käfer ist ein Opportunist: Eine Studie belegt, dass er auf Ersatznahrung umsteigen kann, wenn man ihm sein Lieblingsfutter nimmt. Man sollte es sich mit den Gegenmaßnahmen also gut überlegen. Denn erst als der Mensch mit den großflächigen Fichten-Monokulturen im Wald Hand anlegte, wurde der Borkenkäfer zum Problem. Im gesunden Mischwald ist er nur ein Schädling unter vielen. Womöglich käme er auch bei einem Überangebot an Douglasien auf den Geschmack. Und wenn nicht – dann fände sich bestimmt ein anderer Schädling.

Autor: Silke Engels