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19. Oktober 2011

Am Ende der Schrift

Der Medientheoretiker Friedrich Kittler ist gestorben.

  1. Friedrich Kittler Foto: imago

Seine Freiburger Habilitationsschrift Aufschreibesysteme bezeichnete er in einem Interview als ein Ergebnis von "Mannesmut". In der Tat waren die Radikalität und Schärfe seines Denkens herausfordernd für traditionelle universitäre Institutionen, die Wissen nicht nur entfalten, sondern auch kontrollieren. Dabei beruhte seine Relektüre der literarischen Tradition auf einem umfassenden philosophischen Wissen. Nietzsche und Heidegger bildeten hier Epizentren ebenso wie Foucault, Derrida, Lacan, mit deren Augen er sich Freud zuwandte und zugleich den Theoretikern der Macht Ernst Jünger und Carl Schmitt. Fundamental neu war, dass er diese Tradition auf der Grundlage informations- und medientheoretischer Überlegungen deutete. Noch seine letzten Arbeiten über "Musik und Mathematik. Hellas 1/2" und das Medienprojekt "Musen, Nymphen und Sirenen" verbinden die Orientierung an der antiken Literatur mit medientheoretischer Reflexion.

Die Überlegung, dass die Literatur Dokument und Effekt des Medienwandels zugleich ist und dass die Medien erst schaffen, was wir am Ende für unsere eigene Identität halten, bildet den Kern von Kittlers Schriften. Alle Medien, auch die Schrift der Literatur sind für ihn Regelmechanismen, die individuelle Erfahrungen modellieren. Deshalb verbindet er den technischen Medienbegriff mit der poststrukturalistischen These, dass menschliche Subjektivität, wie unsere Vorstellung vom Subjekt überhaupt, wesentlich von außen gesetzt ist. Unter diesem Blickwinkel beschreibt er in "Aufschreibesysteme 1800/1900" die Entwicklung des Schriftmonopols um 1800 und die Entstehung der Aufschreibesysteme um 1900. Auf der Ablösung der Oralität durch die Schrift beruhen nicht nur der moderne Begriff des Autors und das Rechtsinstitut des Urheberrechts, sondern auch die Neuorientierung der Universität. Die dieser Entwicklung zugrunde liegende Auffassung einer autonomen Originalität des zur Schrift begabten Individuums aber ist für Kittler letztlich eine metaphysische Annahme abendländischer Kultur. Sie wird durch die Entstehung der Aufschreibesysteme um 1900 infrage gestellt. Die neuen Medien gehen nicht nur aus einer Analyse psychophysischer Phänomene hervor, durch ihre experimentellen Strategien lassen sie sowohl die Einheit der Wahrnehmung als auch die Vorstellung einer kohärenten Welt als illusionär erscheinen. Damit verliert die Literatur ihre ursprüngliche Bedeutung, ihre "Ersatzsinnlichkeit" wird von anderen Medien, am Ende vor allem den Bildmedien, befriedigt. In "Grammophon, Film, Typewriter" entfaltet Kittler diese neue Rolle der technischen Medien.

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Wegweisend ist auch sein Blick über die Literatur hinaus. Lange vor Second Life und Facebook beschreibt Kittler in seinem frühen Aufsatz über "protected mode" die Bedingungen einer medial konstituierten Gesellschaft, die durch technische Konditionierung zwischen der Realität und ihrer medialen Vermittlung zu unterscheiden verlernt hat. Gestern ist Friedrich Kittler im Alter von 68 Jahren gestorben.

Autor: Rolf G. Renner