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14. Dezember 2012

Ein Tablet-PC ist kein Babysitter

Experten: Überforderung durch schnelle und laute Anwendungen / Nur gemeinsam mit Erwachsenen sinnvoll einzusetzen.

  1. Davon raten Experten ab: Die sechsjährige Charlotte (links) spielt in ihrem Kinderzimmer auf einem iPad. Der Einsatz von Tablet-Computern kann nach Experteneinschätzung die Lernentwicklung kleiner Kindern verlangsamen. Die zweijährige Emilia (rechts) vertreibt sich beim Parteitag der rheinland-pfälzischen Grünen Anfang Dezember die Zeit beim Spielen mit einem Tablet-Computer. Foto: Fotos: Torsten Silz (dapd) / Thomas Frey (dpa)

  2. Davon raten Experten ab: Die zweijährige Emilia vertreibt sich beim Parteitag der rheinland-pfälzischen Grünen Anfang Dezember die Zeit beim Spielen mit einem Tablet-Computer. Foto:  Thomas Frey (dpa)

Ein iPad unterm Weihnachtsbaum? Bei vielen steht dieser oder ein anderer Tablet Computer auf der Wunschliste ganz oben. Laut einer aktuellen Umfrage des Branchenverbandes Bitkom nutzt bereits jeder achte Bundesbürger ein solches Hightech-Gerät, das sind rund 9,1 Millionen Menschen. Auch für Kinder gibt es immer mehr Angebote für den Tablet-PC. Nach Ansicht von Experten ist ein iPad aber kein Spielzeug für Kleinkinder. "Als Babysitter sind Tablet-PC nicht geeignet, ebenso wenig wie der Fernseher", sagt der Stuttgarter Medienexperte Thomas Rathgeb.

Seit der Einführung der ersten kommerziell erfolgreichen Geräte im Jahr 2010 haben sich Tablet-PC rasant verbreitet. Ob iPad, Surface oder Galaxy – inzwischen gibt es eine Vielzahl von Modellen zu unterschiedlichen Preisen. Speziell für Kinder werden eine Menge Lern- und Spiele-Apps angeboten. Sie können Musik hören, malen, digitale Bücher anschauen und dabei auf dem berührungsempfindlichen Bildschirm herumpatschen. Selbst für Krabbelkinder sind solche tragbaren PC auf dem Markt.

Doch gehören iPads überhaupt in Kinderhände oder sollten die Kleinen besser beim Holzmemory bleiben? Für Kinder unter drei Jahren seien solche Geräte "wenig sinnvoll", meint Kristin Langer von der Medieninitiative "Schau hin". "Die schnellen und oft lauten Anwendungen können sie überfordern." Für Kleinkinder sei es vor allem wichtig, die reale Welt zu erkunden und zwar durch persönliche Zuwendung, so Langer. Auch Rathgeb betont, ein Tablet-PC sei "sicherlich kein Gerät für Kleinkinder". Mit "ausgewählten, altersgerechten Angeboten" könnten jedoch schon Kindergartenkinder gemeinsam mit ihren Eltern Tablets nutzen, zum Beispiel für einfache Spiele oder um Dinge wie den Sternenhimmel zu erklären, sagt der Sozialwissenschaftler vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (mpfs).

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Die Experten verdammen den Hightech-Trend im Kinderzimmer nicht grundsätzlich, fordern aber ein ausgewogenes Verhältnis zu anderen Aktivitäten. "Die digitale Welt kann das Spielen im Garten und auf dem Spielplatz, Treffen mit Freunden oder das gemeinsame Lesen nicht ersetzen", sagt Langer.

Kinder wachsen heute ohnehin in einer zunehmend technisierten und digitalisierten Welt auf. In vielen Familien sind mobile Geräte längst Teil des Alltags, etwa bei der Planung von Kinobesuchen oder Urlauben. Das weckt natürlich das Interesse der Kinder.

"Wenn sie sehen, dass ihre Eltern diese Geräte oft nutzen, wollen sie das ebenso ausprobieren", sagt die Berliner Medienpädagogin Ilka Goetz. Aus ihrer Sicht ist gegen eine Nutzung von Tablet-PC durch die Jüngsten "in wohldosiertem Umfang" nichts einzuwenden. Zudem hätten gute Apps etwa zur Sprachförderung "beachtenswertes Bildungspotenzial".

Das Verständnis, wie die Computerwelt funktioniert, welche Vorteile und Gefahren sie birgt, entwickelt sich bei Kindern erst nach und nach. Erst ab etwa zehn Jahren könnten Kinder ihr Computerwissen zielgerichtet einsetzen und etwa Risiken erkennen, sagt Langer. Mit elf oder zwölf Jahren entwickeln sie dann zunehmend mehr Eigenverantwortung im Umgang mit Medien und können eigenständig mit Tablets umgehen. Thomas Rathgeb empfiehlt Eltern, Apps und Spiele vorab allein zu testen und auf die Sicherheitseinstellungen zu achten, damit die Kinder nicht unbeabsichtigt Apps und Internetseiten öffnen.

Die Eltern sollten zudem Regeln festlegen. So sollten Kinder bis sieben Jahre laut der Initiative "Schau hin" nicht länger als eine halbe Stunde täglich vor dem Computer- oder Fernsehbildschirm sitzen, die bis zu Neunjährigen maximal 45 Minuten. Auch für Elf- bis 13-Jährige seien 75 Minuten Computer spielen oder Fernsehen gucken genug.

Um die Kinder an das Internet heranzuführen, könne ein Tablet-PC "ein guter Einstieg sein", meint Rathgeb. Allein gelassen werden sollten Kinder dabei aber nicht.

Autor: Andrea Hentschel (AFP)