Stiche mit Folgen

Ein Freiburger Mediziner setzt sich für Leishmania-Patienten ein

Dominik Heißler

Von Dominik Heißler

Do, 24. Januar 2019 um 20:30 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Übertragen wird die Krankheit durch Mückenstiche. Sie kann große Narben hinterlassen. Der Freiburger Arzt im Ruhestand Karl-Willheim Stahl ist an der Entwicklung eines Medikaments beteiligt.

DAS ENGAGEMENT
"Ich wollte nicht aufhören, etwas zu bewirken", sagt Kurt-Wilhelm Stahl. Der 79-jährige Wahlfreiburger denkt an einen Moment vor 15 Jahren zurück. Hinter ihm lag ein langes Berufsleben als Arzt und Professor für Biochemie, zuletzt an der Uni Hannover. Doch ab jetzt nur noch das Alter genießen, seine Hobbys pflegen?

Für ihn kam das nicht in Frage. Er wollte mit seinen Erfahrungen dort helfen, wo sonst wenig geholfen wird. Und so kämpft er heute in Afghanistan, Algerien und dem Iran gegen die Hautleishmaniose. Eine Infektionskrankheit, die entstellende Narben im Gesicht hinterlässt und für Betroffene oft zu sozialer Ächtung führt. Das Elend dieser Menschen hat Stahl derart umgetrieben, dass er die Entwicklung eines Medizinproduktes initiiert hat, das eine kostengünstige Heilung verspricht. Dafür braucht es viel Geld – und einen langen Atem, da die große Politik, gerade im Fall des Iran, immer wieder querschießt.

Stahls Engagement begann damit, dass er sich, vor 15 Jahren, beim "Senior Experten Service" (SES) anmeldete, einer Organisation, die Fachleute im Ruhestand ehrenamtlich in die ganze Welt entsendet. Sein erster Einsatz führte ihn 2002 nach Afghanistan. Dort sollte er bei der Versorgung von Unfallwunden helfen. Unerwartet begegneten ihm dabei aber Wunden besonderer Art, die nicht vom Krieg, sondern von der Hautleishmaniose stammten.

DAS MEDIZINISCHE PROBLEM
Zum Gespräch in einem Freiburger Café bringt Stahl ein rosa Kuscheltier, eine Spritze voll Gel und Desinfektionsmittel mit. "Das Kuscheltier ist die millionenfache Vergrößerung einer Leishmanie", erklärt Stahl. Das sind einzellige Parasiten, die eine ganze Reihe von Krankheiten an Haut, Schleimhaut oder den Organen hervorrufen können. Verbreitet werden sie von Sandmücken, die in unbekleidete Stellen stechen, in Arme und Beine, meist aber ins Gesicht. Nach einigen Wochen bildet sich an der Einstichstelle eine Beule, die bald aufbricht. Unbehandelt entstehen Geschwüre, die Wunden bleiben über Monate bis Jahre offen – und schließlich bleiben große Narben. "In einer patriarchalischen Gesellschaft, in der die Frau keinen eigenen Beruf hat, ist das verhängnisvoll", sagt Stahl. Frauen mit diesen Narben dürften in Afghanistan nicht heiraten, keine Kinder bekommen, ihre Männer dürften sie verstoßen, erzählt Stahl.

Die kutane Leishmaniose, wie die Krankheit auch genannt wird, ist vor allem in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten sowie in Süd- und Mittelamerika verbreitet. Die WHO spricht von bis zu einer Million Neuinfizierten pro Jahr. Laut Stahl gibt es jedoch eine hohe Dunkelziffer. So würden sich alleine in Kabul jeden Winter 200 000 Menschen mit Hautleishmaniose infizieren. Auch in Deutschland soll es Einzelfälle bei Menschen gegeben haben – 2014 wurde in Hessen die erste Sandmücke nachgewiesen.

