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12. November 2011

Was Kolumbus verpasste

Was tat sich vor Amerikas Entdeckung auf dem Kontinent? Viel mehr als man bisher dachte, stellt sich nun heraus.

  1. Monument indianischer Hochkultur auf 2360 Metern Höhe: Die Inka-Stadt Maccu Picchu. Unten: Speerspitze der Urindianer, die Michael Waters in den Überresten eines Mastodons fand Foto: Andrea Schiffner/DAPD

  2. Handout Foto: Center for the Study of the First Americans, Texas A&M University

Die Urbevölkerung Amerikas hat weit über 10 000 Jahre lang ihren Kontinent bewohnt, bewirtschaftet und fruchtbar gemacht – bis Christoph Kolumbus im Jahr 1492 seinen Fuß auf eine vorgelagerte Insel setzte und die Eroberung durch die Europäer begann. Vieles ging im Zuge dieser Eroberung und Europäisierung verloren. Die altamerikanischen Kulturen galten als rückständig gegenüber der "alten Welt". Der historischen Forschung wird aber zunehmend bewusst, welch reichhaltige Schätze dort noch zu holen sind. Diese Schätze lassen sich nicht in Gold aufwiegen, sondern sind ganz anderer Natur.

In Nord- und Südamerika haben sich über Tausende von Jahren – unbeeinflusst von Europa und Asien – parallele Kulturen gebildet. Städte, Stämme, Staaten kamen und vergingen. Kunst in Form von Schrift und Musik entwickelte sich ebenso wie Landwirtschaft und Politik. Was hielt die Staaten zusammen, wie richteten sich die Menschen in ihrer Umwelt ein, und was lässt sich heute daraus lernen? Das sind Fragen, die sich ganz verschiedene Wissenschaftszweige stellen. "Hätte es nicht die amerikanischen Indianer gegeben, wüssten wir nicht, dass Städtebau, Staatsreligion, Schrift und Staatenbildung zu einem universellen Potenzial des Menschen zählen", sagt der US-Anthropologe Dean Snow von der Pennsylvania State University.

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Wurde Amerika viel früher besiedelt als bisher gedacht?

Der Kontakt beider Parallelgesellschaften ging bekanntermaßen für die Indianer negativ aus. Ausschlaggebend waren die eingeschleppten Krankheiten der spanischen Eroberer. Masern und Grippe verbreiteten sich in weiten Teilen des Kontinents schneller, als die Konquistadoren vorankamen. Schon bald nachdem die Eroberer das Land betraten, sah vieles schon ganz anders aus als in der Zeit vor 1492. Berichte der Spanier, Schriften der indigenen Völker sowie archäologische Funde sind die Zeitzeugen, mit denen Forscher die Ära vor Kolumbus rekonstruieren. Mitunter stoßen sie auf Befunde, die bislang Geglaubtes über den Haufen werfen.

Das fängt schon mit der immer noch offenen Frage an, wann und wie Amerika besiedelt wurde. Bereits 1937 fanden Forscher nahe des Ortes Clovis im US-amerikanischen Bundesstaat New Mexiko Speerspitzen, die sie auf ein Alter von 12 000 Jahren datierten. Lange Zeit galt diese "Clovis-Kultur" – die nach 500 Jahren Bestand aus unbekannten Gründen zusammenbrach – als ältester Beleg für Menschen in Amerika. Bis US-Forscher Tom Dillehay in Südchile Spuren fand, die 14 500 Jahre alt waren. Dillehay rechnete zurück: Die Wanderer entlang der Küste von Alaska bis zum Fundort in Chile mussten rund 3000 Flussmündungen überqueren. Jede Flussmündung lädt zum Verweilen ein. Macht plus 5000 Jahre. Die ursprünglichen Jäger und Sammler müssten also vor 20 000 Jahren über die Beringstraße gekommen sein.

Zwar gibt es auch zahlreiche alternative Routenvorschläge für die Erstbesiedelung Amerikas: über den Pazifik, von Afrika über den Atlantik oder südlich von Grönland vorbei nach Nordamerika. Allerdings schließe das "Trinkwasserproblem die direkten Meeresrouten allesamt aus", so der Stuttgarter Archäologiejournalist Michael Zick, der die Besiedlung beider Amerikas in seinem neuen Buch "Die rätselhaften Vorfahren der Inka" beschreibt. Die meisten Forscher favorisieren die Route über die Beringstraße, sei es zu Fuß über Land oder auch teilweise per Boot entlang der Küste.

Die Beschäftigung mit der Landnahme vor 20 000 Jahren brachte Dillehay überraschend eine Anfrage der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa ein: Mit den Weltraumforschern diskutierte er Mannschaftsstärke und Einsatzdauern bei der Eroberung neuer Welten – etwa dem Mars.

Im vergangenen Frühjahr berichteten dann amerikanische Forscher um Michael Waters von der Texas A&M Universität in College Station im Fachmagazin Science über einen eindeutigen Fund von Steinwerkzeug nördlich der texanischen Stadt Austin. Sie datierten die Keile und Abfallschnipsel auf ein Alter von 15 500 Jahren. Mit dem Verfahren der optisch stimulierten Lumineszenz konnten sie nachweisen, wann diese Steine das letzte Mal auf offenem Erdboden gelegen hatten und Licht auf bestimmte Mineralien fiel.

