Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

17. März 2012

Mond und Schatten

Er war ein genialer Raketenbauer, aber auch ein Komplize des NS-Regimes: Vor 100 Jahren wurde Wernher von Braun geboren.

  1. m Foto: Michael Heilemann

  2. m Foto: Harold_Siegman

D ie Belegschaft für (. . .) Mittelteile- und Heckfabrikation könnte aus dem Häftlingslager F 1 gestellt werden." So lautete die Empfehlung einer Peenemünder Ingenieurskonferenz unter Vorsitz Wernher von Brauns am 25. August 1943. Damit begann dessen Verwicklung in eines der unmenschlichsten Programme des NS-Regimes, bei dem KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter für die Serienfertigung der V 2 genannten Rakete ausgebeutet wurden. Ein Jahr später, am 15. August 1944, teilte von Braun mit, er habe selbst im Lager Buchenwald "einige weitere geeignete Häftlinge ausgesucht."

Von diesen Vorgängen war keine Rede mehr, nachdem Wernher von Braun und eine Gruppe ausgesuchter Konstrukteure den Weg in die USA angetreten hatten. Dass leitende Peenemünder Ingenieure sich tief verstrickt hatten in den Terror eines barbarischen Regimes, wurde nach 1945 systematisch verdrängt und vertuscht. Erst archivgestützte Untersuchungen haben enthüllt, welche Rolle von Braun und seine verschworene Gemeinschaft von Raketenspezialisten tatsächlich gespielt haben. Am 25. August 1943 war eine Woche vergangen, seit die Briten die Heeresversuchsanstalt Peenemünde bombardiert hatten. Seit Mitte Juni existierte dort ein KZ mit 600 Häftlingen. Bei der SS angefordert zur "Lösung" des akuten Arbeitskräftemangels hatte sie Arthur Rudolph, technischer Direktor des Versuchsserienwerks der Heeresanstalt, NSDAP-Mitglied schon seit 1931. Sie wurden in einer Fertigungshalle eingesetzt, zunächst auch in ihr untergebracht. Vorher mussten sie einen Drahtverhau um sie ziehen, der elektrisch geladen wurde.

Werbung


Noch war von Braun mit ihrem Einsatz nicht direkt befasst. Seit 1937 technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt, hatte er im selben Jahr seine Aufnahme in die NSDAP beantragt, war 1940 der SS beigetreten. Nach den Erfolgen der ersten "Blitzkriege" stand die Zukunft des Raketenprojekts auf dem Spiel. Protektion konnte im "organisatorischen Dschungel des NS-Regimes" (so der Historiker Martin Broszat) von Nutzen sein. Denn Peenemünde war ein Mikrokosmos des "Dritten Reiches", keine "Traumwelt unter der Kontrolle der Wissenschaften", zu der Ernst Stuhlinger, von Brauns späterer Chefwissenschaftler, es nachträglich verklärte. Tatsächlich kam NSDAP-, SA- und SS-Mitgliedschaft in leitenden Positionen häufig vor. Aufgabenfixierte Rigorosität prägte die Haltung der Ingenieure; ethisches Denken ließen sie vermissen.

Am 3. Oktober 1942 hatte die V 2, damals A 4 genannt, ihren Erstflug absolviert. Nun begann Heinrich Himmler, sich für die Rakete zu interessieren. Mitte Dezember stattete er Peenemünde einen ersten, Ende Juni 1943 einen zweiten Besuch ab. Wernher von Braun trug aus diesem Anlass die schwarze Uniform der SS. Himmler verlieh ihm den Rang eines Sturmbannführers (Majors), obwohl seine Beförderung zum Hauptsturmführer (Hauptmann) erst ein halbes Jahr zurücklag. Anderthalb Wochen später ernannte Hitler ihn auf Initiative von Rüstungsminister Speer zum Professor. 31-jährig war Wernher von Braun damit auf dem Zenit seines Erfolges im "Dritten Reich" angelangt. Sein Name stand für ein Geschoss, an dem sich die Phantasie der Techniker wie der Nazis gleichermaßen entzünden konnte. Zwar ließ die verfügbare Steuerungstechnik lediglich eine breit streuende Terrorwaffe zum Einsatz gegen Ziele wie London oder Antwerpen zu. Doch mit der Verschlechterung der Kriegslage setzte bei der NS-Spitze eine Flucht in die Illusion ein: Mittels "qualitativer Rüstung" hoffte man, die Überlegenheit der Gegner in letzter Minute zu kompensieren. Gleichzeitig reduzierte der Aderlass der Niederlagen an der Ostfront das Arbeitskräftepotential der Rüstungsindustrie. Sklavenarbeit hieß die Devise, mit der das NS-Regime dem Problem beizukommen suchte: Zwangsverpflichtung Kriegsgefangener, Verschleppung von Ausländern aus den besetzten Gebieten, schließlich Einsatz von KZ-Häftlingen.