Für Pharmakonzerne sei die Krankheit nicht interessant, meint Stahl. Meist seien arme Menschen betroffen, sodass sich kaum Geld damit verdienen lasse. Kurt-Wilhelm Stahl war selbst eine Zeit lang in der Pharmaindustrie tätig. Als er das erzählt, wirkt es fast, als wolle er sich dafür entschuldigen. Vor 18 Jahren gründete Stahl schließlich gemeinsam mit Ärzten und Apothekern in Freiburg den Verein Waisenmedizin. Neben der Hautleishmaniose kümmert sich der Verein, der mittlerweile auch einen Schweizer Ableger hat, auch um andere verwaiste Krankheiten. "Das Recht auf Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht", sagt Stahl.

"Krieg, Armut und mangelnde Bildung sind die drei Schwestern der Hautleishmaniose", so Stahl. Fehle es nämlich an Hygiene, vermehrten sich die Mücken stärker, die Krankheit breite sich schneller aus. Außerdem gelangten dann leicht weitere Erreger in die offenen Wunden.

Die Behandlung der Leishmaniose erfolgt seit fast 60 Jahren mit Antimon, das dem giftigen Arsen ähnelt. Es wird um die Wunden herum gespritzt und beeinträchtigt den Stoffwechsel der Parasiten. Die Nebenwirkungen können allerdings gravierend sein. Bei Wunden im Gesicht – sogenannten komplexen Wunden – schreibt die WHO deshalb vor, die Patienten bis zu zwei Wochen in einem Krankenhaus zu überwachen. "Das ist in armen Ländern wie Afghanistan oder dem Iran nicht möglich", weiß Stahl. Die Behandlung sei zu teuer.

DIE MEDIZINISCHE LÖSUNG
Der Verein Waisenmedizin hat 15 Jahre an einer besseren Alternative geforscht. Das Ergebnis hat Stahl neben dem Kuscheltier auf dem Tisch gelegt: das Desinfektionsmittel und die Spritze mit dem Gel Leiprotect. Stahl demonstriert die Anwendung: Erst desinfiziert er sich die Hände, dann verteilt er das Gel mit dem Zeigefinger auf der äußeren Handfläche. Nach etwa 30 Minuten glänzt dort ein dünner, durchsichtiger Schutzfilm. "Das Gel verhindert, dass weitere Erreger in die Wunde gelangen", erklärt Stahl. So erhält der Körper die Chance, selbst mit den Leishmanien fertig zu werden.

Winfried Kern, Professor für Innere Medizin und Infektiologe an der Freiburger Uniklinik, bestätigt das Vorgehen: "Wundpflege hilft dabei, dass diese Form der Hautleishmaniose schneller abheilt." Das belegt laut Stahl auch eine Pilotstudie in Algerien: Demnach waren 45 komplexe Hautwunden von 34 chronisch erkrankten Probanden nach spätestens neun Wochen verheilt, Narben blieben keine zurück. Das Gel hat viele Vorteile: Betroffene können es selbst auftragen, sie brauchen keine weiteren Medikamente und müssen nicht ins Krankenhaus. Leiprotect basiert auf Gummi Arabicum. Anders als viele westliche Produkte enthält es keine Schweinbestandteile. So kann es auch in muslimischen Ländern ohne religiöse Bedenken verwendet werden.

Eine Behandlung würde nur wenige Euro kosten, wenn in großem Stil produziert werden könnte, erklärt Stahl. Das passende Gerät für eine professionellere Herstellung hat Stahl schon: Eine südbadische Firma hat auf sein Bemühen hin eine Maschine im Wert von 80 000 Euro gespendet, mit dem man das Gel in größerer Menge herstellen könnte. Dafür müsste das Gel aber eine dauerhafte Zulassung als Medizinprodukt bekommen. Bislang gibt es lediglich eine Sonderzulassung, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte kürzlich bis September 2019 verlängert hat. Bis zu 60 Kilogramm des Gels dürfen damit hergestellt werden.

Eine langfristige Lösung ist das jedoch nicht. "Wir könnten nochmal verlängern. Aber ich bin jetzt 79 Jahre alt und will endlich mal das Ende sehen", sagt Stahl. Für eine langfristige Zulassung braucht der Verein Waisenmedizin eine klinische Studie an frisch Erkrankten, die die Wirksamkeit des Gels bestätigt und Nebenwirkungen ausschließt. Das kostet viel Geld, das der Verein nicht hat – und es sind Patienten nötig, die es in Europa nicht gibt.

