Zwischen den Katastrophen

Heide-Marie Göbbel

Von Heide-Marie Göbbel (KNA)

Di, 11. September 2018

Computer & Medien

"Krieg der Träume": Arte und die ARD zeigen ein mehrteiliges Dokudrama zum Ende des Ersten Weltkriegs.

Schicksale von 13 unbekannten und prominenten Persönlichkeiten aus acht Ländern stehen im Mittelpunkt des Dokudramas "Krieg der Träume". Stellvertretend für viele andere erzählen sie ihre Erlebnisse aus der Zwischenkriegszeit von der Großen Depression über die Goldenen Zwanziger Jahre bis zur Weltwirtschaftskrise und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Die Filmemacher Jan Peter und Frederic Goupil fragen, wie es trotz größter Friedensanstrengungen passieren konnte, dass nach zwei Jahrzehnten ein zweiter zerstörerischer Krieg stattfand. Das Erste strahlt das Dokudrama "Krieg der Träume" ab dem 17. September um 22.45 Uhr aus. Teil zwei und drei werden am 18. und 24. September gezeigt.

Der Freude und Erleichterung über das Ende des Krieges 1918 folgten die täglichen Sorgen und der Existenzkampf der Überlebenden. Wie sollte die Zukunft aussehen? Die politischen Machtkämpfe zwischen Kommunisten, Sozialisten und Nationalisten flammten von Neuem auf und machten viele Träume zunichte. Das Dokudrama schildert anschaulich die weltweite Entwicklung, die sich in den Schicksalen von Menschen spiegelt, die für ihre Überzeugungen eintraten.

In dem Beitrag kommen außergewöhnliche Zeitzeugen unterschiedlichster Herkunft zu Wort. Sie alle träumten davon, die Zukunft nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Ihre Tagebuchnotizen, Briefe und Memoiren bilden die Basis vieler Spielszenen. Die Aufzeichnungen der Zeitzeugen werden ergänzt durch Originalbilder, die in vierjähriger gründlicher Archivarbeit zu Tage gefördert und assoziativ mit den Spielszenen verbunden wurden. Historiker und andere Experten bleiben im Hintergrund, um die Emotionen verständlich zu machen.

Die Deutschen seien oft zu sehr dem Kopf verhaftet, begründet Regisseur und Autor Jan Peter seinen Ansatz. Die Leute sollten lieber etwas fühlen als etwas lernen, wünscht sich Peter, der auch die Dokuserie "14 Tagebücher des Ersten Weltkrieges" inszenierte.

Im ersten Teil, "Gewinner und Verlierer", geht es um die Zeit zwischen der Kapitulation Deutschlands im Herbst 1918 bis zum Beginn der 1920er Jahre. Auf der Pariser Friedenskonferenz werden die Deutschen gezwungen, einen Friedensvertrag zu unterschreiben. Dieser sorgte in weiten Teilen der Bevölkerung für Empörung, erzählen Peter und Co-Autor Frederic Goupil. Dagegen lehnen sich viele auf, wie zum Beispiel der Obermaat Hans Beimler (Jan Krauter), der am Kieler Matrosenaufstand beteiligt war. Er ist einer von insgesamt 13 Protagonisten und kämpft in München für eine kommunistische Räterepublik. Eine andere Zeitzeugin, die Polin Apolonia Chalupiec (Michalina Olszanska), begegnet dem renommierten Regisseur Ernst Lubitsch. Als Pola Negri spielt sie die Hauptrolle in "Carmen" und feiert in den Zwanzigern als neuer Berliner Stummfilmstar große Erfolge. Um die Frage, ob auch Leutnant Rudolf Höß (Joel Basman), der spätere Lagerkommandant des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz, als einer der Protagonisten ausgewählt wird, gab es bei den Machern des Dokudramas viele Diskussionen. Höß war damals Nationalist wie viele, die mit den harten Bedingungen des Friedensvertrags nicht einverstanden waren. Für Höß, so erzählen die Autoren im ersten Teil, war die Niederlage Deutschlands eine Katastrophe. Die neue, emotionsbetonte Form der dokumentarischen Erzählung transportiert starke Eindrücke und zeigt herausragende Schicksale.

Der Dreiteiler solle eine Zeit in Erinnerung rufen, in der sich alle Beteiligten nach Frieden sehnten und dennoch auf einen neuen Krieg zusteuerten, erklärt der Produzent Gunnar Dedio. Die Filmemacher hoffen, dass das Wissen um die Fehler dieser Zeit beiträgt, eine mögliche dritte Katastrophe zu verhindern.

Bedauerlich aber ist, dass das Erste diesen wichtigen Beitrag nicht zu einer früheren Stunde ausstrahlt. Das macht Arte: Weitere eindrucksvolle Zeitzeugenschicksale sind in der achtteiligen Langfassung enthalten, die der Sender schon einige Tage früher, zwischen dem 11. und 13. September, jeweils um 20.15 Uhr, ausstrahlt.

"Krieg der Träume". Dreiteiliges Dokudrama von Jan Peter und Frederic Goupil (Buch und Regie). ARD, Mo, 17.9., Di, 18.9., und Mo, 24.9., jew. von 22.45 bis 0.15 Uhr.