Die britischen Bomben auf Peenemünde hatten die Verwundbarkeit der geplanten Raketenfertigung demonstriert. Nach dem Luftangriff ordnete Hitler die Untertageverlagerung der V 2-Produktion an. Von Braun leitete eine Ingenieurskonferenz, die laut Protokoll zu der eingangs zitierten Empfehlung gelangte. Mit äußerstem Tempo wurde die Schaffung unterirdischer Werke in Angriff genommen. Am 28. August 1943 trafen erste Buchenwald-Häftlinge am Kohn-steinmassiv im Harz nahe Nordhausen ein. Sie bildeten das Außenkommando Dora, 1944 umgewandelt in das KZ Mittelbau. Am 13. Oktober wurden auch die meisten Peenemünder Häftlinge nach Dora transportiert. Bis Ende 1943 war die Gesamtzahl auf 11 000 angewachsen. Unter schwerster körperlicher Beanspruchung, mangelhafter Ernährung, ständigen Misshandlungen und unsäglichen hygienischen Bedingungen begannen sie mit dem Stollenvortrieb zum Aufbau der Untertagefabrik "Mittelwerk". Zum Betriebsdirektor des "Mittelwerks" wurde Arthur Rudolph ernannt.

Allein bis Ende März 1944 verloren zwischen 2700 und 2900 Häftlinge ihr Leben, nicht gerechnet drei Liquidierungstransporte nach Majdanek und Bergen-Belsen mit je 1000 selektierten Kranken und Invaliden. Am Ende sollte die Zahl derjenigen, die im Lagerkomplex Mittelbau-Dora, auf Liquidierungs- oder Evakuierungstransporten vernichtet wurden, zwischen 16 000 und 20 000 Menschen betragen.

Unterirdische Anlagen zur Treibstofferzeugung und Triebwerksprüfung entstanden in Mittelösterreich (Redl-Zipf, Tarnname "Schlier"), außerdem an der Grenze zwischen Thüringen und Bayern bei Lehesten (Tarnbezeichnung "Mitte"). Hier wie dort setzte die SS Häftlinge aus Mauthausen ein, ebenso bei der Aussprengung jener unterirdischen Fabrik im Salzkammergut bei Ebensee mit dem Tarnnamen "Zement". Über 8200 Häftlinge starben bis Mai 1945 im Lager "Zement"; zwischen 2000 und 3000 Schwerkranke wurden abtransportiert, fast alle in den Tod. Bei Besuchen im Kohnsteintunnel im Oktober und Ende November 1943 bekam von Braun die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Häftlinge zu Gesicht. Dennoch unterbreitete er Mitte November Zahlen für den Einsatz zusätzlicher Häftlinge an den Standorten "Mitte" und "Schlier". Ebenso wirkte von Braun mit an den Planungen für "Zement".

Während die überlebenden Insassen von Mittelbau-Dora zu Evakuierungsmärschen gezwungen wurden, die sich unter infernalischen Bedingungen abspielten, wurden die Peenemünder Konstrukteure aus dem Harz ins Allgäu verlagert. In idyllischer Lage warteten sie hier das Ende des "Dritten Reiches" ab. Schließlich hatten sie dem Westen etwas zu bieten. Und in der Tat: Nach dem Ausbruch des Koreakrieges durften sie in Huntsville, Alabama, wieder Raketen bauen, jetzt mit Kernsprengköpfen: die Redstone, 1958 in der Bundesrepublik aufgestellt; die Jupiter, zwei Jahre später in Italien und der Türkei stationiert, nach der Kuba-Krise wieder abgezogen.

Als die Vanguard-Rakete, die den sowjetischen Sputnik-Triumph wettmachen sollte, versagte, standen von Braun und sein Team bereit: Am 31. Januar 1958 bescherten sie ihrer neuen Heimat den Satelliten Explorer I. Im April 1961 erlebte die Sowjetunion mit Juri Gagarins Weltraumflug einen gewaltigen Triumph und die neue Regierung Kennedy mit dem Scheitern der Schweinebucht-Invasion auf Kuba ein Desaster. Als "Chance, die Russen zu schlagen", verkündete Kennedy kurz darauf das Projekt einer bemannten Mondlandung "noch vor Ende dieses Jahrzehnts". Die Zuständigkeit für die Konzipierung der Trägerrakete Saturn erhielt das George Marshall-Raumfahrtzentrum der Nasa, geleitet durch Wernher von Braun. Zum Saturn-Programmdirektor avancierte Arthur Rudolph. Am 20. Juli 1969 gelang die Landung im Mare Tranquilitatis. Der Wettlauf war entschieden. Von den Lorbeeren profitierte von Braun, zu Lebzeiten gefeiert als "Kolumbus des Alls", wie kein anderer. Eineinhalb Jahrzehnte zuvor, 1952, hatte er für westliche "Weltraumüberlegenheit als Weg zum Weltfrieden" plädiert. Eine atomraketenbestückte Raumstation sollte über dem "potentiellen Gegner" kreisen und ihn in Schach halten. Sonst würde er "uns mit seiner totalitären Verfügungsgewalt über Ingenieurskompetenz und seinem Massenaufgebot an Sklavenarbeit übertrumpfen." Ingenieurskompetenz und Sklavenarbeit: Diese "effektive" Peenemünder Mischung hatte sich offenkundig in von Brauns Gedächtnis eingegraben.

– Rainer Eisfeld verfasste das Buch "Mondsüchtig – Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei", zu Klampen Verlag, 2012, 296 Seiten, 28 Euro.

ZUR PERSON: WERNHER VON BRAUN

Geboren am 23. März 1912, begeisterte sich von Braun bereits früh für Raketentechnik. Er entwickelte für Hitler die V2, nach 1945 baute er in den USA Raketen. Von 1959 bis 1972 war er bei der Nasa, zuletzt als deren stellvertretender
Direktor. Wernher von Braun starb 1977.  

Autor: BZ

Autor: Rainer Eisfeld