Im Oktober legte Michael Waters nochmal nach: Er und seine Kollegen bestimmten das Alter eines Knochens eines Mastodons, einer Art amerikanischem Mammut, mitsamt einer darin steckenden Speerspitze, die ebenfalls aus einem Mastodonknochen gefertigt war, auf 13 800 Jahre. Damit hätten prähistorische Jäger auf dem Terrain des heutigen US-Bundesstaats Washington schon einige tausend Jahre vor der Clovis-Kultur die riesigen Rüsseltiere und anderes Großwild in Nordamerika dezimiert. Von dem Großwild blieb nichts übrig. Und auch die US-Forscher müssen sich nun endgültig von ihrer Clovis-First-Theorie verabschieden, der zufolge die Clovis-Kultur auf US-amerikanischem Boden gewissermaßen der erste Fußabdruck des prähistorischen Menschen auf dem amerikanischen Kontinent darstellt.

Aber die Wissenschaftler müssen nicht nur diese Meinung korrigieren. Sie schicken sich auch an, zwei weitere Lehrbuchbefunde zu revidieren. Erstens legen jüngere Ausgrabungen nahe, dass die Besiedelung in Amerika ursprünglich deutlich dichter war, als die Europäer sie später vorfanden. Und zweitens scheinen die Ureinwohner ihre Umwelt viel aktiver beeinflusst zu haben als gedacht, wenngleich ihre Art von Landwirtschaft eher dem Gartenbau ähnelte und nach heutigen Maßstäben als nachhaltig zu bezeichnen wäre. Das betrifft insbesondere die Amazonasregion. Denn sollten sich neuere Erkenntnisse bestätigen, fanden die Europäer nicht, wie sie meinten, urwüchsigen Regenwald vor, in Wahrheit handelte es sich um sich selbst überlassenen Nutzwald.

Meist beschäftigten sich Forscher mit den Hochkulturen und ihren sichtbaren Hinterlassenschaften. "Die Azteken haben noch nach Millionen gezählt, ihre großen Städte hatten Hunderttausende Einwohner", sagt Altamerikanist und Lateinamerikaspezialist Nicolai Grube von der Universität Bonn. Dort haben die Spanier noch große Bevölkerungsteile angetroffen. Im unwegsamen Amazonasregenwald sah das anders aus. "Pest, Masern, Grippe, die ganz normalen Erkältungskrankheiten eilten den Eroberern voraus", sagt Grube. "Wir müssen davon ausgehen, dass die Bevölkerung deutlich größer war, eine sehr dicht besiedelte Landschaft, in der die Menschen mit dem Wald gelebt haben."

Ein "ganz breiter Gürtel von Bolivien bis zur Amazonasmündung" sei dicht besiedelt gewesen. Ein großangelegtes deutsches Forschungsprojekt gräbt derzeit Siedlungsreste im bolivianischen Amazonastiefland aus. Die Siedlungen – zwischen Christi Geburt und der Ankunft der Spanier bewohnt – weisen sogar Befestigungsanlagen auf. "Allerdings keine spektakuläre Architektur, daher wurden sie immer übersehen", sagt Grube.

Die dichte Besiedelung muss eine Art Landwirtschaft vorausgesetzt haben, erklärt Grube. "Wir haben immer das Bild des edlen Wilden vor Augen", sagt der Archäologe. Die Indianer hätten aber sehr stark in die Natur eingegriffen. Der Amazonasregenwald ist heute Sekundärwald. Die Einflüsse von damals seien noch heute zu sehen: Eine ganze Reihe an Nutzpflanzen wie der Brotnussbaum, wilder Kakao oder bestimmte Hartholzarten kommen in anderen Häufigkeiten vor, als es der natürlichen Verbreitung entspricht.

Allerdings sind die Lebensumstände im Amazonasgebiet nur schwer zu rekonstruieren. Bruno Glaser, Bodenkundler an der Universität Halle, geht davon aus, dass die Indianer auf dem eigentlich extrem nährstoffarmen Regenwaldboden eine Art Gartenwirtschaft betrieben. "Sie haben mit der Natur gewirtschaftet und sämtlichen Abfall hausnah deponiert", sagt Glaser – auch die Exkremente. Über Jahre und Jahrzehnte sammelte sich so eine fruchtbare Bodenschicht an, die wiederum durch die Rückstände von fortwährend glimmenden Schwelbränden mit verkohlten organischen Substanzen angereichert wurde.

Letztendlich nachhaltig war das Verfahren trotzdem nicht. Denn die europäischen Eroberer stießen bei ihrem Eintreffen im Amazonasgebiet laut historischen Zeugnissen nur noch auf versprengte Jäger und Sammler, die von der Hand in den Mund lebten. Die Landwirtschaft hatten sie aufgegeben.

Autor: Martin Schäfer