Ständige Todesangst

Cornelia Wystrichowski

Von Cornelia Wystrichowski

Mi, 16. Januar 2019

Computer & Medien

Die ARD zeigt im Vorfeld des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus das Dokudrama "Die Unsichtbaren".

Er überlebte den Holocaust in einer Berliner Kleingartenanlage: Hans Rosenthal, der später als Moderator der Quizshow "Dalli Dalli" zum Liebling der Deutschen werden sollte. Vor der antisemitischen Verfolgung durch die Nazis versteckte er sich von 1943 bis 1945 in einer Gartenlaube, wo er von drei Frauen unterstützt wurde. Insgesamt tauchten in der NS-Zeit rund 7000 Juden in Berlin unter, etwa 1700 von ihnen überlebten. Das bewegende Dokudrama "Die Unsichtbaren" ist ein filmisches Denkmal für sie: Der 105-minütige Film rekonstruiert mit Interviews und Spielszenen die Schicksale von vier Überlebenden der Shoah.

Regisseur Claus Räfle und die Dokumentarfilmerin Alejandra López haben mit Eugen Friede, Ruth Gumpel, Hanni Lévy und Cioma Schönhaus ausführlich über diese Zeit gesprochen, in der sie jeden Tag in Sorge vor der Entdeckung und der Ermordung verbrachten. Ihre Erlebnisse werden in filmischen Rückblenden nachgestellt: Cioma Schönhaus (Max Mauff) entkam der Deportation zunächst, weil er für einen kriegswichtigen Betrieb arbeitete, dann mietete er sich unter falscher Identität in einer Pension ein. Dort fälschte er heimlich Pässe und half so zahlreichen anderen Verfolgten, die NS-Zeit zu überstehen. Hanni Levy (Alice Dwyer) färbte sich die Haare blond, nahm den Namen Hannelore Winkler an und mischte sich tagsüber unerkannt unter die Passanten auf dem Ku’damm. Als sie eines Abends nicht wusste, wo sie übernachten sollte, fiel sie einer Kinokassiererin auf, die sie mit nach Hause nahm und bis Kriegsende bei sich wohnen ließ. Eugen Friede (Aaron Altaras) lebte bei Bekannten seiner Eltern, tarnte sich mit der Uniform der Hitlerjugend und verteilte nachts Flugblätter gegen das NS-Regime. Ruth Arndt (Ruby O. Fee) überlebte in der Höhle des Löwen: Als Kriegswitwe getarnt, arbeitete sie als Dienstmädchen bei einem Wehrmachtsoffizier.

Überall im Dritten Reich tauchten damals Juden unter und versteckten sich – viele wurden aber von den Nazis entdeckt und ermordet. In den Spielszenen wird beklemmend deutlich, dass die Verfolgten in ständiger Todesangst lebten und nie wussten, wem sie trauen konnten. Cioma Schönhaus vertraute sich ausgerechnet der jüdischen Spionin Stella Goldschlag an, die – zunächst offenbar um ihre Eltern zu schützen – viele Juden an die Gestapo verriet. Ihn jedoch verschonte sie. Über diese Stella Goldschlag hat der Spiegel-Reporter Takis Würger just den Roman "Stella" veröffentlicht, der sehr unterschiedlich aufgenommen wird. Würger schreibt aus der Perspektive des naiven Schweizers Friedrich, der sich in Stella, die er als Kristin kennenlernt, verliebt. Am 14. März stellt der Autor auf Einladung des Literaturhauses seinen Roman in Freiburg vor.

In ihren Berichten heben die vier Protagonisten des Films nicht nur das Grauen der NS-Zeit hervor, sondern auch ihre Dankbarkeit für die Helfer, die sich in große Gefahr brachten. Und bisweilen blitzt auch der Stolz auf, dass sie sich damals mit Mut und Einfallsreichtum durchgeschlagen haben.

"Die Unsichtbaren", Mi, 16. Januar, 20.15 Uhr. Wiederholung: One, So, 20. Januar, 20.15 Uhr. Doku: "Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto", ARD, Di, 22. Januar, 22.45 Uhr.