Hochrhein

Mit diesen Tricks verstecken Analphabeten ihre Schwäche

Sarah Trinler

Von Sarah Trinler

Mo, 27. August 2018 um 18:22 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Der Sonntag 7,5 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Aber die wenigsten geben das offen zu. Im Interview spricht eine Lehrerin für Erwachsene über ihre Strategien.

7,5 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Und das, obwohl sie eine Schule besucht und viele sogar einen Abschluss haben. Margot Eisenmeier, die am Hochrhein Kurse für Analphabeten gibt, erzählt, wie es soweit kommen kann und welche Kraft es kostet, mit dieser Einschränkung durchs Leben zu kommen.

Der Sonntag: Frau Eisenmeier, Sie haben in Ihren Kursen teils Menschen, die noch nie einen Stift in der Hand gehalten haben. In der heutigen Zeit ist das schwer vorstellbar.

Ja, aber das gibt es tatsächlich. In diesem Fall sprechen wir von primären Analphabeten, also denen, die nie eine Schule besucht haben und die Abstraktion von Schrift nicht kennen. Unsere Hauptgruppe ist allerdings die der funktionalen Analphabeten, die etwa ihren Namen schreiben können und die Buchstaben kennen, aber nichts damit anfangen können. Und dann gibt es noch solche, die das Lesen und Schreiben verlernt haben.

Der Sonntag: Ist das nicht wie Fahrradfahren, das man auch nicht verlernt?

Wenn Kinder in den ersten beiden Schuljahren keine Verbindung zwischen Zeichen und Laut herstellen können, dann ist das schnell weg. Als ich Kind war, war es ein gängiges Bild, dass Männer, wenn es Lohn gab, mit drei X unterschrieben haben oder dass Kinder aus der Landwirtschaft von ihren Eltern wochenlang nicht in die Schule geschickt wurden, weil Erntezeit war.

Der Sonntag: Dann sind Eltern und Lehrer dafür verantwortlich?

Das kann man pauschal nicht sagen, denn da kommen viele Faktoren zusammen. Ein Mensch, der nicht lesen und schreiben kann, hatte bereits in der Kindheit ein Riesenpaket zu tragen. Oftmals haben Kinder auch Probleme mit der Feinmotorik und bräuchten spezielle Förderung. Wenn das niemand erkennt, wird es schwierig.

Der Sonntag: Fast 60 Prozent der geschätzt etwa eine Million Analphabeten in Baden-Württemberg sind laut Kultusministerium erwerbstätig. Geht das, ohne dass der Chef oder Kollegen Bescheid wissen?

Ganz schwierig, aber es funktioniert. Zum Beispiel hatte ich in einem Kurs mal einen Fernfahrer, der Landkarten auswendig gelernt hatte und durch ganz Europa fuhr. Oder ein anderer, der viele Jahre in der Produktion tätig war. Als dann aber umgestellt und an jedem Arbeitsplatz ein Computer eingerichtet wurde, brach er zusammen. Meist sind Analphabeten hervorragende Mitarbeiter, weil sie eben keine Fehler machen wollen. Sie verfügen über ein hohes Maß an praktischer Intelligenz. Durch den Fortschritt der Digitalisierung werden sie aber zunehmend abgehängt. Die Folge ist soziale Isolation und Langzeitarbeitslosigkeit.

Der Sonntag: Geht Analphabetismus meist auch mit Krankheiten einher?

Der Druck, jeden Tag bestehen zu müssen und nicht auffallen zu wollen, ist enorm groß. Viele werden krank – Depression, Sucht, komplette Isolation. Das geht bis zu Suizidgedanken, denn die Betroffenen machen ihr Selbstbild nur noch daran fest, was sie nicht können. Auch ich muss mir das immer wieder bewusst machen: Es sind 26 Zeichen, die ein Leben beeinflussen.

Der Sonntag: Es gibt aber auch viele Analphabeten, die relativ gut durchs Leben kommen. Welche Tricks haben diese auf Lager?

Der Klassiker ist die vergessene Brille oder die verstauchte Hand. Oftmals wird auch die Zeit vorgeschoben, damit man etwa das Papier, das man ausfüllen soll, mit nach Hause nehmen kann. Ein Analphabet, der gut durchs Leben kommt, hat immer eine Vertrauensperson, die im Hintergrund unterstützt. Aus dieser Abhängigkeit kommt man dann aber nicht mehr heraus.

Der Sonntag: Die Angst, dass das Defizit auffliegt, muss sehr groß sein. Wie wird das Thema in der Bevölkerung behandelt?

Nach wie vor können Menschen nicht glauben, dass es heutzutage noch jemanden gibt, der nicht lesen und schreiben kann. "Wir haben doch Schulpflicht", kommt dann schnell als Argument. Es wird oft auf den Betroffenen geschoben, dass dieser einfach zu faul sei. Analphabetismus ist nach wie vor ein Tabuthema. Ein Betroffener hat mal gesagt: In Deutschland können sich mittlerweile HIV-Infizierte, Drogenabhängige oder Homosexuelle outen, aber zu sagen, dass man nicht lesen und schreiben kann, geht nicht.

Der Sonntag: Wird von politischer Seite etwas getan?

Im Vergleich zu früher hat sich schon einiges getan. Der Ausbau von Alphabetisierungskursen ist vorangeschritten und auch in Schulbuchverlagen ist das Thema mittlerweile angekommen. Im Wettlauf mit der Digitalisierung ist die Entwicklung aber viel zu langsam. Bund und Länder haben eine Dekade für Alphabetisierung ausgerufen, mit der sie Bildungsangebote für Analphabeten ausbauen wollen. Im Moment streiten sich aber die Politiker in Baden-Württemberg über die Bereitstellung einer knappen Million Euro für Alphabetisierungskurse – das ist lächerlich (d. Red.: Bislang wurden Analphabetismus-Projektträger im Land durch den Europäischen Sozialfonds unterstützt, dieser läuft Ende August aus).

Die VHS Freiburg bietet Alphabetisierungskurse für deutsche Muttersprachler an. Kontakt und Information: Renate Röttele-Lebfromm, Tel. 0761/3689530, E-Mail: lebfromm@vhs-freiburg.de