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04. Januar 2010 12:34 Uhr

Interview

Wladyslaw Sojka: Lörrachs Stimme bei Wikipedia

Wikipedia kennt jeder – aber kaum einer kennt die fleißigen Bienchen, die im Hintergrund an dem Online-Lexikon arbeiten. Zu ihnen zählt Wladyslaw Sojka, der auf Wikipedia zahllose Informationen zur Region rund um Lörrach bündelt.

  1. Viel Zeit widmet Wladyslaw Sojka der Arbeit für das Internetlexikon Wikipedia. Sein Beitrag über Lörrachs Geschichte war kürzlich „Artikel des Tages“. Foto: Sabine Ehrentreich

LÖRRACH. Kürzlich war der ausführliche Artikel über die Geschichte Lörrachs beim demokratischen Internet-Lexikon Wikipedia der "Artikel des Tages", eine durchaus hohe Ehre, über die die Badische Zeitung berichtete. Redakteurin Sabine Ehrentreich sprach mit Wladyslaw Sojka, der für den Beitrag maßgeblich verantwortlich ist, über sein Engagement bei Wikipedia und seine Beziehung zu Lörrach.

BZ: Viele nutzen Wikipedia – Sie sind einer von jenen, die die Enzyklopädie mit Wissen bestücken. Wie kam es dazu?

Sojka: Ich weiß es gar nicht mehr so genau. Es fing wohl irgendwie mit Google an, darüber habe ich Wikipedia entdeckt und fand das in Umfang und Darstellung ansprechend. 2005 habe ich dann erstmals selbst zum Inhalt beigetragen. Ich finde das eine reizvolle Grundidee: Wissen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Und man lernt ungeheuer viel dabei. Die Fülle an Information in einer relativ seriösen Darstellung ist unschlagbar.

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BZ: Sie sind 1975 in Düsseldorf geboren und Mathematiker. Wie kam es dazu, dass Sie sich so intensiv mit Lörrach und der Region beschäftigten – der Artikel über die Geschichte ist ja nur ein Beispiel von vielen.

Sojka: Mein Grundinteresse ist die Architektur, das sehen Sie auch an den Bildern, die ich bei Wikipedia einstelle. Über die Beschreibung von Kirchen in der Region kam ich zur Geschichte. In meinem ersten eigenen Beitrag ging es um Burg Rötteln, der war zunächst noch sehr bescheiden. Dann kam ein Bild dazu, dann wieder Text, schließlich musste eine Gliederung dazu. Meist arbeiten mehrere Leute an einem Beitrag, da kommt es dann auch zu Meinungsverschiedenheiten. Bei meinem Artikel über Schloss Beuggen und seine mögliche Beziehung zu Kaspar Hauer war das so. Es gibt viele, die das für Quatsch halten.

BZ: Wie haben Sie das gelöst?

Sojka: Ich habe es als eine Möglichkeit stehen lassen, dass Kaspar Hauser in Beuggen war, und eine Kompromissformel gefunden. Grundsätzlich ist Streiten auf einer sachlichen Ebene ja meist ein Gewinn.

BZ: Solche Debatten können bei manchen Themen aber ganz schon grundsätzlich werden …

Sojka: Das gibt es, zum Teil bei ganz banalen Themen. Manche wollen sich über diese Tätigkeit profilieren, da steht dann die Sache gar nicht so im Vordergrund. Ich halte mich allerdings in Bereichen auf, in denen es nicht die großen Grabenkämpfe gibt.

BZ: Kommen wir noch mal zu dem Beitrag über die Geschichte Lörrachs zurück. Wie kommen Sie zu ihren Informationen?

Sojka: Ich habe die Stadtchronik von 1983, die ist nicht sehr aktuell, aber eine gute Ausgangsbasis. Doch wer liest sich das alles durch? Man wird mit Details erschlagen, die viel zu weit ausholen. Das war für mich der Ansporn, einen Artikel zu schreiben, der einen Überblick gibt. Es gibt eine ganze Reihe weiterer Literatur, die man nutzen kann, Veröffentlichungen des Museums am Burghof zum Beispiel der die roten Jahrbuch-Bände. Alles, was ich benutzt habe, steht im Literaturverzeichnis zum Artikel.

BZ: Gehen Sie auch in Archive?

Sojka: Nein, das habe ich bisher nicht getan.

BZ: Trotzdem stelle ich mir vor, dass der Zeitaufwand erheblich ist. Wie viele Stunden sind Sie im Schnitt wöchentlich für Wikipedia tätig – und wie viele Artikel stammen bisher von Ihnen?

Sojka:Im Schnitt bin ich um die zehn Stunden in der Woche für die Enzyklopädie tätig. Rund 400 Beiträge habe ich eingestellt, meine Themen sind unter anderem Mathematik und Architektur, Politik und Gesellschaft, Reisen, Autos oder Musik.

BZ: Gibt es in Lörrach oder dem Landkreis eine rege Szene?

Sojka: Der Kreis ist relativ klein. Den Stammtisch besucht eine kleine Stammbesetzung von etwa fünf Leuten. Alle vier bis sechs Wochen tauschen wir uns aus. Wir sind kein Verein, das sind ganz informelle Treffen. Es ist besser, wenn man die Leute persönlich kennt. Es gibt übrigens grenzüberschreitend auch eine alemannische Wikipedia, die treffen sich separat. Interessanterweise sind aber die meisten Schweizer in der hochdeutschen Wikipedia unterwegs.

BZ: Was kennzeichnet den typischen Mitarbeiter bei der demokratischen Enzyklopädie?

Sojka: Die Mehrheit der Mitarbeiter sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, und die Szene ist sehr männerdominiert. Die soziale Schichtung ist schwer zu beurteilen. Wer beruflich mit einem Thema zu tun hat, etwa im Bereich Geschichte, der distanziert sich eher von Wikipedia. Etwas anders ist das bei den exakten Wissenschaften: Beiträge zu Naturwissenschaften stammen in der Regel von Leute, die das studiert haben.

Autor: seh