Finanzen

Spender fordern Transparenz von Hilfsorganisationen

Tanja Tricarico

Von Tanja Tricarico

Sa, 09. Dezember 2017 um 00:00 Uhr

Wirtschaft

Die Deutschen spenden jedes Jahr Milliarden an Hilfsorganisationen. In der Vorweihnachtszeit ist die Spendenbereitschaft groß. Bei welcher Organisation ist die Spende gut angelegt?

3,1 Milliarden Euro spendeten die Menschen in Deutschland zwischen Januar und September an Hilfsorganisationen. Mindestens weitere zwei Milliarden Euro erwarten die Experten des GfK Charity Scope bis Ende des Jahres. Die Deutschen gehören damit zu den eifrigsten Spendern in der EU. Bilder von hungernden Kindern oder traurig blickenden Hunden hinter Stacheldraht – die Hilfsorganisationen lassen sich auch einiges einfallen, um Spender zu gewinnen. "Werbung, durch die man sich unfair und übertrieben unter Druck gesetzt fühlt, sollte man getrost in den Papierkorb werfen", sagt Burkhard Wilke. Als Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) kennt er die Strategien beim Geldeinwerben.

Manche gehen dabei unseriös vor. Dubiose Spendeneintreiber haben insbesondere ältere Menschen im Visier, weil sie auf deren Gutmütigkeit setzen oder sie leicht einschüchtern können. Wilke rät: "Wenn Werber etwa an der Haustür behaupten, dass Hilfe im Notfall für die angesprochenen Personen nicht gewährleistet ist, falls sie der betreffenden Hilfsorganisation nicht beitreten, dann ist das unseriös." Er empfiehlt, sich nicht drängen zu lassen, sondern selbst zu wählen, welche Organisation man unterstützen möchte. Das kann auch ein Projekt der Kirchengemeinde sein oder der Kulturverein in der Nachbarschaft.

Dubiose Methoden sind aber die Ausnahme. "Die große Mehrheit der Vereine und Stiftungen arbeitet seriös und gewissenhaft", betont Wilke. Seiner Erfahrung nach fordern Verbraucher zunehmend Transparenz über die Arbeit der Helfer ein. Der Trend gehe weg vom "blinden" hin zum "informierten" Vertrauen.

Eine der bekanntesten Hilfsorganisationen in Deutschland ist Unicef. Rund 80 Millionen Euro wurden vergangenes Jahr an das UN-Kinderhilfswerk gespendet. Weitere rund 20 Millionen Euro brachten der Verkauf von Grußkarten und ähnliche Aktivitäten ein. Transparenz sei eine Voraussetzung, um Unterstützung bei Spendern, ehrenamtlichen Helfern und in der Öffentlichkeit zu fördern, sagt Rudi Tarneden von Unicef Deutschland. Spender und Öffentlichkeit müssten sich einfach, plausibel und nachvollziehbar informieren können, so Tarneden weiter. Auf der Webseite der Organisation gibt es daher zahlreiche Videos, einen Blog und viele Bilder. Zudem würden Fragen der Spender, die als E-Mail oder telefonisch eingehen, individuell beantwortet, heißt es.

Die Transparenz hat allerdings zur Folge, dass rund 13 Prozent der Einnahmen für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit ausgegeben werden. Weitere 4,7 Prozent schluckt die Verwaltung. Nach den Kriterien des DZI ist dieser Wert noch vertretbar. Das Institut kennzeichnet seriöse Hilfsorganisationen mit einem Siegel. Wer das Siegel tragen will, darf höchstens 30 Prozent der Einnahmen für Verwaltung und Werbung ausgeben. Insgesamt werden für das DZI-Siegel Kriterien in fünf Bereichen abgefragt. Dazu gehören die Leitungs- und Aufsichtsstrukturen. Geprüft werden eine seriöse Spendenwerbung ebenso wie die Sparsamkeit, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Arbeit der Organisation. Erwartet werden zudem Angaben über die Finanzen, Gehälter und die konkrete Projektarbeit in einem Jahresbericht.

Seit Einführung des Siegels vor 25 Jahren haben mehr als 500 Stiftungen oder Vereine versucht, den Kriterien des DZI gerecht zu werden. Ein Drittel hatte keinen Erfolg. Die Gründe dafür sind vielfältig: Häufig ist die Leitungsstruktur unklar. In anderen Fällen wird nicht transparent gemacht, wohin das Geld fließt. Derzeit tragen rund 230 Organisationen die Auszeichnung. Sie treiben jährlich etwa 1,4 Milliarden Euro an Spenden ein.

Nach dem Vorbild Großbritanniens oder der Schweiz haben sich auch in Deutschland Organisationen zusammengetan, um Hilfsprojekte schneller und effektiver umsetzen zu können. Aber auch, um mehr Spender zu erreichen. So gehören dem Bündnis "Aktion Deutschland hilft" 23 Organisationen an, darunter große Wohlfahrtsverbände wie der Paritätische, aber auch kirchliche Hilfswerke wie die Johanniter-Unfall-Hilfe oder die Malteser. In diesem Jahr stehen dem Bündnis bisher rund 30 Millionen Euro zur Verfügung. Auch hier wollen die Spender wissen, was mit ihrem Geld passiert: Sie "fordern verstärkt Transparenz ein", berichtet Geschäftsführerin Manuela Roßbach. Zahlen veröffentlicht das Bündnis im Jahresbericht, Hintergründe zu den Projekten im Internet. Das Bündnis beantwortet auch Fragen per E-Mail oder Telefon.

Spenden besser nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilen

Allerdings könne sie nicht alle Informationen weitergeben, sagt Roßbach und nennt Einsätze in Kriegsgebieten als Beispiel. Um die Helfer nicht zu gefährden, müssten manche Details geheim bleiben. "Das kann Spender irritieren und sie fragen, ob die Hilfe auch ankommt", weiß Roßbach. Dann seien die Hilfswerke gefragt, den Sachverhalt genau zu erklären. Welche Organisation wie viele Spenden bekommt, ist im Bündnis klar vereinbart. DZI-Vertreter Wilke hält Spenden an solche Bündnisse eher in Ausnahmefällen für sinnvoll. Etwa, wenn in einer Fernsehgala gezielt zu Hilfen für Opfer einer bestimmten Katastrophe aufgerufen wird. Die Hungersnot im Jemen ist ein solcher Fall. Grundsätzlich rät Wilke dazu, den Einzelorganisationen direkt Geld zu geben.

Dabei sollten Verbraucher jedoch das Gießkannenprinzip vermeiden. "Es macht mehr Sinn, nur zwei oder drei Organisationen zu unterstützen, als das eigene Budget auf viele Hilfswerke zu verteilen." Denn mit jeder einzelnen Spende würden Verwaltungsvorgänge ausgelöst, und diese Kosten ließen sich reduzieren, wenn man zum Beispiel 50 Euro an eine einzige Organisation überweist, statt sie in fünfmal zehn Euro aufzuteilen.

Die rund 230 Organisationen mit Spendensiegel sind unter http://www.dzi.de aufgelistet. Dort sind auch jene rund 40 Organisationen verzeichnet, vor denen das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen warnt.