Tatort "Stau" (ARD)

TV-RÜCKBLICK: Ein Krimi – und viele Dramolette

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 12. September 2017

Computer & Medien

Die Formulierung hat Richy Müller alias Thorsten Lannert bestimmt noch im Traum verfolgt: "Gegen Sie besteht Anfangsverdacht auf fahrlässige Tötung im Straßenverkehr sowie unerlaubtes Entfernen vom Unfallort. Es steht Ihnen frei sich zur Sache zu äußern oder auch nicht. Sie können jederzeit einen Anwalt zu Rate ziehen und Sie können zu Ihrer Entlastung Beweiserhebung beantragen." Wir haben nicht nachgezählt, wie viele (Anfangs-)Verdächtige der Stuttgarter "Tatort"-Kommissar damit konfrontieren musste, aber wenige waren es nicht. Und – das hat die aktuelle Folge "Stau" des SWR-"Tatorts" mit Serienkrimis deutscher Machart schon gemein: (Anfangs-)Verdachtsmomente hat der Zuschauer auch bei allen.

Ansonsten unterscheidet sich das Drehbuch von Daniel Bickermann und Dietrich Brüggemann, der auch mit gewohnter Übersicht, Leichtigkeit und Ironie Regie führt, deutlich von der Eintopfkost des Genres. Wohltuend deutlich. Der "Stau" sozusagen als prägende gesellschaftliche Erfahrung der Moderne, die den Verkehrsteilnehmer täglich ereilen kann, ist die Matrix für die Geschichte. Und die wiederum ist eigentlich keine, sondern eine Addition vieler kleiner Dramen und Dramolette, wie sie auch aus der Feder intelligenter Autoren wie etwa Yasmina Reza stammen könnten. Die Leiche eines Mädchen findet sich in einem Wohngebiet, der einzige Zeuge ist ein dreijähriger Junge. Und wenn es sich um einen Unfall mit Fahrerflucht handelt, dann muss der oder die Flüchtige sich jetzt im Stau befinden – auf der Stuttgarter Weinsteige.

Solchen Konstellationen wohnt immer ein besonderes Spannungsmoment inne. Doch das Interessante ist – die Tätersuche wird immer mehr sekundär. Denn da sind die vielen großen und kleinen Geschichten, die sich um die Beteiligten ranken: das Paar, das die Zerrüttung seiner Ehe nicht mehr kitten kann; der querulantische, dafür die Grammatik des Deutschen beherrschende Rentner; die Mutter, deren neunjähriges Tochtermonster manchen Zuschauer zum Verbrecher werden lassen könnte. Und auch die Polizisten selbst, die dem zunehmenden Druck, der sich innerhalb der "Staugesellschaft" entwickelt, kaum noch standhalten. Ein solitärer "Tatort". Weil er einfach so normal ist. Das übrigens gilt auch für die in der Freiburger Messe produzierten Stau-Szenarien. Sie sehen echt aus – und lassen doch keinen Zweifel an der gewollten Fiktion. Bravo.