Umstrittene Bettruhe

Liegen hilft laut aktueller Forschung nicht gegen eine Fehlgeburt

Michael Brendler

Von Michael Brendler

Mi, 16. Januar 2019 um 12:14 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Vielen Frauen wird bei Anzeichen für eine Frühgeburt Bettruhe verordnet. Dabei ist das mit Risiken verbunden. Die Ursachen einer Frühgeburt sind viel komplexer.

Dreieinhalb Monate im Bett können endlos sein. Die Tage schleppen sich dahin, auf den x-ten Tierfilm folgt die nächste TV-Reisereportage, schon Spielfilme und Bücher, erinnert sich Andrea Blesser (Name geändert), seien ihr damals zu kompliziert erschienen. "Man findet sich damit ab, man weiß ja, wozu man es tut", erzählt sie. Für das eigene Kind, für die bange Hoffnung, es irgendwie bis zur 30. Schwangerschaftswoche im Bauch zu behalten.

Mehr als den Gang zur Toilette hatte der Arzt der 38-jährigen Lörracherin nicht erlaubt, nachdem im Ultraschall ein zu kurzer Gebärmutterhals aufgefallen war – ein bekanntes Warnzeichen für eine Frühgeburt. Als der Sohn schließlich in der 32. Woche zur Welt kam, war die Mutter so schwach, dass sie mit dem Rollstuhl zum Neugeborenen geschoben werden musste.

Inzwischen weiß Blesser, dass sie sich die Tortur hätte ersparen können. "Eine strenge Bettruhe hält keine Frühgeburt auf, sie bringt nur Komplikationen mit sich", sagt Irene Hösli, Chefärztin der Geburtshilfe am Universitätsspital Basel. "Es gibt keinerlei Belege dafür, dass diese Praxis hilfreich sein könnte", urteilte vor drei Jahren auch eine Expertengruppe der Cochrane Collaboration nach Prüfung der wissenschaftlichen Studienlage.

Herumgesprochen hat sich das offensichtlich noch nicht. Laut amerikanischen Daten wird dort immer noch jeder fünften Schwangeren wegen drohender Frühgeburt oder anderer Probleme konsequentes Liegen verordnet. Für Deutschland existierten keine vergleichbaren Daten, sagt Ekkehard Schleußner, Chef der Klinik für Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Jena. Aber den Schätzungen des Experten zufolge dürfte die Rate der Frauen, die zur Bettruhe "verdonnert" werden, wie er es ausdrückt, hierzulande womöglich sogar noch höher liegen. Es sei eben schwierig, in Kliniken und Praxen die 150 Jahre alte Idee aus den Köpfen zu bekommen, so Schleußner. Dass es reicht, allein die Schwerkraft auszuschalten, um den Geburtsprozess aufzuhalten. "Heute wissen wir: Das ist zu simpel gedacht, die Ursachen einer Frühgeburt sind viel komplexer." Dafür sprechen schon die vielen Faktoren, die die Katastrophe zu begünstigen scheinen: Eine Schwangerschaft im ganz jungen, aber auch im höheren Alter, Rauchen, Infektionen, Mehrlinge oder entsprechende Ereignisse im engen Verwandtenkreis – um nur einige zu nennen. Die meisten machen eine Frühgeburt keineswegs unausweichlich, sie verdoppeln nur das eigentlich geringe Risiko.

"Ein Mysterium", nennt Roberto Romero, Leiter der perinatalen Forschung der amerikanischen National Institutes of Health, deshalb die Ursachen einer Frühgeburt. Sicher ist er sich nach jahrzehntelanger Suche nur in einem: Eine Frühgeburt ist nicht einfach nur ein vorzeitig eingeleiteter Geburtsprozess oder eine einzelne Krankheit, sie ist die gemeinsame Endstrecke und das tragische Symptom von zahlreichen Leiden ganz unterschiedlicher Herkunft – etwa fehlgeleiteter Immunreaktionen, Hormonstörungen, Fehlbildungen oder Infektionen.

Kein Wunder, dass sich die Medizin sehr schwergetan hat, hier erfolgreich einzugreifen. Im Prinzip ist die Geschichte des Kampfs gegen die Frühgeburt eine Geschichte des Scheiterns. Nicht nur wegen des sinnlosen Versuchs, diese per Bettruhe aufzuhalten. "Früher haben wir die Frauen wochenlang mit Wehenhemmern behandelt, das war Quatsch, das ist falsch", sagt Ekkehard Schleußner. Länger als 48 Stunden, heißt es heute, sollten diese Mittel in der Regel nicht gegeben werden – und das auch nur, um das Kind möglichst optimal auf die Geburt vorzubereiten. Was nicht bedeutet, dass sich alle daran halten. Seit Jahren predigt Schleußner das neue Wissen auf Kongressen und Reisen: "Manchmal fragt man sich, wozu es überhaupt Forschung gibt, wenn so viele Kollegen ihre veralteten Therapien beibehalten", klagt er.

Dabei sind sowohl bei langer medikamentöser Hemmung der Wehen wie bei Bettruhe gefährliche Nebenwirkungen zu befürchten: Um den Faktor 15 erhöht sich beim Dauerliegen zum Beispiel das Thromboserisiko, das in der Schwangerschaft ohnehin steigt. Gleichzeitig führt es auch zu Knochen- und Muskelabbau und macht Depressionen wahrscheinlicher. Zu den Risiken einer Wehenhemmung zählen Herzrhythmusstörungen, Übelkeit und Muskelzittern – vor allem wenn sie, wie oft der Fall, mit längst überholten Betamimetika durchgeführt wird.

Aber es gebe im Kampf gegen die Frühgeburt auch Erfolge zu verzeichnen, sagt Daniel Surbek, Chefarzt der Geburtshilfe am Inselspital Bern. So sei inzwischen bekannt, dass ein bisschen Bewegung für das Kind sogar förderlich ist, solange man schwere Anstrengungen vermeidet. "Wir sagen den Frauen: Sie müssen ja nicht unbedingt die Wohnung putzen, aber bitte bewegen Sie sich zu Hause", pflichtet ihm Irene Hösli bei.

Einsatz von Progesteron als Durchbruch

Der wichtigste Durchbruch der jüngsten Zeit ist laut dem Surbek aber das Progesteron gewesen. Dass das Geschlechtshormon die Gebärmuttermuskulatur beruhigt, ist nicht neu. Ohne Progesteron, das weiß man schon lange, kommt es zum Abbruch der Schwangerschaft. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass das Hormon das Risiko einer Frühgeburt um 40 bis 60 Prozent verringern kann, wenn im Ultraschallcheck eine Verkürzung des Gebärmutterhalses auffällt. "Das gilt in der 20. Woche; sobald die Wehen eingesetzt haben, lässt sich durch die Gabe wenig erreichen", so der Frauenarzt.

In bestimmten Fällen, bei vorausgegangener Frühgeburt samt anderer Warnzeichen beispielsweise, kann auch eine operative Verstärkung des Gebärmutterverschlusses, eine Cerclage, den Prozess bremsen. Ein Check auf infektiöse Keime in der Scheide hilft im dritten Monat wiederum, das Risiko durch aufsteigende Keime klein zu halten.

Ob all das dem Mythos von der heilsamen Bettruhe ein Ende machen kann? Irene Hösli hat ihre Zweifel. Gerade durch das Internet seien viele Frauen verängstigt und wollten oft auch selbst nicht mehr aufstehen. "So eine Patientin müssen sie als Arzt sehr, sehr gut begleiten, um ihr die Furcht zu nehmen und sie vom Gegenteil zu überzeugen."