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12. Dezember 2014 00:12 Uhr

Kontrollverlust

Blogger Michael Seemann über Strategien für die digitale Welt

Wie bewegt man sich in einer Welt, in der alles digitalisiert wird? Der Blogger und Netztheoretiker Michael Seemann hat Strategien für das neue Spiel in einer Welt nach dem digitalen Kontrollverlust entwickelt.

  1. Informations- oder Machtzentrale: das Google-Datencenter in Dalles (Oregon) Foto: dpa

  2. Michael Seemann Foto: Ralf Stockmann

BZ: Sie betrachten die neue digitale Welt als Spiel. Sind die auf uns einströmenden Veränderungen dafür nicht viel zu ernst?
Seemann: Noch ein Bedrohungsszenario finde ich überflüssig. Bestätigt durch die Enthüllungen von Edward Snowden geht die vorherrschende Stimmung sowieso in die Richtung, dass die Zivilgesellschaft den Krieg um die digitale Welt bereits verloren habe. Ich finde es nicht hilfreich, nur auf den Überwachungsapparat zu starren und die neue Welt in kriegerischen Kategorie von Gewinnen und Verlieren zu denken. Viele Faktoren der Digitalisierung deuten darauf hin, dass die Karten insgesamt neu gemischt werden, auch in Bezug auf die heute bestehenden Machtverhältnisse. Die Realität empfinde ich nicht als so düster, wie sie zur Zeit gern beschrieben wird.

BZ: Und dieser neuen Realität sollen wir uns so stellen, wie Cortés sich damals der neuen Welt gestellt hat: Die Schiffe für die Rückkehr abbrennen und die prädigitale Welt als überkommenes Mittelalter betrachten...

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Seemann: …um nicht in Gefahr zu geraten, wie das nicht selten geschieht, Kritik mit Nostalgie zu verwechseln. Statt sich mit den Veränderungen zu befassen, trauert man der Vergangenheit hinterher. Dem setze ich meine Regel 0 entgegen: das Neue als etwas akzeptieren, das nicht mehr weggehen wird. Erst auf dieser Basis lassen sich in kritischer Weise sinnvolle Alternativen entwickeln.

BZ: Wir sollen uns auch davon verabschieden, Pläne zu schmieden. Die Zukunft wird nicht mehr geplant, sondern koordiniert. Was meinen Sie damit?
Seemann: Koordination ersetzt Planung nicht deshalb, weil die unmöglich geworden wäre, sondern weil Koordination in den meisten Situationen das geeignetere Mittel ist. Planung ist Festlegung, Koordination kann bedürfnisgerechter agieren.

BZ: Dafür muss ich die neue Welt aber erst von meinen Bedürfnissen in Kenntnis setzen – indem ich meine Daten einspeise. Haben Sie keinen Angst, dass Sie die Kontrolle über Ihre Daten verlieren?
Seemann: Das Problem sind nicht die Daten, sondern wer sie wie abfragt. Das Entscheidende ist die Abfrage, die sogenannte Query. Gibt es Query-Monopole, die unsere Aufmerksamkeit steuern können? Facebook kann durch seinen algorithmischen Newsstream jeden Tag knapp zwei Milliarden Bewusstseine beeinflussen. Es gibt nur ganz wenige Instanzen der Big-Data-Analyse, die uns wiederum unhinterfragbar erzählen, wie Gesellschaft funktioniert. Das Problem sind also nicht die Daten, sondern dass nur wenige Deutungsmonopole den entsprechenden Zugang haben, sie auszuwerten.

BZ: Wird Google uns am Ende alle kontrollieren?
Seemann: Das ist zu einfach gedacht. Zunächst hat uns Google durch seine Suchmaschine das Internet in zuvor nicht gekannter Weise erschlossen und zur Verfügung gestellt. Der Konzern stellt uns also ein Tool zur Verfügung, das uns mehr Kontrolle über unsere Informationsströme gibt, die Google wiederum für seine kommerziellen Zwecke abschöpft.

BZ: Ist das eine Grundlage für Vertrauen oder Grund zur Angst?
Seemann: Weder noch. Es ist eine Frage von Query-Monopolen. Solange Google nicht Monopolist ist und es Yahoo, Bing, Duckduckgo und andere gibt, kann Google nicht Eigensinn in den Vordergrund stellen, ohne Nutzer an andere zu verlieren. Die Suchmaschine kann man problemlos wechseln.

BZ: Und bei Facebook...
Seemann: ...ist es schwieriger, weil bei einem Wechsel womöglich die sozialen Kontakte verloren gehen. Trotzdem glaube ich, dass zurzeit die User noch mehr von solchen Plattformen profitieren, als umgekehrt. Meiner Meinung nach ist das auch eine der Geschäftsgrundlagen für solche Anbieter. Tatsächlich ist zurzeit sogar eher der Umgang mit der Stärkung des Einzelnen problematisch. Es sind oft nicht die Institutionen oder die Plattformen sondern wir selber, die uns mit gegenseitigem Mobbing und Kleinkriegen das Leben zur Hölle machen.

BZ: Wer kann da helfen? Die Bedeutung und Macht von Staaten sehen Sie durch die Digitalisierung massiv schwinden. Wie wird sich die Zivilgesellschaft dann organisieren?
Seemann: Meiner Meinung nach ärgerlicherweise gerade über die zentral gesteuerten großen Plattformen wie Facebook und Twitter. Gerade dort gibt es große Nutzerbewegungen, dass die Plattformen in bestimmten Situationen regelnd durchgreifen und beispielsweise rassistische oder sexistische Verhaltensweisen sanktionieren. Mir macht das etwas Bauchschmerzen, aber das ist der Weg, auf dem wir uns befinden.

BZ: Die neuen Gesetzestafeln werden von Plattformen herab erlassen?
Seemann: Anders. Es wird nur über möglichst transparente Legitimationsprozesse gehen, bei denen auch die Nutzer beteiligt werden. Auf dieser Ebene wird es auch zu einer Rückkehr der Kontrolle kommen, aber vor allem in der Form der Kontrolle über die Kontrolle.

BZ: Wo sehen Sie das größte Potenzial im neuen Spiel?
Seemann: In der Minimierung von Ausgrenzung. Mehr Daten können zu einem Geschäfts- und Gesellschaftsmodell führen, das immer mehr Menschen gleichberechtigt partizipieren lässt. Wenn Sie so wollen, ist es die versöhnliche Utopie eines neoliberalen Kommunismus.
Vortrag

Sonntag, 14. Dezember 2014, 19 Uhr

Theater Freiburg, Kammerbühne


Mehr zum Thema:
  • Michael Seemann auf Twitter: @mspro

Autor: Jürgen Reuß