Seit 2014 steht Stahl in persönlichem Kontakt mit Wissenschaftlern aus dem Iran. Er möchte gerne mit dem Senior Experten Service dorthin fliegen. Dann könnte er in Mashhad, einer Stadt im Nordosten des Irans, die klinische Studie für die langfristige Zulassung einleiten. Und mit dem Pasteur-Institut in Teheran darüber sprechen, wie sie das Gel langfristig und preiswerter vor Ort produzieren könnten. Das ginge – sehr zeitaufwendig – etwa mit einem Handgerät, sagt Stahl. "Die Iraner sind da sehr findig."

POLITIK ALS HINDERNIS
Gäbe, könnte, würde. In der Realität fehlt es an Geld. "Aus politischen Gründen ist ein Einsatz im Iran schwierig", klagt Stahl. Denn im November 2018 hat Donald Trump erneut wirtschaftliche Sanktionen gegen den Iran verhängt, die vor allem den Öl- und Bankensektor betreffen. Damit wollen die USA den Iran dazu zwingen, das Atomabkommen von 2015 neu zu verhandeln. Russland, China und Europa halten zwar an dem Abkommen fest. Doch viele Firmen haben sich aus Angst vor den US-Sanktionen aus dem Iran zurückgezogen. Das wirke sich auch auf humanitäre Projekte aus, klagt Stahl. In Algerien etwa übernehme der SES alle Kosten, wenn ein Krankenhaus einen SES-Experten anfordere. Die Iraner dagegen müssten wegen der Sanktionen alles selbst zahlen, ungefähr 6000 Euro. Geld, das die Leute vor Ort nicht haben. Es ist darüber hinaus in Pfund, Dollar oder Euro zu zahlen, was Iraner wegen den Sanktionen gar nicht können. "Das ist perfide", sagt Stahl wütend. Die Sanktionen beeinträchtigen auch die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Eine Studie an chronisch Erkrankten, geleitet von der Universität von Mashhad, bestätige zwar die "Potenz des Mittels", so Stahl, könne aber ebenfalls nicht veröffentlich werden – denn auch das muss in internationaler Währung bezahlt werden.

EINE SPENDENAKTION
Stahl und seinem Verein Waisenmedizin geht es nun erstmal darum, in diesem Winter noch möglichst vielen Betroffenen zu helfen. Dafür hat Waisenmedizin eine Spendenaktion ins Leben gerufen (siehe Infobox). Nachdem die Sonderzulassung für Leiprotect da war, ging der Verein laut Homepage in Vorleistung. Für 10 000 Euro habe man zehn Kilo des Gels in kleinen Chargen in Deutschland produzieren lassen. Sie gingen an Patienten in Syrien und Algerien.

Weitere zehn Kilo möchte Stahl nun für Patienten im Iran produzieren lassen. 1000 Betroffenen könnte ihm zufolge damit geholfen werden. Mit zehn Euro pro Patient sei die Therapie halb so teuer wie die Antimontherapie, die die WHO mit 20 Euro veranschlagt, so Stahl.

Der Mediziner denkt für die Zukunft auch über eine kombinierte Spendenaktion nach – für Patienten im Iran sowie Obdachlose in Deutschland. Denn: "Unseren Ansatz kann man auch zur Behandlung chronischer Wunden nehmen, die wir in unseren Breitengraden haben", sagt Stahl, bei Beinwunden etwa oder bei Veneninsuffizienz. Das Medizinprodukt solle vor allem Bedürftige unterstützen, so Stahl. Auch ein Motto für die angedachte Spendenaktion hat er schon im Kopf: "Es ist eine Welt."
Spendenaktion

Falls Sie die Arbeit von Waisenmedizin e.V. unterstützen möchten, können Sie unter https://www.betterplace.org/de/projects/57103 spenden. Möglich ist auch eine Überweisung an Waisenmedizin e.V. – PACEM, an die IBAN DE37 6005 0101 7438 5058 88, BIC SOLADEST 600.
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