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12. Juli 2013

"Man ist überall gleichzeitig "

BZ-INTERVIEW mit Daniel Fetzner und Graham Smith zum Kongress "Körper, Medien, Sinnlichkeit" im Freiburger E-Werk.

  1. Wo ist die Seele? Performance von Graham Smith und Amjad Khan (auf den Bildschirmen) im vergangenen Dezember im Freiburger Media-Markt Foto: Maurice Korbel/Privat

  2. Daniel Fetzner Foto: Privat

Das Programmheft für drei Tage umfasst 26 Seiten. Bei wissenschaftlichen Tagungen ist das üblich. Doch das Symposium "Spuren No. 2 – Körper, Medien, Sinnlichkeit" findet nicht an einer Universität statt, sondern von heute Abend bis Sonntag im Freiburger E-Werk. Die Gruppe mbody hat es initiiert und strebt damit einen Crossover von Theorie und künstlerischer Praxis an. Mit zwei der Organisatoren, Daniel Fetzner und dem Tänzer Graham Smith, sprach Bettina Schulte.

BZ: Ihre Tagung will das weite Feld von Körper und Medien ausmessen. Zwischen Vorträgen wie "Warum wird im Rock soviel geschrien?" und "Cross Cultural Media – Deutsch-ägyptische Ethnografien politischer Transformationen" ist viel Raum. Worauf wollen Sie hinaus?
Fetzner: Wenn wir das genau wüssten, brauchten wir erst gar nicht anzufangen. Tagungen im Feld der etablierten Wissenschaft nehmen ihr Ergebnis wegen der beantragten Fördergelder meistens vorweg. So kann nichts Neues entstehen. Im Zusammentreffen mit der unberechenbaren Kunst wollen wir die selbstreferentiellen Rituale des Betriebs aufbrechen.

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BZ: Warum machen Sie das, Herr Smith? Was ist die Verbindung zwischen einem Tänzer und einem Wissenschaftler?
Smith: Die digitale Welt und die psychosomatische Forschung haben einen andern Blick als die performativen Künste. Künstlerische Forschung richtet sich nicht nach einer Hypothese. Das ist ein ganz anderer Prozess. Ich stelle meinen Körper zur Verfügung, um mitzumachen. Umgekehrt wird der Psychosomatiker Martin Dornberg Dramaturg bei unserem Projekt zur Affektenlehre in der kommenden Spielzeit des Freiburger Theaters sein. Die Verbindung von Psychologie und Ästhetik interessiert mich sehr.
BZ: Psychosomatik und Medientheorie: Was verbindet Sie, Herr Fetzner, mit Martin Dornberg?
Fetzner: Wir treffen uns in unserem gemeinsamen Bezug auf die Umweltlehre Jakob von Uexkülls aus den zwanziger Jahren. Deshalb ist Graham Smith in einer durchsichtigen Bubble durch Haslach gerannt. Diese Hülle kann man auch als Metapher verstehen: Wie bewegen wir uns medial vermittelt durch den Alltag und welche Umweltbezüge bauen wir dabei auf? Wer mit dem Smartphone heutzutage durch die Gegend läuft, stolpert gelegentlich, weil er hyperlokal, das heißt an verschiedenen Orten gleichzeitig ist.
BZ: Wenn mein Sohn am Tisch sitzt, also leiblich anwesend ist, aber gleichzeitig wie rasend mit Hilfe seines Smartphones kommuniziert, wo befindet er sich dann?
Fetzner: Es entwickelt sich die Fähigkeit, den physischen Kontakt und die mediale Präsenz miteinander zu erleben. Da legen sich mehrfach Ebenen übereinander. Das gab es vor der Erfindung des Internets und seiner Konsequenzen nicht.
BZ: Stehen Medien und Körper heute in einem größeren Spannungsverhältnis als sagen wir vor 30 Jahren?
Fetzner: Die Raum-Zeit-Relationen sind im Leben essentiell. Spätestens bei einer Störung in den physischen Funktionen wird einem bewusst, dass der Geist im Körper zu Hause ist. Und Künstler sind am selbstvergessensten und stärksten an ihren Gefühlen dran. Auf der anderen Seite spielen die Medien in der Orientierung in der Umwelt zunehmend eine Rolle. Die mediale Überformung unser Lebenswelt ist immens. Da gibt es einen Klärungsprozess auch im pädagogischen Bereich, zu dem unserer Tagung einen Beitrag leisten will. Wir stochern alle noch im Nebel.
BZ: Unter anderem werden bereits gelaufene Performance-Projekte im Mittelpunkt der Tagung stehen: So der recht spektakuläre Versuch, eine Verbindung zwischen dem Freiburger Mediamarkt und einem Insektenlabor in Bangalore herzustellen: Graham Smith tanzte vor einer Wand aus schnöden Fernsehgeräten zu den suggestiven Rhythmen eines in diesem fernen Raum trommelnden Tabla-Spielers. Was lernen wir daraus: Dass man nicht in einem Raum sein muss, damit Live-Performance gelingt?
Smith: Ich kann nur soviel sagen. Es hat funktioniert. Die Seelen traten in Verbindung: Ich weiß nicht wo und wie.
Fetzner: Bei der Beschreibung solcher Ereignisse können wir mit dem dem philosophischen Begriff der Zwischenleiblichkeit arbeiten, den der Phänomenologe Merlau-Ponty entwickelt hat.
BZ: Was hat die Phänomenologie als Wissenschaft der körperlichen Wahrnehmung mit der Medienwissenschaft zu tun?
Fetzner: Mein Arbeitsgebiet ist die Medienphänomenologie. Sie ist die einzige wissenschaftliche Methode, die auch Beiläufiges in den Blick nimmt. Und deshalb passt sie besonders gut in diese Zeit, die immer mehr an Konzentration verliert.

"SPUREN"

Daniel Fetzner ist Professor für Digitale Medien an der Hochschule Furtwangen, Graham Smith ist Tänzer am Theater Freiburg. Die von ihnen in der Gruppe mBody mitorganisierte Tagung "Spuren – Körper, Medien, Sinnlichkeit" im Freiburger E-Werk wird am heutigen Freitag um 17 Uhr mit einem Vortrag des Phänomenologen Bernhard Waldenfels eröffnet, sie bietet bis zum Sonntag rund zwei Dutzend weitere Vorträge und einige Performances. Das Symposium ist öffentlich, der Eintritt ist gratis. Das detaillierte Programm findet sich im Netz unter http://www.mbodyresearch.de.  

Autor: BZ

Autor: bs